Zu Beginn des neuen Jahres fand in unserer Nachbarschaft ein gemeinsamer Abend im Café statt, welches es hier seit letztem Sommer gibt. Es war ein sehr schönes Treffen mit tollem Essen (unter anderem ein typisch holländisches Wintergericht), netten Gesprächen und sogar Karaoke. Für die guten Kontakte zu den Nachbarn und ihre große Hilfsbereitschaft können wir hier wirklich sehr dankbar sein, das weiß man ja vorher nicht, wenn man auswandert… Zu Silvester haben es alle hier ruhig angehen lassen: ein, zwei Raketen haben wir um Mitternacht im Umkreis gesehen und nur ein paar mehr noch gehört.
Die Schule hat wieder gut begonnen, wir hatten zunächst einen Vorbereitungstag alleine im Kollegium und einen Tag später waren dann auch für die Kinder die Ferien zu Ende. Dabei finde ich es wichtig im Hinterkopf zu haben, dass Schüler, die daheim eine andere Sprache sprechen, teilweise eventuell drei Wochen lang kaum schwedisch geredet haben. Ich merke bei mir selbst, dass mein Sprechen dann etwas rostig und insbesondere das lange Zuhören wirklich anstrengend ist. Das kann sich dann als Müdigkeit zeigen, aber natürlich auch in Gereiztheit und andere Verhaltensweisen umschlagen. Viele Kinder, mit denen ich mich am ersten Schultag darüber ausgetauscht habe, haben sich jedenfalls verstanden gefühlt.
Wir werden mit der Schule auch wieder einen Freiluft-Tag wie letztes Jahr planen. Wintersport habe ich seit vielen Jahren nicht wirklich gemacht, aber in den letzten Tagen hat eine liebe Freundin mich mit eingepackt: zunächst ein bisschen Eislaufen auf dem See mit anschließendem Lagerfeuer…
…und gestern ein richtiges Training, nämlich Langlauf. Die Ausrüstung stellt der Sportverein zu Verfügung, die Spuren gehen direkt von der Turnhalle aus los. Und so haben wir einige Runden mit Stirnlampe gedreht und die frische Luft in der Natur trotz Kälte und Dunkelheit genossen:
Heute hatte es minus 17 Grad, klarer Himmel, Sonnenschein… da bestand abends die Chance auf Polarlichter, und tatsächlich habe ich sie gerade draußen entdeckt:
Heute frühNordlicht vor einer Stunde vom Fenster aus
Es ist Mitte Dezember und damit die dunkelste Phase des Jahres. Das Wetter ist extrem mild, bis auf ein paar Tage im November war es bisher kaum unter Null. Die Kälte spielt also diesen Winter bisher keine große Rolle, die Dunkelheit aber umso deutlicher. Es regnet dauerhaft, alles ist konstant grau und matschig, den Anblick der Sonne vermisse ich gefühlt seit Wochen. Frische Luft bei Tageslicht, Bewegung draußen nach der Arbeit – all das fällt gerade fast gänzlich weg oder wird zumindest deutlich düsterer und umständlicher. Die Folgen sind insgesamt mehr Müdigkeit, weniger Aktivität, schlechtere Laune. Natürlich gibt es Vitamin D Supplements, Stirnlampen und andere Hilfsmittel, aber es wirkt sich trotzdem definitiv auf die Stimmung aus.
In der Schule läuft es dennoch gut. Insbesondere das Fach Kunst macht mir Spaß, den Kindern auch. Zumindest aus Papier kann man Schneemänner bauen.
Eine richtig coole Aktion war Anfang Dezember unser Tag der offenen Tür. Für die landesweite Spendenaktion „Musikhjälpen“ hat die ganze Schule Geld gesammelt, wir haben unter anderem Weihnachtsbaum-Anhänger aus Ton gebastelt und verkauft. Sollte ein Spendenziel von 30.000 Kronen erreicht werden, hat unser Rektor öffentlich versprochen, sich unser Schulmotto tätowieren zu lassen (eine andere Rektorin im Värmland hatte mit der Idee als Ansporn für Firmen und Privatpersonen begonnen) – wir waren am Ende bei über 80.000 Kronen und das Versprechen wurde bereits eingelöst. „Wir sehen dich so, wie du bist, treffen dich wo du stehst und heben dich so hoch es geht“ ziert nun den Schulleitungs-Oberarm.
