169) Die Elchjagd 2023

Übersicht über bisherige Jagd-Artikel in unserem Blog: Beitrag 168

Wie auch letztes Jahr gab es in der Nacht vor der Jagd den ersten Frost. Morgens zeigte das Außenthermometer bei uns -4 Grad an, aber es war perfektes Jagdwetter: trocken und wolkenlos. Um 7 Uhr ist Treffpunkt an der Jagdhütte, die Anfahrt dorthin dauert nur fünf Minuten – wie auch das Kratzen der Autoscheiben.

Die Elchjagd-Essentials:

  • Hohe Gummistiefel und ein zweites Paar Skisocken
  • Arbeitshose (Haunter ist eine Firma aus Årjäng, der Link ist nicht affiliate) über die Merino-Leggins
  • Diverse Mützen, Schals, Handschuhe und Stirnbänder gegen Kälte und Elchfliegen
  • Messer, Tupperbox und Tüten, um falls möglich das Herz mitnehmen zu können
  • Getränke (Kaffee in der Thermoskanne, Proteinshake, Wasserflasche)
  • Snacks (Müsliriegel, Würste, Hotdog-Brote, Senf, Ketchup, Grillspieß)
  • Treiber-Ausrüstung: Warnweste und Kompass
  • Sitzunterlage für die Bänke um das Lagerfeuer herum
  • Die Axt links gehört nicht dazu, ist aber seit Beitrag 153 aus gutem Grund immer im Kofferraum

Alle treffen sich zunächst im Morgengrauen am Feuer, bald darauf ist Aufstellung vor der Schlachthütte und Begrüßung durch den Jagdleiter. Auf eine Schweigeminute für ein im letzten Jahr verstorbenes Mitglied des Vereins folgt die Erinnerung an die Regeln, beispielsweise an das Alkoholverbot. Unsere zugeteilte Quote besteht aus einem erwachsenen Tier und einem Kalb. Die Jagdvereine der Umgebung haben untereinander aber soweit ich verstehe freiwillig vereinbart, jeweils nur das ausgewachsene Tier zu schießen und kein gesundes Kalb zu erlegen, um den Bestand schneller zu vergrößern. Eine Ausnahme stellt ein in der Gegend gesehenes humpelndes Jungtier dar, dieses darf geschossen werden. Die zweite Ausnahme ist eine extrem abgemagerte Elchkuh, die man seit Wochen in der Umgebung immer wieder sichtet und die von Mal zu Mal schlechter und ungesünder aussieht. Bei ihr wird darauf hingewiesen, dass man ihr Fleisch nicht verteilen würde, sie nicht zur Quote hinzugezählt wird und sie außerdem wenn möglich nicht per Kopfschuss erlegt werden soll, um die Obduktion des Gehirns zu ermöglichen. Dann wird festgelegt, in welchem Teilbereich des Jagdgebietes wir beginnen. Die Jäger losen aus, wer darin an welchem per rotem Band markierten Platz sitzt, und ziehen los. Wir Treiber stellen unsere Kompasse korrekt ein, machen uns ebenfalls auf den Weg in den Wald entlang der Gebietsgrenze und alle ca. 150 Meter bleibt eine Person stehen. Die Reihenfolge ist abgesprochen und man weiß, wer links und wer rechts von einem ist. Dann wird gewartet…

Während der Wartezeit sucht man sich schonmal die beste Route auf den ersten Metern der Strecke, so weit man sehen kann, und hüpft mit eingefrorenen Zehen auf der Stelle herum. Kurzzeitig fragt man sich vielleicht irgendwann besorgt, ob man das Startkommando eventuell überhört hat, aber dann geht es auch schon los: Es ertönt das „Huuuuhu“ von links und das „Heeeejo“ von rechts, man ruft das eigene „Seeeervus“ dazu und stapft los, immer dem Kompasspfeil nach, egal ob da ein Fels, ein Bach, ein Dickicht, ein Abhang oder ein Wasserloch im Weg ist. Die Schwierigkeit in diesem Teilbereich bestand darin, dass es dort hohe Bodenwellen gibt und die Marschrichtung aber nicht parallel zu diesen, sondern leicht schräg verläuft. Man ist also dazu verleitet, der Einfachheit halber entweder in einem Tal oder auf einer Anhöhe zu bleiben, darf das aber nicht, sondern klettert beständig auf und ab. Die Abstände bleiben möglichst gleich und das Tempo ebenfalls, so dass sich die Treiber-Linie konstant auf die Jäger-Linie zubewegt. Hier ein Video von einer sumpfigen Stelle:

Es ist teilweise körperlich sehr anstrengend und auch mental manchmal herausfordernd, weil man ja weder zu schnell noch zu langsam, weder zu weit links noch rechts gehen will und die anderen Treiber aber in Senkungen phasenweise minutenlang gar nicht mehr hören kann. Schließlich kommt man bei einem der Jäger heraus, der sich an seinem Sitzplatz bemerkbar macht, und geht auf das Funk-Kommando hin gemeinsam zurück zur Hütte. Die erste Runde (ca. eineinhalb Stunden) war erfolglos. Alle sammeln sich an der Feuerstelle und machen kurz Pause, dann fahren die Jäger los zu ihren nächsten Sitzplätzen im zweiten Teilgebiet. Die Treiber dagegen haben dort einen kürzeren Weg zu den Startpunkten und etwas mehr Zeit, und während die Jäger schon durch den kalten Wald marschieren, gibt es für uns erstmal gemütlich Fika in der Sonne…

An den umliegenden Straßen weisen Schilder die Autofahrer darauf hin, dass sie momentan besonders vorsichtig sein und auf aufgescheuchtes Wild achten müssen. Nicht nur Elche, sondern auch Rotwild und andere Tiere laufen schließlich vor den rufenden Ruhestörern davon. Aber wie eine der anderen Treiberinnen (mit der ich die Kanelbulle und Lussekatter gebacken habe) sagt: Besser einmal im Jahr durch „Huhu“ aufgeschreckt und dann nach einem sonst komplett freien Leben erschossen werden, als mit hunderten Artgenossen zusammengepfercht hinter Gittern vor sich hin vegetieren und halbherzig am Fließband getötet werden, ohne jemals den blauen Himmel gesehen zu haben.

In ungefähr diesen Abständen stellen die Treiber sich auf

Auch die zweite Runde war erfolglos, man trifft sich wieder an der Hütte und macht Mittagessen – in den allermeisten Fällen die typischen gegrillten Würste mit Senf und Ketchup im Hotdog-Brot. Das schmeckt besonders gut, wenn man vorher den ganzen Vormittag im Wald unterwegs war.

Die dritte und letzte Runde des ersten Tages war ebenfalls ohne Jagderfolg, und so wird am späten Nachmittag vereinbart, dass es am folgenden Tag um 7 Uhr weitergeht. Durch den Frost gibt es glücklicherweise kaum noch Elchfliegen, und so halten sich auch die gefühlten Phantom-Elchfliegen abends nach dem Duschen in Grenzen.

Eiskristalle auf Pflanzen und Wasseroberflächen

Am Montag Morgen waren es wieder minus 4 Grad, die Kleiderordnung mit Zwiebeltechnik blieb also die selbe. Das Lagerfeuer in der Jagdhütte ist einladend und alle versammeln sich mit ihrem Kaffee in der Hand. Dann folgt wieder die gemeinsame Aufstellung und die Besprechung der ersten Runde. Da eine Kuh und das verletzte Kalb in einem bestimmten Gebiet gesichtet wurden, konzentrieren wir uns auf diesen Teilbereich. Die ca. zwanzig Jäger in ihrer orange-braun-dunkelgrünen Kleidung machen sich wieder auf den Weg zu ihren Sitzplätzen und die neun Treiber in reflektierendem neongelb studieren die Karte, legen die Himmelsrichtung fest (diesmal 312°, also Nord-West) und fahren ebenfalls los.

Die Karten der verschiedenen Teilbereiche des Jagdgebietes

Die jetzigen Startpunkte für die Aufstellung sind entlang der Landstraße, man sieht von dort aus weit über das Feld vor sich und auch die leuchtenden Warnwesten jeweils ca. 200 Meter links und rechts neben einem. Es ist eiskalt, die Zehen freieren ein, ich hüpfe herum und warte auf das Signal. Zwei Schüsse ertönen kurz nacheinander ganz in der Nähe, ein gutes Zeichen. Ich sehe den Hundeführer mit seiner zur Elchjagd ausgebildeten vierbeinigen Begleitung rechts von mir über das Feld in diese Richtung gehen. Wir Treiber bekommen den Auftrag mit dem Rufen zu beginnen, aber noch an Ort und Stelle zu bleiben. „Seeeeervus“… „Huuuhu…“