An zwei Abenden durfte ich das traditionelle Julbord genießen, einmal mit dem Kollegium und einmal mit allen Lehrkräften der Gemeinde im Lehrerverbund. Beide Feiern waren sehr schön, nur beim Musik-Quiz war ich keine große Hilfe, denn schwedische Weihnachtsklassiker sind noch nicht mein Spezialgebiet. Am leichtesten zu erklären, was im Julbord-Buffet immer enthalten ist, geht mit dem Weihnachts-Mittagessen in der Schule gestern:
Julbord: Köttbullar, Prinskorv, Kartoffelgratin, halbierte Eier mit Krabben, Julschinken, Rote-Bete-Salat…
Das Lucia-Fest war auch dieses Schuljahr wieder sehr schön. Es gab im Klassenzimmer Fika mit den typischen Lussekatter und Pepparkakor, dazu natürlich Julmust. Der Umzug und das Konzert der Mittelstufe waren natürlich das Highlight:
Auf das Lucia-Fest fällt gleichzeitig der Tag des frühesten Sonnenuntergangs. Obwohl sie noch zwei weitere Wochen lang jeden Tag erst ein paar Minuten später aufgehen wird, wodurch der insgesamt kürzeste Tag dann die Wintersonnenwende ist, kann man sich also zumindest abends ab jetzt schon auf etwas mehr Licht freuen. Ich schreibe das mit dem größten Optimismus, denn gerade ist es 14 Uhr und von „Licht“ oder gar „Sonne“ kann beim Blick aus dem Fenster wirklich kaum eine Rede sein…
Auch dieses Jahr hat die Jagdsaison mit dem Jahrestreffen des Vereins im August begonnen, bei dem immer alle wichtigen Informationen und Neuerungen besprochen und abgestimmt werden. Es war eine besondere Situation, da unser Jagdleiter, der diesen Posten viele Jahre lang innehatte, nach der letzten Jagd zurückgetreten ist und herzlich verabschiedet wurde. Daher wurde nun also ein neuer Jagdleiter gewählt. Auch die Quote für dieses Jahr wurde bekanntgegeben, unserem Verein wurde ein erwachsenes Tier und zwei Kälber zugeteilt.
Der nächste Termin war dann im September die Pass-Vorbereitung, bei der wir mit Bändern die Stellen im Wald markieren, an denen dann bei der Jagd die Schützen sitzen werden. Sie sind entlang einer Linie aufgereiht, auf die sich die Treiber dann ebenfalls als Linie aufgestellt rufend zubewegen und die sich dazwischen aufhaltenden Elche so in Richtung der Jäger treiben.
Dann war es diesen Freitag so weit: um 18 Uhr fand die Vorbereitung am Schlachthaus statt, bei der kontrolliert wird, dass Strom, Wasser, ausreichend Wannen und alle anderen wichtigen Gegenstände vorhanden sind. Am Samstag um 7 Uhr war dann Treffpunkt für alle und nach einem gemütlichen Ankommen eröffnete unser neuer Jagdleiter die Runde. Es wurde über die Regeln gesprochen, beispielsweise:
Alle müssen ihre Jagdkarte, Jagdschein und Jagdversicherung haben (letzteres nur die Schützen, nicht die Treiber)
Wiederholung der Regeln für Magazin und Patronen in den Gewehren
Erinnerung daran, nie auf ein Tier im Gegenlicht zu schießen, wenn man nur die Silhouette sieht
Hinweis auf den Einsatz der Jagdhunde, auf die man natürlich besonders achten muss, wenn sie sich in der Nähe des Elchs befinden
Vorgehensweise beim Anschießen eines Tieres (die Jagd wird gestoppt und die höchste Priorität ist es, das Tier zu finden)
Schießen eines Kalbs vor der Mutter, wenn beide zusammen unterwegs sind, da das Kalb ansonsten im Winter kaum Überlebenschancen hat
und weitere Regeln und Absprachen innerhalb der Gruppe.
Ein kurzer Schreckmoment entstand, als einer der Jäger bei der Besprechung, als wir alle im Kreis standen, der Länge nach rückwärts auf den Boden fiel. Nach einer Sekunde, in der sich niemand rührte, haben sich einige sofort souverän um ihn gekümmert. Es wurde ein Krankenwagen gerufen, der ihn nach Arvika gebracht hat, und glücklicherweise kam im Lauf des Tages die Nachricht, dass er bereits wieder entlassen werden konnte und es sich wohl nur um einen plötzlichen Abfall des Blutdrucks gehandelt hat.
Dann wurde beschlossen, in welchem Bereich unseres Reviers begonnen wird und die Jäger haben die Nummern gezogen, an welchem der markierten Plätze sie sitzen werden. Sie haben sich auf den Weg gemacht, während wir Treiber noch gemütlich am Lagerfeuer sitzen und Josts Kekse essen konnten… Dann sind auch wir aufgebrochen, wie immer ausgerüstet mit Warnweste und Kompass, und sind an unsere Ausgangsplätze gefahren. Letztes Jahr wurde der Elch (es war nur einer in der Quote) erlegt, bevor wir überhaupt losgegangen waren – und auch diesmal kam in der Jagd-App bereits vor dem Startsignal die Benachrichtigung, dass der Hundeführer ein Kalb geschossen hat. Daraufhin sind wir losmarschiert. Das Gelände auf meiner Strecke war zunächst einfach, da es nur über ein Feld ging. Dann kam ein längeres Stück im Wald, das teilweise etwas unwegsam war, aber machbar. Man hält sich ja an die Himmelsrichtung des Kompasses, in diesem Fall 320 Grad, und darf grundsätzlich nicht wirklich davon abweichen, das heißt es geht über Stock und Stein und das finde ich richtig schön und besonders, wenn man sich nicht an vorgefertigte Wege hält, sondern sich seinen eigenen durch das Gestrüpp bahnt.
Schließlich kam ich an einen ca. 15 Meter hohen senkrechten Abhang, den ich weder links noch rechts von mir sicher herabklettern konnte. Ich habe also den Leiter unseres Treiber-Teams angerufen und gesagt, dass ich jetzt von meiner Richtung abweichen muss. Er hat gesagt, dass die Jagd ohnehin bereits beendet ist, und ich einfach in Ruhe zum Treffpunkt kommen soll – ich hatte das zunächst so verstanden, dass DIESE Runde des Treibens zu Ende war. Als ich aber nach einer recht abenteuerlichen Kletterpartie beim Rest der Gruppe ankam, habe ich erfahren, dass die gesamte Jagd bereits vorbei ist, weil alle drei Tiere getroffen wurden. Sie wurden daraufhin aus dem Wald geholt und zum Schlachthaus gebracht:
Jungbulle
Sie wurden der Reihe nach an den Hinterbeinen aufgehängt, die Organe wurden ausgenommen (wir freuen uns wieder über zwei der Herzen), der Rest gehäutet und so vorbereitet, dass sie dann einige Tage im Schlachthaus abhängen konnten:
Noch am gleichen Abend fand das Jagdfest statt, diesmal nicht wie bisher im Versammlungsheim, sondern bei unserem neuen Jagdleiter daheim, der natürlich auch froh war, dass seine erste Jagd in dieser neuen Rolle so gut und erfolgreich verlaufen ist. Es gab Köttbullar aus dem Elchfleisch von letztem Jahr, dazu Kartoffeln, Gemüse, Sauce, Preiselbeeren und Knäckebrot sowie zwei hervorragende Kuchen als Nachtisch.