Schließlich kommt ein Anruf mit der Information, dass ein erwachsenes Tier erlegt wurde, man nun aber noch das lahmende Kalb finden möchte. Also sollen wir ganz langsam losmarschieren, da es sich selbst anscheinend auch schon nicht mehr allzu schnell fortbewegen kann. Das Gelände ist zunächst sehr gut begehbar, meine Strecke führt über das Feld und durch einen hügeligen Wald, dann kommen wir an der alten Eisenbahntrasse heraus und warten dort wie abgesprochen aufeinander, um die Abstände wenn nötig zu korrigieren und auf weitere Ansagen des Jagdleiters zu warten. Wir sollen fortsetzen. Das nächste Stück ist extrem anstrengend, es geht durch Felsen steil bergauf und bergab, überall wächst das besonders rutschige weiße Moos auf den Steinen. Man hört die anderen kaum noch, aber überall sind frische Elchspuren auf dem Boden. Schließlich komme ich ziemlich K.O. bei einem der Treffpunkte heraus, an dem schon drei andere Treiber zusammen warten. Per Funk kommt bald darauf die Mitteilung, dass wir zur Hütte zurückkommen sollen. Dort angekommen gibt es erstmal wieder Würste, die allgemeine Stimmung ist gut, denn es wird eine Fleischverteilung geben und die Jagd 2023 war erfolgreich. Das Kalb wird nicht mehr weiter gesucht. Die anderen umliegenden Vereine, deren Jagdtage ebenfalls im Lauf der Woche stattfinden, sind darüber informiert und können weiter nach ihm Ausschau halten. Das „eiserne Pferd“ wird vom Anhänger gefahren, ein sehr geländegängiges und starkes Gefährt mit Ketten statt Reifen, das den geschossenen Elchbullen aus dem Wald zieht.

Auf ungefähr drei Jahre wird er geschätzt (bei Elchen kann man das Alter nicht wie bei Rotwild von der Anzahl der Geweihspitzen ableiten, sondern eher wie bei Pferden am Zustand der Zähne). An der Hütte wird er geöffnet, an den Hinterbeinen aufgehängt, dann gehäutet und ausgeweidet. Für 50 Kronen in die Vereinskasse dürfen wir in Absprache mit dem Jagdleiter und dem Schützen des Tieres das Herz wieder erstehen und freuen uns sehr darüber. Es wiegt etwas mehr als zwei Kilo und wird uns einige leckere und sehr gesunde Mahlzeiten liefern.

Für den Maßstab: Das ist ein gewöhnliches Schneidebrett von 27×36 cm.

Die restlichen Innereien teilen die Hundebesitzer untereinander auf und was ganz am Ende übrig bleibt wird für andere Tiere in den Wald zurückgefahren. Das Fleisch soll diesmal einige Tage länger vor der Zerlegung abhängen, daher wird dieser Termin für Samstag Vormittag festgesetzt und das Abschlussfest soll anschließend am Abend stattfinden.

Fazit: Die Elchjagd 2023 war, wie auch die letzten beiden Jahre, ein echtes Highlight. Sich eineinhalb Tage lang bei Eiseskälte und (bisher immer) Sonnenschein per Kompass einen Pfad querfeldein durch unwegsame Natur zu suchen und zwischendurch am Lagerfeuer die Wärme und die Gesellschaft der Gruppe zu genießen, ist einfach unbeschreiblich schön. So viele von ihnen sieht man nur dieses eine Mal im Jahr und alle sind wirklich unglaublich nett. Dass der Vorbesitzer unserer Hütten ein Jagdprüfer und Mitglied in diesem Verein war, und dass zwei sehr liebe Mitglieder gleich in den ersten Tagen damals nach unserem Einzug 2021 bei uns in der Einfahrt standen und uns dazu eingeladen haben, waren mit die besten Fügungen unseres gesamten Lebens in Schweden – der erste Platz hierbei wäre die Möglichkeit zum Kauf des Hauses nur 500 Meter vom ersten Grundstück entfernt.

Schreibt uns gerne bei weiteren Fragen zur Jagd, wir freuen uns über den Austausch!

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168) Jagd, Kartoffelernte, Hochbeete

Unsere Artikel zum Thema „Elchjagd“ werden hier im Blog mit am häufigsten gelesen und auch in persönlichen Gesprächen oder im Austausch online wird hierzu oft nachgefragt und manchmal ein bisschen diskutiert. Verständlich: In Deutschland ist allein schon das Thema „Jagd“ kein alltägliches. Und wenn es dann auch noch um Elche geht – man erlegt schließlich ausgerechnet die Tiere der Gattung, über deren Anblick sich jeder Tourist im Urlaub am meisten freut – macht es das Ganze nochmal interessanter oder auch brisanter. Viele Kommentare aus verschiedenen Perspektiven haben uns dazu in den letzten beiden Jahren bereits erreicht. Insbesondere über das Feedback derjenigen freue ich mich sehr, die ursprünglich ein negatives Bild von allen Jägern hatten, weil sie Tiere töten, und die dann unter anderem durch unsere Artikel hier ein anderes Verständnis davon bekommen haben. Zunächst nochmal ein Überblick über unsere bisherigen Texte zu diesem Thema (eine Auswahl), bevor es dann morgen mit der der diesjährigen Jagd losgeht, über die ich anschließend wieder schreiben werde.

Mit einer Nachbarin und Freundin, die ebenfalls aus Deutschland ausgewandert ist, habe ich letztens darüber gesprochen, dass man hier im (manchmal zu) harmoniebedürftigen Schweden, besonders in unserer ländlichen Gegend, von drei Dingen „nicht redet“: Politik, Religion und Wölfe. Wölfe deshalb, weil es hier bei diesem Thema, wie auch den beiden erstgenannten, vehement entgegengesetzte Meinungen gibt: Soll/Kann/Darf/Muss man sie schießen oder nicht, schützt man sie eher durch kontrolliertes Eindämmen der Population oder durch möglichst starke Vermehrung, richten sie in Summe mehr Schaden oder Nutzen an und so weiter. Bei dem diesjährigen Treffen des Jagdvereins wurde darüber aber natürlich gesprochen, denn der Verband ist schließlich dafür zuständig und hat demnach auch einen klaren Standpunkt dazu. Ich selbst muss sagen, dass ich mich da noch zu wenig auskenne, um mich endgültig positionieren zu können. Ich weiß, dass es momentan relativ viele Wölfe hier gibt und unter anderem dadurch die Quote auch dieses Jahr wieder „nur“ aus einem erwachsenen Tier und einem Kalb besteht. Ich weiß, dass alteingesessene Jäger, die sich an Zeiten von zwanzig und mehr Elchen erinnern, das als sehr wenig empfinden. Ich gehe davon aus, dass allen Jägern die Wichtigkeit und der Stellenwert der vier großen heimischen Raubtiere (Bär, Wolf, Luchs und Vielfraß) in der Nahrungskette bewusst ist und niemand sie hasst oder ausrotten will. Man ist sich wohl „nur“ uneins darüber, auf welche Weise man das Ökosystem am besten unterstützen soll und ob der Punkt, an dem eine Abschussquote Sinn macht bzw. sie erhöht werden muss, bereits erreicht ist oder noch nicht, und das bin ich nicht in der Lage zu beurteilen. Konkret geht es aktuell wohl unter anderem um einen Antrag an die Präsidentin der europäischen Kommission Ursula von der Leyen, die schwedische Wolfpopulation in Anhang V der EU-Habitat-Richtlinie aufzunehmen. Eine offiziell organisierte Wolfsjagd hat hier im Värmland und in Teilen von Norwegen auch letzten Winter stattgefunden, wurde dann aber vorzeitig abgebrochen.

Unsere Kartoffelernte ist abgeschlossen, der Acker ist leer (bis auf die Knollen, die wir ganz bestimmt darin übersehen haben). Insgesamt hatten wir von vier Sorten jeweils fünf Kilo Setzkartoffeln (hier der Beitrag dazu):

  • Early Puritan, früh und mehlig: Hiervon haben wir mehrere Portionen Kartoffelbrei gehabt und sie auch in Suppen und Eintöpfen verwendet, leider waren gegen Ende der Saison dann viele von ihnen faulig.
  • Amandine, früh und fest: Meines Erachtens die beste Sorte. Kaum faulige Knollen, sehr ertragreich, fast keine Verformungen.
  • Maria, früh und vorwiegend fest: Hiervon hatten wir etwas weniger, ein paar waren verfault oder hatten Schorf, aber insgesamt auch nicht schlecht.
  • Sava, spät und fest: Eher kleine Knollen, aber die meisten sind gut gelungen und dafür, dass sie länger als alle anderen in der Erde waren, gab es wenige faulige Kartoffeln.

Insgesamt war es hier ein sehr feuchter Sommer mit viel Niederschlag, so dass es sicher auch daran lag, dass einige Kartoffeln verfault sind. Bei den Early Puritan lag es aber ausschließlich an uns. Wir haben noch keine Erfahrungswerte, wann der beste Zeitpunkt ist, die Kartoffeln aus der Erde zu holen und haben sie wohl zu lange dort gelassen. Mit Schädlingen hatten wir darüber hinaus wenige Probleme. Einige Drahtwürmer waren in der Erde sichtbar, aber sie haben kaum Schaden angerichtet.

Viele Kilo Kartoffeln haben wir selbst bereits zubereitet und verspeist, viele weitere verschenkt. Zwei Kisten haben wir im Erdkeller eines Nachbarn gelagert und werden sehen, ob das gut funktioniert und mäusesicher ist.

Im nächsten Jahr werden wir dann voraussichtlich einen LKW voller Sand bestellen. Ein Teil kommt auf den Kartoffelacker, wird untergepflügt und dann wachsen dort für ein Jahr Blumen. Wahrscheinlich werden wir einen neuen Kartoffelacker im Frühjahr pflügen lassen, allerdings etwas kleiner als dieses Jahr. Und auch andere Teile unseres Grundstücks, die bisher überwuchert sind, sollen, so der Plan, gepflügt, etwas versandet und dann mit Blumenmischungen bepflanzt werden.

Zwei neue Hochbeete in Falurot stehen an der südlichen Wand eines unserer Schuppen. Im rechten sind Erdbeeren, die hoffentlich die kalte Jahreszeit überleben werden, und das linke soll Winterzwiebeln beherbergen. Der Boden der Beete ist jeweils eine Palette aus dem Supermarkt, die Bretter stammen größtenteils aus unseren Vorräten. Die Erde darin ist eine Mischung aus den Beeten dieser Saison und dem Pferdemist aus dem Frühjahr. Außen schützt die Farbe das Holz vor Nässe, innen ist eine gewebte Plastikfolie mit Löchern angebracht.

167) Nachhilfe für Ambitionierte

Beim letzten Gespräch mit meinem Ansprechpartner der Beratungsstelle für Firmengründer in Arvika ist mir durch eine kleine Bemerkung seinerseits einmal mehr bewusst geworden, wie unterschiedlich die Schulsysteme in Deutschland und Schweden sind, und dadurch auch die gesamte Atmosphäre in den beiden Ländern. Bei dieser Beratungsstelle habe ich vor einiger Zeit an einem ihrer kostenlosen Kurse teilgenommen, die einen Monat lang einmal die Woche abends stattfinden und bei denen man die Basics lernt, die man in Schweden für die Selbständigkeit braucht. Es geht um Rechtliches, Marketing, Buchhaltung und mehr. Viele nehmen daran teil, wenn sie eine Idee für eine selbständige Arbeit haben und die ersten Schritte lernen möchten. Mit meiner eigenen Firma „Projekt Schulabschluss“ (Webseite ist neu gestaltet) stehe ich nicht mehr am Anfang, aber der Kurs hat mir dennoch sehr viel gebracht, insbesondere bezüglich des schwedischen Steuersystems.

In diesem besagten Folgegespräch habe ich meinen Berater über alle Neuerungen und den aktuellen Stand informiert und unter anderem davon gesprochen, weiterhin Nachhilfe online in Deutschland zu geben. Und über meinen Plan, dies auch für schwedische Schüler anzubieten, die Deutsch lernen. Er fand die Idee gut, sprach bei der Zielgruppendefinition aber immer von den besonders ambitionierten Schülern, die dieses Angebot beanspruchen würden, um aus eigenem Interesse ihre sprachlichen Fähigkeiten noch mehr zu vertiefen. Der Gedanke, dass man Nachhilfe benötigen könnte, um ein gewisses Klassenziel zu erreichen, war ihm vollkommen fremd.

Mir ist dadurch ein weiteres Mal die (wenn auch manchmal unabsichtliche) Selbstverständlichkeit aufgefallen, mit der in Deutschland jedem, der den Ansprüchen des Lehrplans nicht genügt, suggeriert wird faul, unmotiviert und/oder dumm zu sein. Dadurch entstehen sehr, sehr tief sitzende Versagensängste und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten in den ohnehin pubertätsgeplagten Jugendlichen sowie ein großer, für die Zukunft fest internalisierter Druck und Stress sich konstant anstrengen zu müssen, um auch nur mithalten zu können. Gleichzeitig haben manche andere, die Nachhilfe „nicht nötig“ haben, bewusst oder unbewusst das Gefühl zu „reichen“, besser zu sein, dem Normalzustand anzugehören und so weiter. In einem Land wie hier dagegen, wo der Normalzustand ist, dass jede/r von schulischer Seite die Mittel an die Hand bekommt, um den Abschluss zu schaffen, ohne dafür private Unterstützung zu benötigen, entsteht diese Atmosphäre des Vergleichs und des Drucks gar nicht erst, die sich dann ja auch im gesamten späteren Leben weiterzieht.

Kein einziger Schwede hat in irgendeiner Weise auch nur reagiert, wenn davon die Rede war, dass ich grundsätzlich Lehrerin bin und jetzt parallel dazu im Supermarkt an der Kasse arbeite. Keinerlei Überraschung im Gesicht, keine Frage, kein Kommentar. Da gibt es keinen Unterschied in der Wertigkeit der Arbeitnehmer in diesen unterschiedlichen Berufsfeldern, obwohl es selbstverständlich unterschiedliche Tätigkeiten sind. Das waren wirklich ausschließlich Menschen aus Deutschland und anderen Ländern, die das „Warum?“, das „Also jetzt nur übergangsweise, oder?“, das „Ah, um die Sprache zu lernen, oder?“ oder auch negativere Dinge gesagt haben, oder die das überhaupt in irgendeiner Weise auffällig fanden. Und sei es nur, dass ich es selbst erwähnt habe und sie es so empfanden, als würde ich den Umstand, diesen Job jetzt auszuüben, absichtlich und auf übertriebene Weise betonen. Wenn ich formuliert habe, dass ich „eigentlich“ Lehrerin bin, ging es mir dabei soweit ich weiß immer nur darum, dass meine Arbeit mit den Jugendlichen für mich persönlich eine Sinnerfüllung darstellt. Aber natürlich musste auch ich die in mir eventuell vorhandenen unterbewussten Klischees erst reflektieren. Diese Abwertung von Kassierern, die in Deutschland teilweise stattfindet durch Sätze wie „Schau, dass du dein Abi machst, sonst landest du bei Aldi an der Kasse“ (in Elterngesprächen so gehört) ist hier auf jeden Fall gefühlt komplett inexistent.

Mir ist der Einwand dagegen, der Hintergrund des Leistungsgedankens, natürlich klar. Die Befürchtung, dass im Land nichts mehr vorwärts geht, wenn man nicht mehr konstant im Wettkampf miteinander ist. Ich stelle aber fest, auch in Schweden „geht es vorwärts“. Die Lebenseinstellung von „Lagom“ – für jeden nicht zu viel und nicht zu wenig – und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich entgegen kapitalistischer Ängste anscheinend nicht aus, wie man zum Beispiel bei der Staatsverschuldung oder dem in Schweden höheren verfügbaren Einkommen sieht.

Und auch hier werden diejenigen zusätzlich gefördert, denen sonst im Unterricht langweilig wäre. Eine Maßnahme, die unglaublich sinnvoll ist und trotzdem zumindest meiner Lehr-Erfahrung in Bayern nach vollkommen unüblich, ist zum Beispiel, dass es schon in der Grundschule in den Fächern Schwedisch und Mathe (teilweise auch später in anderen Fächern) die Schulbücher regulär in zwei oder sogar drei verschiedenen Versionen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden gibt. Die Lehrer müssen also nicht wie in Deutschland in Eigeninitiative zusätzliche Übungen und Arbeitsblätter für die ambitionierteren, gelangweilteren, schlaueren oder schnelleren Schüler (oder denjenigen am anderen Ende des Spektrums, denen das Schulbuch noch zu schwer ist) jeden Tag extra heraussuchen, kopieren und verteilen, sondern geben denjenigen einfach die andere Ausgabe des Lehrwerkes für den Unterricht.

Ich freue mich darauf, in nicht allzu langer Zeit an einer schwedischen Schule unterrichten zu können und das hiesige Schulsystem auch persönlich durch eigene Erfahrung kennenzulernen. Wie schon in meinem Artikel über die schwedische Hochschulreife angesprochen (Beitrag 160) gibt es da doch einige signifikante Unterschiede zu Deutschland und ich finde es sehr spannend, das zu vergleichen. Im besten Fall können ja, wenn schon nicht die gesamte Bildungspolitik, zumindest einige hier mitlesende Lehrerinnen und Lehrer vielleicht individuell kleine Änderungen vornehmen und sich eventuell ein bisschen was von Schweden „abschauen“. Ich selbst empfinde dieses Menschenbild, dass alle wirklich gleichwertig sind, in meiner selbständigen Arbeit als oberste Priorität: sei es in den Nachhilfestunden für Schule und Studium, den Projektmanagement-Workshops und dem Online-Unterricht an Schulen, dem mehrtägigen Seminar zur Abiturvorbereitung hier in Schweden (Termine in den Sommerferien 2024) sowie bei der Unterstützung von Unternehmen.

166) Gesundheitsmaßnahmen für den Winter

Die Winter hier sind lang und dunkel. An den doch recht extremen Jahresverlauf mit sehr wenig Sonne und Licht im Winter und sehr viel davon im Sommer haben wir uns gewiss noch nicht komplett gewöhnt – und manche Schweden behaupten, dass man sich da eigentlich auch nie so richtig dran gewöhnt.

Die Moderne und das Leben in Städten haben dazu geführt, dass natürliche Zyklen und Schwankungen nichtig gemacht werden. Wirkliche Dunkelheit beispielsweise gibt es in einer Stadt nicht mehr. Nach dem Tag, der in der Regel für Arbeit genutzt wird, wird die Nacht ebenfalls zum Tag gemacht, um weiter arbeiten zu können und um Gastronomie, Kultur, Vergnügen konsumieren zu können. Es ist interessant, dass die Schweden, mit denen wir geredet haben und die in großen Städten wohnen, das Problem der großen Dunkelheit im Winter weniger wahrnehmen, gerade weil es in der Stadt dann eben hell gemacht wird. Hier auf dem Land dagegen ist es draußen dann wirklich einfach dunkel.
Das künstliche, bläuliche Licht von Computer- und Smartphone-Bildschirmen bringt den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus zusätzlich durcheinander. Schlafstörungen sind weit verbreitet, FOMO (fear of missing out) insbesondere in Städten ebenso. Dennoch sind viele Menschen davon überzeugt, dass das Leben in unseren Städten die Spitze der Zivilisation darstellt. Work hard, play hard – degenerate hard.

Das alles spielt auch in Schweden eine Rolle, und selbst in einem ländlichen Gebiet wie dort, wo wir wohnen, kann das vorkommen. Man kann der Moderne nicht einfach entfliehen. Vielleicht möchte man es auch nicht komplett.

Dennoch ist das Leben hier etwas näher am natürlichen Jahreszyklus orientiert. Im Sommer, wenn viel Licht herrscht, wird (wenig überraschend) alles gemacht, was draußen zu tun ist. Es wird gebaut, gegärtnert, und wenn man Landwirtschaft betreibt, ist der Sommer ohnehin die große Zeit der Aktivität.
Im Winter, wo draußen Dunkelheit herrscht, ist es hier üblich, Renovierungen in den Innenräumen vorzunehmen. Das Leben kehrt sich nach innen, in der Natur wie im Privaten. In früheren Zeiten waren das die Monate, in denen gewerkelt wurde, gestrickt, gewebt und so weiter.

Wie schon in anderen Artikeln (insbesondere Beitrag 123 und Beitrag 124) beschrieben ist dem Staat hier in Schweden (und Skandinavien insgesamt) bewusst, dass auch eine adäquate Versorgung mit Vitamin D insbesondere über den Winter für Körper und Geist sehr wichtig ist. Einige Produkte (Milch zum Beispiel) sind mit dem Vitamin angereichert, eine Supplementierung wird von Krankenschwestern und Ärzten zusätzlich grundsätzlich empfohlen. Davon kann sich Deutschland eine Scheibe abschneiden.
Sandra hat mit ihrer Supplementierung am Ende des letzten Winters einen Vitamin-D-Wert erreicht, der ganz okay war. Ich habe selber schon länger nicht mehr gemessen und werde in diesem Jahr im Oktober, Dezember und Februar meinen Wert bestimmen lassen und gegebenenfalls die Maßnahmen anpassen.
Bald werden wir wieder unsere Tageslichtlampe aus dem Keller holen. Die wirkt sich zwar nicht auf den Vitamin D-Spiegel aus, aber das Licht ist dennoch wichtig für den Körper. Unsere Infrarotsauna kommt ebenfalls bald wieder öfter zum Einsatz. Sie gibt Wärme und wirkt sich positiv auf Psyche und Immunsystem aus. Neu in diesem Jahr werden wir mal versuchen, regelmäßig ins Solarium zu gehen, dort wird nämlich die Bildung des Sonnenvitamins stark angeregt. Und als Basis-Maßnahme gibt es bei uns beiden nach wie vor Vitamin D in Kombination mit Vitamin K2 als Tropfen.

Damit sollten wir gut über die dunkle Jahreszeit kommen.

165) Über Innereien (plus Rezept)

Vor gar nicht allzu langer Zeit waren Innereien ein relativ normaler Bestandteil einer traditionellen Ernährung. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert, was aus mehreren Gründen bedauerlich ist.
Innereien sind einerseits in vielerlei Hinsicht das nährstoffreichste, was ein Mensch essen kann. Herz zum Beispiel enthält, neben dem natürlich hohen Eiweißgehalt, große Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen. So ist Rinderherz mit Abstand die beste Quelle von Q10 für den Menschen, die es gibt. Auch das Herz anderer Tiere liefert enorme Mengen zum Beispiel an B-Vitaminen.
Von Leber ganz zu schweigen. Sie ist so massiv nährstoffreich, dass in quasi allen traditionellen Jäger-und Sammlerkulturen die Leber das begehrteste Stück des Tieres war, das meist dem Chef vorbehalten war. Sie enthält große Mengen an verfügbarem Eisen, Vitamin D, und ist darüber hinaus das Lebensmittel, das mit Abstand die größte Menge von Retinol, dem für den Menschen wichtigsten A-Vitamin, enthält.
Aber nicht nur der hohe Nährstoffgehalt macht das Essen von Innereien zu einer guten Sache. Auch der Respekt vor dem Tier, das getötet wurde, um von uns gegessen zu werden, gebietet es, möglichst nichts vom Tier ungenutzt zu lassen. Nose-to-Tail nennt man das auch neudeutsch. Von der Nase bis zum Schwanz, von innen bis außen, sollte man möglichst alles vom Tier essen oder anderweitig nutzen. Bei naturnah lebenden Völkern wie den Inuit oder den ursprünglichen Amerikanern war das selbstverständlich.

Heute ist der Umgang mit Innereien zumeist ein gespaltener. Wir essen sie dort, wo wir sie nicht erkennen (oft finden sie in Wurstwaren ihren Platz), aber in Reinform möchten wir sie uns oft nicht einverleiben, zu sehr erinnern sie uns daran, dass es mal ein Lebewesen war mit Organen, wie auch wir sie haben. Dazu kommt eine geradezu abstruse Entwicklung: in der Zeit seit dem zweiten Weltkrieg hat sich die Denkweise entwickelt, dass die „mageren, zarten Stücke“ vom Tier das sind, was wir eigentlich essen wollen (weil wir es uns leisten können) oder sollen (aus einer fehlgeleiteten Propaganda gegen gesättigte Fette heraus). Dabei enthalten diese mageren Stücke zwar ebenso zum Beispiel wertvolles, gut verfügbares Eiweiß, bieten darüber hinaus aber oft weniger Nährwert.

Auch ist der Umgang mit Innereien innerhalb von Europa recht unterschiedlich. In Ländern, wo eine traditionelle Ernährung noch einen hohen Stellenwert hat (Frankreich, Italien), haben sie nach wie vor ihren festen Platz im Kanon der Ernährung. So ist es in der Emilia-Romagna nicht schwer, in einem Restaurant noch einen Eintopf mit Kutteln auf der Speisekarte zu finden.
Andererseits gibt es Länder wie Schweden, wo es zwar in Wurstwaren reichlich Innereien gibt (ist hier besser zu sehen, weil die Auszeichnung der Lebensmittelinhalte etwas umfassender geschieht), andererseits bekommt nach der Elchjagd typischer Weise die Leber nicht der Chef, der Jagdleiter oder auch nicht jeder ein bisschen davon, sondern sie geht meist an die Hunde, während die Menschen dann lieber Wurstwaren äußerst zweifelhafter Qualität über dem Feuer grillen. Somit wird der beste Freund des Menschen besser ernährt, als der Mensch selbst, was auch eine gewisse Aussagekraft hat.

HÜHNERHERZEN UND DEREN ZUBEREITUNG
Hühnerherzen sind sozusagen eine Anfänger*Inne(n)rei und ein echtes Studentenessen: nährstoffreich, günstig und leicht zuzubereiten. Hier in Schweden gibt es Hühnerherzen und Hühnerleber sogar im Lidl, in Deutschland habe ich das noch nie im Supermarkt wahrgenommen. Die meisten Metzger können aber problemlos und oft erstaunlich kostengünstig Hühnerherzen auf Bestellung besorgen.
Im Gegensatz zu einem großen Rinderherz, was vor der Zubereitung noch von Sehnen und so weiter befreit werden sollte, muss mit den Hühnerherzen nur eines geschehen: man sollte sie abwaschen. Dann kann man sie sofort entweder anbraten oder köcheln.
Mein Grundrezept ist, sie mit kleingeschnittener Zwiebel, etwas Wasser, Salz und Pfeffer aufzukochen und dann mindestens 10-15 Minuten auf leichter Hitze köcheln zu lassen.
Statt Wasser kann man auch mit anderen Flüssigkeiten variieren: passierte Tomaten, Brühe, Kokosmilch – alles möglich.
Hinzufügen kann man auch Gemüse nach Lust und Laune. Wer möchte, macht sich Reis oder Kartoffeln dazu. Fertig, ganz simpel – und sehr zu empfehlen.