Ja, und dann ist nach dem Essen etwas passiert, was ich nie erwartet hätte und was mich wirklich riesig freut und auch nach wie vor überrascht. Jedes Jahr wird bei diesem Fest ein Wanderpokal vergeben bestehend aus einem Rucksack und einer Tafel, in deren Holz die Namen der bisherigen Gewinner eingebrannt sind. Es gibt ihn, der Liste entsprechend, seit dem Jahr 1977. Die Übergabe erfolgt durch den Vorsitzenden des Jagdvereins. Er sprach vor der Bekanntgabe darüber, dass in den Nachrichten momentan viel über die schwedische Kultur zu lesen ist und darüber, was das eigentlich ist – und er sagte, dass das hier für ihn ein Sinnbild schwedischer Kultur ist: gemeinsam in der Gruppe zu sitzen, zu essen, sich auszutauschen und zu feiern. Und dann sagte er meinen Namen bei der Verkündung des diesjährigen Wanderpreises. Ich war wirklich komplett überrascht, schon in meinem fünften Jahr an dieser Stelle genannt zu werden. Ich hatte spontan eine kleine Zusatzaufgabe übernommen (die Dokumentation aller gesichteten Elche, für die ich also herumgefragt und aufgeschrieben habe, ob jemand einen Elch gesehen hat), und bin auch jetzt noch wirklich gerührt über die Wertschätzung. Dieser Jagdverein war unser erster Kontakt mit der „schwedischen Kultur“, da 2021 das erste Treffen nur zwei Wochen nach unserem Umzug stattfand und wir sofort herzlich aufgenommen wurden zu einem Zeitpunkt, wo wir noch kein Wort schwedisch konnten und auch noch nicht wussten, an welchem Flecken Erde wir hier eigentlich gelandet sind. So herzlich und ehrlich willkommen geheißen zu werden und jetzt nach etwas über vier Jahren so „offiziell“ aufgenommen und anerkannt zu werden, bedeutet mir viel.
Jetzt war heute noch der letzte Arbeitsschritt fällig: Das Zerlegen und Zerstückeln des Fleisches. Um 8.30 war Treffpunkt, wer nicht arbeiten musste, kam und half. Ich hatte vormittags frei, daher konnte ich meine Metzgerkünste wieder ein kleines Stück verbessern…
Wir freuen uns über etwas mehr als 6 Kilogramm bestes Elchfleisch, teilweise in Bratenstücken und teils als Hack.
Und zu guter Letzt noch zwei kleine Updates zu Herbst und Winter: einerseits haben wir einen Zaun um unseren Baum gebaut, an dem sich in den letzten Wochen ein Hirsch regelmäßig nachts ausgetobt hat und ihn an einer Seite fast komplett zerstört hat:
…und andererseits haben wir uns zum Kauf eines „Dubbdäck“ entschieden, also den Winterreifen mit den kleinen Spikes. Die sind auf den mit Schnee und Eis bedeckten Straßen einfach nochmal eine Spur sicherer und werden uns hoffentlich gute Dienste leisten!
Ich habe in den letzten Jahren viel geschrieben. Teilweise für mich selbst, manchmal zur Veröffentlichung auf diesem Blog und teilweise mit der Absicht, es irgendwann in der Zukunft zu veröffentlichen.
Schon lange habe ich den Wunsch gehegt, alle Themen, die in meinem Leben eine Rolle spielen und gespielt haben, in einem Text vereint zu verarbeiten. Das ist mir bei meinen Versuchen bisher mit eher mäßigem Erfolg gelungen.
Darum habe ich mich entschlossen, meine Themen gedanklich etwas mehr zu trennen, und so ist durch das Ausgliedern eines Themenkomplexes mein erstes Buch (beziehungsweise langer Essay) erschienen.
„Geistige Selbstverteidigung – ein Leitfaden für klares Denken in unsicheren Zeiten“ ist kein Fachbuch. Stattdessen möchte ich damit dem Leser Impulse geben, wie ein klares und würdevolles Denken erreicht werden kann – auch in einer Welt, in der es immer schwerer wird, wichtige Information von Junk und Nachricht von emotionalem Anstoß zu unterscheiden.
Ich zeige, warum sich Prinzipien des Kampfsports wie zum Beispiel Achtsamkeit und das richtige Einschätzen von Distanz nahezu nahtlos in das eigene Denken übertragen lassen.
„Geistige Selbstverteidigung“ ist aber an sich weder ein Text nur über Kampfsport noch ausschließlich für Kampfsportler. Es ist ein Plädoyer für eine würdevolle Existenz, die im eigenen Kopf beginnt.
Das Buch ist momentan exklusiv bei Amazon für Kindle erhältlich (hier der Link). Wer bei Amazon am Kindle Select Programm teilnimmt, kann es in diesem Rahmen gratis lesen. Ab Anfang 2026 werde ich das Buch voraussichtlich auch auf anderen Wegen digital vertreiben.
Davon abgesehen hat mich unser 4-jähriges Schweden-Jubiläum, das im August ja fällig war, erstaunt. Erstaunt deshalb, weil diese 4 Jahre für mich sehr schnell vergangen sind. Natürlich ist in diesen Jahren viel passiert, aber im Rückblick waren sie doch schnell vergangen.
Mein Leben hat sich seit dem Auswandern grundlegend verändert. Nachdem ich davor beinahe mein ganzes Leben in Städten oder Großstädten verbracht habe, lebe ich hier, wie ihr Leser wisst, ganz anders.
Ich habe in der Rückschau auch realisiert, dass sich auf der einen Seite mein Radius sehr stark verkleinert hat, es mir andererseits an nichts gefehlt hat. In vier Jahren war, abgesehen von Tagesausflügen, ein verlängertes Wochenende in Oslo alles, was ich an „Urlaub“ hatte. Aber ich hatte nie wirklich das Bedürfnis nach Urlaub, weil ich hier ein Leben führe, wovon ich eine Pause zumeist weder möchte noch brauche. Hier in der unmittelbaren Umgebung gibt es jeden Tag Neues zu beobachten und zu sehen. Das sind ganz ursprüngliche Naturschauspiele und hat nichts mit Lärm, Geschäftigkeit und Unterhaltungsindustrie zu tun. Dafür zeigt es das Große im Kleinen, die eigentlichen Dynamiken des Lebens und auf eine andere Weise auch die Dramen des Lebens.
Verschiedene Kreisläufe wiederholen sich immer wieder, sind aber doch jedes Mal anders.
Der Herbst hat hier längst Einzug gehalten.
Es war ein ungewöhnlich feuchter Sommer, seltsamerweise fast komplett ohne Mücken. Äpfel gab es in diesem Jahr so gut wie keine, aber das ist nicht unüblich nach einer so reichhaltigen Ernte wie im letzten Jahr. Auch die Kartoffelernte ist in diesem Jahr nicht gut ausgefallen. Die Kartoffeln waren insgesamt ziemlich klein. Dadurch, dass es häufig geregnet hat und die Sonne den Boden dann wieder getrocknet hat, war er dann gebietsweise recht stark verdichtet, so dass die Ernte auch ziemlich mühsam war.
Dafür hat die Einzäunung des Bereiches um den Gewächshaus-Tunnel gut funktioniert. Innerhalb des Tunnels war die Ernte reichhaltig und auch außerhalb sind Radieschen, Karotten und Mangold gut gewachsen, ohne von Rehen verputzt zu werden. Den Bereich werden wir in der nächsten Saison vermutlich ausbauen.
Zur Zeit haben wir auch, leider, regelmäßig Besuch von einem neuen Nachbarn. Ein neuer Platzhirsch hat sich hier im Revier gerade eingenistet, ein richtiger Brocken, der jetzt in der Brunftzeit mit Vorliebe ab nachts um 2 die Nachbarschaft zusammenröhrt. Soweit kein Problem, allerdings hat er sich leider unseren schönsten Nadelbaum, der an der Straße steht, ausgesucht, um sich auszutoben und sein Geweih zu wetzen. Schon erstaunlich, was da für ein Schaden entstehen kann. Äste mit 4 cm Durchmesser werden da durchgebissen, und morgens schaut man sich das an und denkt, eine kleine Bombe ist im Baum explodiert, weil überall im Umkreis Zweige und Äste verstreut sind.
Über die Jahre habe ich hier im Garten weit über 50 Arten Singvögel beobachtet, und auch das ist in jedem Jahr anders. Diesen Sommer haben wir hier beispielsweise zum ersten Mal ein Schafstelzen-Paar gehabt, und jetzt im Herbst sind es deutlich mehr Amseln, andere Drosseln und Rotkehlchen, als in den Jahren zuvor.
Und natürlich sind auch die Lemminge der Lüfte wieder in Mengen in den Garten eingefallen. Andernorts sind sie auch als Meisen bekannt. Ein Garant für Chaos und ein großer Wusel-Faktor. Alles wird angepickt (Pappe, Textil, Plastik – ganz egal), gerne wird auch das Kraftfutter der Hühner gefressen (nächstes Jahr gibt es dann Super-Meisen), und gelegentlich bleibt auch mal eine im Netz des Hühnergeheges hängen und muss gerettet werden. Die Meisen sind auch die einzigen Vögel, die bisher so neugierig (oder blöd) waren, sich in unseren Mausefallen selbst zugrunde zu richten. Die Nachbarskatze hat sich gefreut, für sie war das ein Gratissnack.
Meise aus dem Netz des Hühner-Geheges befreit
Bald wird das Leben und Geschehen draußen wieder deutlich ruhiger und alles kann bis zum nächsten Frühling reichlich Atem holen. Und dann ergeben sich für uns vielleicht wieder ganz neue Möglichkeiten, hier nicht nur einen Ort für uns, sondern ein kleines Ökosystem zu schaffen.
Heute vor vier Jahren sind wir im vollgepackten Auto nach Norden aufgebrochen und haben unser Leben in Schweden begonnen. Årjäng ist damit nach jeweils drei Jahren München, Berchtesgaden und wieder München offiziell der Ort, an dem ich die längste Zeit am Stück gewohnt habe, seitdem ich ausgezogen bin.
Im Schnitt alle sechseinhalb Tage wurde hier seit der Auswanderung ein Blogartikel veröffentlicht. Am Anfang gab es natürlich sehr viel zu erzählen, alles war neu, alles war ein „erstes Mal“ in Schweden. Inzwischen passiert momentan nicht mehr allzu viel Neues: Gemüseanbau, Hühner, Feuerholz… vieles wiederholt sich, und doch ist es bemerkenswert, dass genau diese drei jetzt so alltäglichen Themen erstens noch niemals zuvor in meinem Leben in Deutschland existiert haben und sie gleichzeitig nach wie vor eine Quelle von sehr tiefen, positiven Gefühlen für mich sind. Hier zu wohnen, in einem Haus ohne Nachbarn in 500 Metern Umkreis (dann aber sehr nette, wohlgemerkt), mit einem Lebensstil, der in Richtung Selbstversorgung tendiert – das erfüllt mich nach vier Jahren noch mehr mit Ruhe und Zufriedenheit als am Anfang, als jeder Tag ein Abenteuer war.
Wie passend, dass heute, am Jubiläum der Auswanderung, ein weiterer Startschuss fällt: der erste Arbeitstag im neuen Schuljahr hier in Schweden, meinem ersten vollständigen Schuljahr als legitimierte Lehrerin. Allerdings noch nicht für mich – heute beginnen nur die in Vollzeit angestellten Lehrkräfte, wir in Teilzeit erst nächste Woche, damit es gerecht ist. Wird so von keiner einzigen Schule im deutschen Bekanntenkreis gemacht… Wir haben dann noch gemeinsam über eine Woche lang Vorbereitungszeit im Kollegium, bevor das Schuljahr dann auch für die Schüler startet. Ich bin sehr gespannt darauf, was es alles bringen wird und wie ich die Tätigkeit vor Ort mit meinem Online-Unterricht jonglieren werde, wenn dann auch in Bayern die Sommerferien aufhören.
Bis dahin freue ich mich erstmal noch auf den restlichen Sommer hier, der sicher noch einige Male Schwimmen im nach der Regenphase schon relativ kalten See beinhalten wird, einige Besuche bei Pferden zum Reiten oder Spazierengehen, einige Ausflüge in die Wälder zum Pilze- und Beerensammeln… und auch hier wieder erwähnenswert: nichts davon hat in den Jahren vor dem Umzug hierher eine Rolle in meinem Erwachsenenleben gespielt.
Dann folgt natürlich im Herbst bereits zum fünften Mal wieder der Blogpost, der jedes Jahr mit am meisten gelesen wird, weil er ein in Deutschland so ungewöhnliches und unbekanntes Ereignis beschreibt – das wird wie immer Mitte Oktober sein.
Von dem, was danach kommt, schreibe ich hier jetzt mal noch nichts. Wir genießen jedes Grad Celsius, jedes Lux Licht und jeden Sonnenstrahl, der uns erreicht.
In jedem der vier Jahre bin ich viermal nach München gereist. Sowohl bei der Hinreise als auch auf dem Rückweg habe ich jeweils ein Gefühl von „ich komme heim“. Das könnte theoretisch eine Quelle von Zerrissenheit sein, aber im Gegenteil habe ich Dankbarkeit und Liebe für so vieles an beiden Orten, dass ich sehr froh darüber bin, an beiden auf unterschiedliche Weise zu Hause sein zu können: