222) Der Frühling hat begonnen

…oder zumindest ist er ganz, ganz nah! Eine der ersten Tätigkeiten auf dem Grundstück nach dem langen Winter war das Schneiden der Apfelbäume. Jost hat auch in den letzten Jahren bereits immer wieder Äste von ihnen entfernt, um den relativ wilden Wuchs ein Stück weit einzudämmen. Dennoch ist letztes Jahr im Juli der Stamm von einem fast komplett abgebrochen (Beitrag 202) und auch bei den anderen bestand diese Gefahr weiterhin, obwohl wir sie ja dann mit Pfählen abgestützt haben (Beitrag 204). Daher war er nun dieses Jahr so rigoros wie möglich, ohne hoffentlich den Bäumen langfristig zu schaden – aber es war quasi unumgänglich, da mal wirklich großzügig Äste zu entnehmen. Das ist jetzt erledigt.

Die Äste werden hier bei uns natürlich nicht einfach entsorgt, sie wurden noch am selben Tag weiterverarbeitet. Mit einem Häcksler entstanden viele Kisten voll kleingehacktem Holz, welches wir schon früher verwendet haben, um die Wege auf den Grundstücken zu stabilisieren. Jetzt können wir auch bei nassen und rutschigen Bodenverhältnissen mehrmals am Tag zum Hühnerstall gehen, ohne dass der Trampelpfad durch den Garten sich in eine Schlammrutsche verwandelt.

Ein weiteres erfolgreiches To-Do des heutigen Tages war das Aussäen der ersten Samen: wir ziehen wieder die Gewächshaus-Gurken vor, die letztes Jahr so hervorragend funktioniert haben. Sie sind in unserem Küchenfenster als Vorhang gewachsen (Beitrag 193), haben Schatten und Sichtschutz gespendet, die Gurken waren reichlich und lecker und aussehen tut es auch gut. Daher machen wir das dieses Jahr definitiv wieder und auch planmäßig in noch größerem Umfang in einem zweiten Fenster zur Südseite.

Das Foto oben in der Mitte ist eine Art Windbeutel: die „Semlor“ sind hier im Februar/März ein traditionelles Gebäck

Den Tag haben wir beim ersten Lagerfeuer des Jahres ausklingen lassen und Würste am Spieß gegrillt. Mario und den Hühnern geht es, wie man sieht, wunderbar. Alle elf haben die kalte Jahreszeit gut überstanden, was mich als nach wie vor „frische“ Tierhalterin ein kleines bisschen stolz macht. Seit gestern sind die Tage wieder länger als die Nächte und dadurch wird es nun auch hier wieder später dunkel als in Deutschland – die Temperaturen nachts sind nach wie vor um die Null grad, aber es ist momentan sonnig und einfach schon wesentlich frühlingshafter als noch vor kurzer Zeit…

221) Mögliche Alternativen im Schulsystem

Wenn man sich die Beiträge in der größten deutschen Facebook-Gruppe für Lehrkräfte durchliest, wird einem wirklich ganz anders. Auf eine extrem hohe Anzahl trifft genau das zu, was ich im letzten Artikel bereits angesprochen habe: man fühlt sich der Willkür des Staates durch den Beamtenstatus ausgesetzt, der auch oftmals auf eine Weise ausgenutzt wird, wie sie in der freien Wirtschaft kaum vorkommen würde (beispielsweise spontane Versetzungen an andere Schulen am Ende der Sommerferien). Ganz viele sind körperlich und psychisch am Ende, stellen Belastungsanzeigen und beantragen Krankschreibungen, Beurlaubungen und Dienstunfähigkeit. Das ist kein Zustand, in dem diejenigen sein sollten, die sich um die Kinder und Jugendlichen eines Landes kümmern und die ihnen demokratische Werte und Kreativität und Empathie und Geduld und so weiter vermitteln sollen – und das auch wollen!

Meine vergleichenden Erfahrungen beziehen sich also auf meine eigene Schulzeit in Bayern, mein Lehramtsstudium und die Arbeit als Lehrkraft in Deutschland, den Kontakt mit Eltern, Schülern, Kollegen etc. und auf meine jetzt ein Jahr bestehende Arbeit an Schulen in Schweden, vor allem in der ersten Klasse. Man muss dazu auch den Unterschied zwischen Stadt (Deutschland) und Land (Schweden) im Hinterkopf behalten. Aber in Summe läuft hier einfach einiges besser. Was man davon in Bayern übernehmen könnte, hängt größtenteils davon ab, ob man langfristige Veränderung möchte, oder ob man als Politiker, der diese Entscheidungen trifft, zum Zeitpunkt der nächsten Wahl gut dastehen will. Tiefgründige Reformen führen immer zunächst zu einem gewissen Chaos, sonst hätte man das veraltete Schulsystem schon längst modernisiert, wenn das so einfach wäre. Aber nach einer Legislaturperiode, in der man derartige Änderungen einführt, würde zunächst auch viel Unzufriedenheit bei allen Beteiligten bestehen (Kinder, Eltern, Lehrkräfte…). Man müsste sich erst daran gewöhnen und Anpassungen machen. Das klassische Beispiel: selbst wenn sich alle nach moderner Auffassung einig darin wären, dass es eine gute Idee wäre die Noten abzuschaffen und mehr auf intrinsische Motivation zum Lernen zu setzen, könnte man das nicht von einem Jahr aufs andere ändern. Jugendliche, die es seit der ersten Klasse gewohnt sind, von außen gesagt (oder sogar nur als Ziffer angezeigt) zu bekommen, ob sie gut oder schlecht in etwas sind, würden ohne diesen Druck zunächst vermutlich die Freiheit genießen, aber natürlich nicht sofort zu eigenen Zielen und zu Begeisterung und Neugierde übergehen. Veränderungen des Systems sind also schwer. Aber es schadet nicht, es mit meinem Eindruck von Schweden zu vergleichen. Das mache ich jetzt stichpunktartig. Ausführliche Texte dazu sind Artikel 167Artikel 181Artikel 182 und der letzte Artikel 220.

Ich gehe zunächst auf Punkte ein, die den Arbeitsalltag für Lehrkräfte stressfreier machen:

  • Bereits in der Vorschulklasse, dem letzten Jahr des Kindergartens, wird strukturiert gelernt. Im Lauf des Jahres wird die Zeit, in der die Kinder mit altersgerechten Aufgaben beispielsweise das Konzentrieren, Stillsitzen und Stifthalten üben, langsam gesteigert, von wenigen Minuten am Schuljahresanfang bis hin zu einem halben Tag vor den Sommerferien. Dadurch sind die Kinder in der ersten Klasse die Lernroutine gewöhnt und können bereits grundsätzliche Dinge. Eine ganz andere Voraussetzung im Vergleich zu Bayern, die den Lehrkräften dort ein großes Maß an Stress, der durch die extreme Heterogenität entsteht, ersparen würde.
  • Die Lehrkräfte dürfen grundsätzlich kostenlos essen, beispielsweise täglich eine Lehrkraft pro 8 SuS. Man isst gemeinsam am Tisch und unterhält sich dabei mit den Schülern. Dies ist bezahlte Arbeitszeit, da man auch während des Mittagessens pädagogisch tätig ist. Eine dreißigminütige Pause hat man bei mehr als fünf Stunden Arbeitszeit zusätzlich und muss sich in ihr kein Essen hineinschlingen.
  • In der schuleigenen Turnhalle gibt es ein installiertes Lautsprechersystem für Musik und zudem ein Headset mit Mikrofon, so dass man mit normaler Lautstärke sprechen kann. Als Sportlehrerin spart mir das eine Menge Stress und Heiserkeit. Habe ich bisher in keiner bayerischen Schulsporthalle gehabt… ihr?
  • In den meisten Stunden sind in unserer Klasse zwei Lehrkräfte anwesend für 18 Kinder. Teilweise drei, dann wird meist differenziert und mit einer Kleingruppe im Nebenraum gearbeitet. Das ist genau das, was so viel bringt und wofür im neuen Konzept des Kultusministeriums in Bayern durch den Lehrermangel kein Personal mehr eingesetzt werden soll, siehe letzter Artikel.
  • Es gibt ein schulisches Gesundheitsteam bestehend aus Schulkrankenschwester, Schularzt, Schulpsychologin und vielen weiteren Angestellten im medizinischen, sozialen und psychologischen Bereich. Auch für logopädische Themen gibt es direkt einen Ansprechpartner. Wir Lehrkräfte sind also weder für Diagnosen noch für therapeutische Themen zuständig, arbeiten aber eng mit dem Team zusammen. Kinder, die täglich Unterstützung im Schulalltag benötigen, erhalten eine Schulbegleitung, die im Klassenzimmer hilft. Für diese Bereiche wird, soweit ich weiß, in Bayern sehr viel Arbeitszeit bzw. Überstunden verwendet.
  • Im Arbeitsvertrag als Lehrkraft steht diese Arbeitszeit in wöchentlichen Minuten angegeben. Diese wird aufgeteilt in Unterrichtszeit vor der Klasse, Arbeitszeit vor Ort und sogenannte Vertrauenszeit, die auch daheim gearbeitet werden kann. Es wird darauf geachtet, dass man nicht mehr arbeitet, als im Vertrag steht. Da ich beispielsweise am Montag, dem allerersten Schultag, anwesend war, um die Eltern kennenzulernen, konnte ich mir in dieser Woche den Freitag frei nehmen, damit ich in Summe nicht zu lange in der Schule bin. Für meine deutschen KollegInnen quasi undenkbar.
  • An einem Tag pro Woche ist innerhalb dieser Arbeitszeit von 15 bis 17 Uhr Konferenzzeit. In diesen zwei Stunden werden verschiedene pädagogische oder organisatorische Themen besprochen. Man erhält zudem bezahlte Arbeitszeit dafür, beispielsweise Schülerbeobachtungen auszufüllen und Elterngespräche zu halten. Die Konferenzen und Fortbildungen sind informativ und produktiv und werden im Kollegium soweit ich es mitbekomme – und auch von mir – nicht als etwas Negatives angesehen.
  • Die Schul- und Arbeitsbücher in den einzelnen Fächern sind sehr gut durchdacht und auch mit digitalen Ausgaben, Links, Filmen und Zusatzmaterial ausgebaut. Als Lehrkraft kann man zumeist einfach die Buchseiten verwenden und sich an die vorgeschlagene Methodik halten und muss kaum eigenes Material erstellen. Die Unterrichtsplanung besteht größtenteils einfach nur aus dem Notieren der Seiten im Buch, was in Deutschland oft als „zu wenig“ angesehen wird, weil die Materialien einfach nicht gut sind. Zum Vergleich: die Grundschullehrkräfte, mit denen ich Kontakt habe, erstellen ein unfassbar großes Repertoire an Unterlagen selbst.
  • Gleiches gilt für Proben und Tests. Diese muss man hier nicht selbst konzipieren, sondern sind beim Schulbuch als Geheft dabei und werden einfach regelmäßig durchgeführt. Man könnte nun aus deutscher Sicht einwenden: aber dann könnten die SuS des nächsten Jahres den Test ja schon kennen, wenn sich Eltern beispielsweise eine Kopie machen. Diese Denkweise ist aber nur nötig, wenn es auf Noten und Schnitte und Vergleiche ankommt. Wenn es einfach nur um ein Feedback des aktuellen Lernstandes geht, hat niemand Angst davor, bei einem Test schlecht abzuschneiden. Die Konsequenz davon ist ja hier nicht, dass man durchfällt oder den Übertritt nicht schafft oder einen bestimmten Abschluss nicht erreicht oder privat Nachhilfe zahlen muss, sondern nur, dass man eben zusätzliche Unterstützung durch speziell dafür eingesetzte Lehrkräfte bekommt und in dem Fach dann zum Beispiel eine Weile lang in einer Kleingruppe statt im großen Klassenraum unterrichtet wird.
  • Im Aufenthaltsraum der Lehrer wird meiner Erfahrung nach nur ganz selten über schulische Themen gesprochen. Für solche Besprechungen hat jede Klassenstufe ein eigenes Arbeitszimmer, in dem jede Lehrkraft einen Schreibtisch hat. Zusätzlich gibt es verschiedene Besprechungsräume. Auch das trägt zur Entspannung und dadurch zur geistigen Gesundheit im Kollegium bei. Jede Lehrkraft hat außerdem einen Laptop, was erstaunlicherweise noch immer keine Selbstverständlichkeit in Deutschland ist. Wie oft man hört, dass sich 30 Lehrkräfte acht PCs teilen, von denen drei seit einem halben Jahr kaputt sind…

Nun komme ich zu einigen Punkten, die die Schule für die Schülerinnen und Schüler stressfreier machen:

  • Bis zur 9. Klasse besuchen alle Kinder die Grundschule zusammen. Anschließend folgt gegebenenfalls das Gymnasium in der 10.-12. Klasse, je nach Zielsetzung des dann 15 Jahre alten Jugendlichen. Die eigene Schullaufbahn ist also nicht durch Angst vor Leistungen beeinflusst, die man nicht erbringt, oder von Freundeskreisen, die man durch Durchfallen oder Schulwechsel zu verlieren fürchtet. Das dreigliedrige Schulsystem habe ich ja bereits hier ausführlich kritisiert und als Ursache für viele Probleme in Deutschland festgestellt (Leistungsdruck, Versagensangst, Überheblichkeit…) und ich sehe nach wie vor keinerlei Vorteil daran.
  • Wenn man als Schüler krank ist, wird keine Krankenmappe mit den nachzuholenden Arbeitsblättern erstellt, wie das (soweit ich weiß) in Bayern der Fall ist. Man kann die gearbeiteten Seiten im Buch natürlich erfahren, aber es wird nicht automatisch erwartet, dass sie komplett nachgeholt werden. Die Priorität wird auf die Gesundheit gelegt und um das Füllen der eventuell entstandenen Lücken kümmert man sich anschließend, gegebenenfalls auch mit zusätzlich eingesetzten Lehrkräften zur Unterstützung.
  • Lesebücher für das Fach Schwedisch, also die „Lektüre“, gibt es in drei Ausgaben mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Die Fragen im Arbeitsbuch basieren auf der einfachsten Ausgabe mit den wenigsten Details der Geschichte und können daher von allen Kindern beantwortet werden, egal welche Ausgabe sie haben. Es wird in der ersten Klasse nie laut vorgelesen, niemand wird bloßgestellt. Auch hier: Wer zusätzliche Unterstützung benötigt, bekommt sie.
  • Diese Unterstützung bekommt man direkt in der Schule durch dortige Lehrkräfte. Das Konzept privater Nachhilfe, um ein Klassenziel zu erreichen, ist hier weitgehend unbekannt – wie ich damals erfahren musste, als ich vorhatte, hier im Rahmen meiner Selbständigkeit Nachhilfe im Fach Deutsch anzubieten. Mir wurde empfohlen, mich eher an die Zielgruppe der ambitionierten SuS zu wenden, die in Deutsch noch besser werden wollen. Um die in der Schule zu erbringenden Leistungen kümmern sich die Lehrkräfte selbst – und dazu werden genug angestellt und sie haben auch die Zeit und die Kraft dafür.
  • Es gibt auch zwei Ausgaben des Mathebuches, eine leichtere und eine schwerere. Die Seitenzahlen der Kapitel sind die gleichen, so dass kein offensichtlicher Unterschied zwischen den beiden Gruppen besteht, aber jede/r auf seinem passenden Niveau lernt. Dafür wird genug Zeit gegeben. Wenn in einer Woche etwa die Seiten 80-90 gearbeitet werden sollen, und einige in der Klasse bereits am Mittwoch damit fertig sind, erhalten sie zusätzliches Fördermaterial, so dass man in der nächsten Woche wieder gemeinsam starten kann.
Die erste Seite in den drei Versionen des Lesebuchs
Die gleiche Seite in den beiden Versionen des Mathebuchs

Zuletzt noch einige weitere positive Aspekte, die besonders für die Eltern und den allgemeinen Schulalltag relevant sind:

  • Das Mittagessen ist kostenlos. Es gibt jeden Tag für jedes Kind bis einschließlich der 9. Klasse jeden Tag eine warme Mahlzeit inklusive Salat. Bei uns an der Schule gibt es dazu immer Wasser, Milch, Knäckebrot etc., so dass garantiert kein Kind hungrig bleibt, komplett unabhängig vom Elternhaus.
  • Die einzigen Hausaufgaben, die es in meiner ersten Klasse gibt, sind einige Seiten im Lesebuch zu lesen (entweder still oder jemandem vorlesen). Alle Bücher und Hefte bleiben in der Schulbank und werden nicht hin und her geschleppt. Die Schule endet Montag bis Donnerstag um 12.35 und am Freitag um 13.10, und danach haben die Kinder also wirklich frei. Soweit ich es kenne, ist das für deutsche Erstklässler oftmals nicht der Fall.
  • Alle Materialien werden von der Schule gestellt, sei es Bücher, Hefte, Stifte, Radiergummi, Lineal, Spitzer, Mappen und Ordner. Kein Kind ist auf Geld oder Organisation vom Elternhaus angewiesen, was das Schulmaterial betrifft. Eine seitenlange Materialliste, die am Ende der Sommerferien hektisch eingekauft werden muss, gibt es nicht.
  • Es gibt keinen Religionsunterricht, Schule muss per Gesetz konfessionsfrei sein. Themen wie Freundschaft, Respekt, Regeln etc. werden wöchentlich in der Stunde „Skolans val“ (Wahl der Schule) besprochen. Zudem gibt es monatlich eine Stunde namens „Elevens val“ (Wahl der Schüler), in denen die SuS Vorschläge machen können (z.B. gewünschte Anschaffungen für Spielgeräte, Mitgestaltung des Speiseplans etc.). Diese werden dann auch bestmöglich und zeitnah umgesetzt.
  • Der Pausenhof ist riesig. Es gibt viele Klettergeräte, einen Eishockeyplatz, einen Fußballplatz, Basketballkörbe, Flächen auf der Wiese und für die älteren SuS auch im schuleigenen Wald. Es gibt mehrere Schuppen mit Spielgeräten für die Kinder zugänglich.
  • Beim Elternabend wird nicht nur geredet, sondern auch richtig produktiv gearbeitet. Nach einer kurzen Informationsrunde teilte man die Eltern in kleine Gruppen auf, die sich dann zu gezielten Themen untereinander besprechen sollen: Wie viel Handy- oder Bildschirmzeit ist bei den anderen so erlaubt? Wo treffen sich die Kinder nach der Schule so? Worüber reden sie, was beschäftigt sie etc… Einen solch strukturierten Austausch unter „fremden“ Eltern der selben Klasse, statt nur mit den ohnehin miteinander bekannten Familien, stelle ich mir wertvoll vor.
  • Fernbleiben vom Unterricht wird oftmals erlaubt. Eine Schülerin ist beispielsweise schon eine Woche vor den Weihnachtsferien in ihr Heimatland gereist, das wurde erlaubt. Ein etwas älterer Schüler einer anderen Schule hatte die Möglichkeit, im laufenden Schuljahr mit einem Verwandten eine Woche lang ein anderes Land zu besuchen. Auch das wurde genehmigt mit dem Zusatz, wie toll es doch wäre, wenn er danach der Klasse von seinen Erlebnissen dort erzählen könnte. Das sind lebensnahe Erfahrungen, die hier nicht nur geduldet, sondern soweit ich sehe, sogar positiv aufgenommen werden. In Bayern gibt es Geldstrafen bis zu 1000 Euro.

Es ist möglich, dass meine sehr positiven Eindrücke hier zu einem gewissen Teil an meiner jetzigen Schule liegen, die einen sehr guten und modernen Eindruck macht, sei es vom Konzept oder der Ausstattung her. Ich möchte aber betonen, dass es eine ganz normale, öffentliche Schule auf dem Land ist und keine Elite-, Privat- oder Ausnahmeschule. Ich gehe davon aus, dass meine wesentlich bessere allgemeine Einschätzung des schwedischen Schulsystems daher gegenüber Bayern / Deutschland gerechtfertigt ist. Ich freue mich über Austausch dazu, sei es von schwedischer oder deutscher Seite!

220) Über Politik und Bildung

Soweit ich es mitbekommen habe, hat Bildungspolitik im deutschen Wahlkampf keine große Rolle gespielt. Diese und auch alle anderen Behauptungen bzw. Beobachtungen in diesem Artikel basieren natürlich nur auf meinem Wissensstand, da lasse ich mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Es ist verständlich, dass andere Themen wie Migration eine zentrale Rolle eingenommen haben, aber viele Lehrkräfte sowie auch Eltern und Schüler würden wohl zustimmen, dass Bildung ebenfalls einen der wichtigsten Grundbausteine für die Zukunft eines Landes darstellt. Ich hatte vor der Wahl nicht den Eindruck, dass es bei den Parteien eine große Priorität hat, das Schulsystem zu verbessern.

In vielen Beiträgen hier habe ich bereits meine Ansichten und Gedanken dazu geteilt, dass in Schweden einiges ziemlich gut bzw. besser als in Bayern läuft, soweit ich es beurteilen kann unter Berücksichtigung meiner Zeit an deutschen und jetzt schwedischen Schulen (in Summe sieben Jahre, plus die Kontakte zu Eltern und anderen Lehrkräften in beiden Ländern). Beispielsweise Artikel 167, Artikel 181 und Artikel 182.

Am Wahlkampf an sich stört mich grundsätzlich, dass in einer Demokratie die Macht allein dem Namen nach beim Volk liegen sollte und es Politikern eigentlich nicht um Macht gehen darf. Es müsste idealerweise eine reine Wahlinformation statt eines Kampfes geben, bei der alle Parteien exakt ihre Positionen darlegen, von denen sie dann auch im Nachhinein keinesfalls abweichen, so dass das Volk wortwörtlich demokratisch die Macht hat, zu entscheiden, wessen Vorhaben dann umgesetzt werden. Parteien bzw. deren Kandidaten haben eigentlich keinen wirklichen Anlass, sich über einen Sieg übermäßig zu freuen, weil sie den „Kampf um Macht“ gewonnen haben, sondern könnten einfach nur feststellen, dass sie also den Regierungsauftrag erhalten haben und diesen dann ihren Grundsätzen nach erfüllen, ohne Versprechen zu brechen. Aber diese Gedanken nur am Rande.

Sehr problematisch empfand ich gerade bei dieser Wahl die Meinungsbildung. Es läuft viel über Duelle mit teilweise falschen und beleidigenden Aussagen aller Parteien ab, was es wirklich schwer macht, sich für eine davon zu entscheiden. Bitter, wenn fast alle Wählenden, mit denen man redet, nur versuchen das geringste Übel zu finden. Auch satirische Formate wie die Heute Show, die ich eigentlich oft nicht schlecht finde, machen sich letztlich über alle Parteien lustig und verstärken dadurch vielleicht eher die Politikverdrossenheit und das Gefühl, wie lächerlich der ganze Zirkus ist. Aber gut, bei Erwachsenen ist das halt so und muss letztlich jeder selbst wissen. Was mich mehr beschäftigt sind die Jugendlichen.

Liebe Lehrkräfte in Deutschland, bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Ich hoffe es. Aber ich habe den Eindruck, dass selbst vor dieser wichtigen Wahl in den Oberstufen nicht wirklich konkret über Politik bzw. Parteien geredet wurde. Viele SuS, mit denen ich in den letzten Wochen im Unterricht und bei Workshops gesprochen habe, haben bestätigt, dass das Thema gemieden wird. Und ich verstehe das teilweise gut, auch mir fällt das schwer. Es herrscht zudem an sich in Schulen die Neutralitätspflicht, daher dürfen Lehrkräfte nicht parteipolitisch argumentieren und riskieren dadurch im Zweifelsfall auch ihren Beamtenstatus. Es ist zwar gesetzlich ihre Aufgabe, „demokratische Werte wie Menschenrechte und Toleranz zu vermitteln“, aber über Vor- und Nachteile der einzelnen Parteien darf man eigentlich nicht sprechen und alle Parteien würden von sich ja sagen, diese Werte zu vertreten. Aber auf welcher Grundlage sollen die Jugendlichen ihre Meinung dann bilden? Entweder sie folgen exakt dem Vorbild ihres Elternhauses oder kehren aus Protest ins exakte Gegenteil um (sei es von links nach rechts, rechts nach links oder wohl am häufigsten von der Mitter heraus in die Extreme), aber eine bewusste Auseinandersetzung findet zu selten statt. Die Frage „Wen wählst du?“ ist ungewöhnlich bis hin zu tabu. Man will sich nicht tiefgründig damit beschäftigen und man will noch weniger zugeben, sich nicht tiefgründig damit zu beschäftigen. Man will auch nicht darüber reden eine Partei zu präferieren, gegen die es viele gute Gründe gibt (also alle?). Das heißt, es bleiben die sozialen Medien zur Beeinflussung mit ihren Algorithmen und Meinungsblasen. Es heißt auch, die jetzigen Erstwähler, denen vor fünf Jahren durch die Corona-Maßnahmen zum Höhepunkt ihrer Pubertät der in dieser Phase allerwichtigste Bezugsrahmen, der Kontakt mit Freunden, verwehrt blieb, sollen sich jetzt fundierte Gedanken darüber machen, welche der Parteien, die diese Maßnahmen durchgesetzt haben und sie trotz großer Kritik noch immer nicht aufarbeiten, sie für die Beste halten. „Aufarbeitung würde die Chance schaffen, Menschen zurückzugewinnen, die ihr Vertrauen in die Demokratie verloren haben oder zumindest daran zweifeln“, sagte Steinmeier (hier der Tagesschau-Beitrag). Damit sind unter anderem genau diese Jugendlichen gemeint, und da muss man sich nicht wundern, wenn es diese Altersgruppe zu den Rändern zieht (also genau zu denjenigen, die während Corona nicht mitbestimmt haben oder die alternative Maßnahmen forderten). Vor allem, wenn man sich eben in der Schule vor derartigen Diskussionen eher drückt und diejenigen Lehrkräfte, die sich gerne Zeit dafür nehmen würden, im Lehrplan-, Stoff- und Noten-Stress das Gefühl haben andere Prioritäten setzen zu müssen.

https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2025-02-23-BT-DE/charts/umfrage-alter/chart_1874795.shtml

Aber gut, jetzt ist ja „nach der Wahl“. Und da kann dann ja ein weiterer Versuch unternommen werden, Politik und Bildung zu vereinen, also schaue ich auf die aktuelle Bildungspolitik. Und da wurde nun also drei Tage nach der Wahl folgendes Dokument veröffentlicht: das „Gesamtkonzept Unterrichts- und Personalversorgung“ in Bayern. Meine Kolleginnen und Kollegen an bayerischen Grundschulen – um das kurz für alle zusammenzufassen, die niemanden aus dieser Berufsgruppe kennen – sind größtenteils extrem unzufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen, das ist sehr gelinde ausgedrückt. Natürlich muss man beachten: ja, sie sind verbeamtet (ein ungerechtes und veraltetes Konzept, wie Jost in seinem letzten Blogartikel geschrieben hat, aber natürlich grundsätzlich finanziell bezüglich des Gehaltes und der Pension von Vorteil für sie). Weitere Pro-Argumente für den Lehrberuf sind gar nicht mehr so leicht zu finden, denn die meisten arbeiten auch in den oft als Vorteil genannten Schulferien (oder arbeiten während der Schulzeit so viel, dass es die ein- bis zweiwöchigen Ferien ausgleicht) sowie in der ersten und letzten Woche der sechswöchigen Sommerferien, so dass eigentlich vier Wochen Urlaub übrigbleiben (also höchstens so viel wie in anderen Berufen). Viele der Lehrkräfte opfern sich und ihr Familien-/Privatleben auf, finanzieren Anschaffungen für ihren Unterricht aus eigener Tasche und sind durch ebenjenen Beamtenstatus einer gewissen Willkür ausgesetzt (können beispielsweise drei Tage vor Schuljahresbeginn an eine andere Schule versetzt werden). Ich könnte ewig mit solchen Faktoren weitermachen, aber worin es letztlich resultiert ist zum Beispiel diese ziemlich erschreckende Zahl: „82 Prozent aller Lehrkräfte, die im Schuljahr 2022/2023 in den Ruhestand wechselten, gingen schon auf Antrag vor der Altersgrenze oder waren schon vorher dienstunfähig“. Nur jeder fünfte Lehrer schafft es also überhaupt bis zur Pension. Wie gesagt: Das alles nur mal als kleiner Hintergrund dazu, was das Kultusministerium vor drei Tagen veröffentlicht hat. Es herrscht nämlich komischerweise akuter Lehrermangel, wörtlich eine „angespannte Versorgungslage“ zum Beispiel an Grundschulen (sogar trotz der vielen Schulferien…), und dagegen soll das folgende Konzept helfen:

https://www.km.bayern.de/ministerium/bildungspolitische-schwerpunktthemen/unterrichtsversorgung/gesamtkonzept

Ich gehe es mal nur kurz überblicksweise durch, denn es kann ja jeder selbst lesen und sich seine Gedanken dazu machen. Schauen wir zuerst den mittleren Abschnitt „B“ an: Diejenigen, die sich bewusst für Teilzeit entschieden haben, sollen dazu gebracht werden, aufzustocken. Diejenigen, die in Pension gehen (wie bereits gesagt: ohnehin nur jede/r fünfte), sollen für das „freiwillige Hinausschieben des Ruhestands“ gewonnen werden. Beurlaubungen sollen nicht mehr genehmigt werden. Teilzeit darf ohne Kind oder pflegebedürftigen Angehörigen nicht geringer als 24 statt in Vollzeit 28 Wochenstunden sein (das bezieht sich auf die reine Unterrichtszeit, da kommt ja noch einiges an Konferenzen, Elterngesprächen, Vorbereitung und Korrekturen etc. hinzu), vorzeitiger Ruhestand soll nicht genehmigt werden – das heißt, es bräuchte in diesem Fall die Dienstunfähigkeit bzw. den Burnout. In Abschnitt „C“ geht es munter weiter: AGs (für viele das, was an Schule noch Spaß macht) sollen reduziert werden, die Klassen sollen noch größer werden. Für mich die absurdeste Maßnahme: „Reduktion von Gruppenteilungen“, also das Differenzieren zwischen zum Beispiel stärkeren und schwächeren Schülern – vielleicht einer der wichtigsten pädagogischen Grundsätze. Natürlich ist das quasi nur durchführbar mit einer zweiten Lehrkraft pro Klasse, aber davon kann bei solchem Personalmangel erst recht keine Rede sein.

Und wenn man jetzt den Blick noch in der Grafik nach links richtet und da unter „A“ liest, dass das KM durch Kampagnen online für neue Lehrkräfte werben will, dann kann man eigentlich nur noch lachen und sich den ehrlichen Werbeslogan vorstellen: „Werde Grundschullehrer, wir brennen dich fast unter Garantie aus!“.

Da die allermeisten Lehrkräfte den Beruf letztlich nicht wegen Verbeamtung oder Ferien wählen (da man beide Vorteile wie oben erwähnt ohnehin größtenteils entkräften muss), sondern wegen der Kinder, die ihnen am Herzen liegen, haben ganz viele von ihnen ein hohes Verantwortungsgefühl und spüren die Verpflichtung in dem System weiterzumachen, obwohl sie nicht mehr dahinterstehen. Es werden nie alle von ihnen gleichzeitig ihre Klassen im Stich lassen und „streiken“ (das dürfen Beamte praktischerweise ja eh nicht) und der Politik zeigen, wie wichtig der Lehrberuf und der Stellenwert von Bildungspolitik ist, auch wenn Migration oft im Vordergrund steht. Insofern bin ich auf die weitere Entwicklung in Bayern gespannt und auf die nächste Wahl in Deutschland und bin ganz froh, das alles aus einer gewissen Entfernung mitzubekommen, auch wenn ein guter Teil meines Herzens nach wie vor direkt vor Ort und auch bei den dortigen Schülern und Lehrern ist.

Über einen Vergleich dieser Beschreibung hier mit meinen Erfahrungen an der schwedischen Grundschule habe ich einen weiteren Artikel geschrieben. Dieser Blog dient zur Information über unser Leben seit der Auswanderung und auch über alles, was mir wichtig ist – und das ist dieses Thema einfach.

219) Drei außergewöhnlich ereignisreiche Tage

Die ersten fünf bis sechs Wochen eines neuen Jahres empfinde ich seit wir hier sind, nun also aktuell in unserem vierten Winter, bekanntermaßen als relativ anstrengend. Kälte plus Dunkelheit, aber minus die Gemütlichkeit im Advent. Dieses Jahr ist es etwas besser, vor allem da ich einerseits in der Schule arbeite und mehr draußen bin als letztes Jahr, wo meine Arbeitszeit vor allem im Supermarkt stattgefunden hat. Und da ich andererseits größtenteils körperlich gesund durch den Winter gekommen bin, was sich natürlich auch auf die geistige Verfassung positiv auswirkt. Umso schöner ist es jetzt, wenn ich morgens um kurz vor 7 den Hühnern Wasser bringe und man bereits einen hellen Streifen am Horizont sieht. Das gleicht dann die minus 20,5 Grad auf dem Thermometer heute früh ein Stück weit aus…

Das Leben draußen an der frischen Luft hat hier in Schweden, wie schon öfters beschrieben, einen anderen Stellenwert als ich es aus Deutschland kenne, insbesondere auch durch den Unterschied zwischen Stadt und Land. Meine Grundschulklasse hatte am Freitag einen Freilufttag. Wir sind von der Schule aus keine zehn Minuten mit dem Bus nach Norwegen gefahren, direkt hinter der Grenze liegt dort ein Langlaufgebiet. Die Kinder konnten sich, wenn sie wollten, Ski und Schuhe ausleihen. Einige hatten bereits Erfahrung und teilweise auch eigene Ausrüstung dabei, die sind dann sofort abgedüst und haben gerade noch mit halbem Ohr mitbekommen, bis wohin man fahren darf… Für viele war es aber das erste Mal beim Langlaufen und ich war erstaunt, wie schnell viele von ihnen den Dreh raus hatten und wie furchtlos sie dann durch das Stadion und die umliegenden Loipen gezogen sind. Am Sammelplatz haben unsere Hausmeister von der Schule Würste gegrillt, wir hatten ein Lagerfeuer, alle hatten natürlich Fika dabei und es gab auch einen kleinen Rodel-Hügel, so dass alle ihren Spaß hatten. Am Ende kam sogar noch die Sonne raus, und so war also ein wirklich gelungener Frei(luft)tag der Abschluss der Schulwoche und damit der erste dieser drei „außergewöhnlichen“ Tage…

Gestern dann fand ein weiteres besonderes Ereignis statt, bei dem ich schon letztes Jahr war und einen Beitrag darüber geschrieben hatte: der Strategietag des „Skogskvinnorna“-Vereins, in dem ich Mitglied bin. Übersetzt sind das die „Waldfrauen“, es handelt sich dabei um Besitzerinnen von forstwirtschaftlichen Grundstücken im Värmland, zu denen auch ich gehöre, obwohl wir nur 5 Hektar Wald besitzen und (bisher) nichts mit professionellen Holzunternehmen zu tun haben. Die Konferenz hat in Karlstad stattgefunden, wir waren im Värmland Museum. Es wurden wie auch letztes Jahr viele Ideen gesammelt, Pläne gemacht und Fragen diskutiert, natürlich begleitet von Fika und einem anschließenden Mittagessen im Restaurant des Museums. Angesprochene Themen waren unter anderem: Ist die neue Regelung zum Düngen von Waldgrundstücken politisch kurzsichtig auf schnelles Wachstum ohne Rücksicht auf ökologische Nachteile ausgelegt, oder tatsächlich sinnvoll? Wie ist der aktuelle Stand der fragwürdigen politischen Entwicklung, Steuern erheben zu wollen auf im eigenen Wald geschlagenes Holz für Bauvorhaben auf dem eigenen Grundstück oder auf Feuerholz zur eigenen Anwendung? Wie geht man mit der Ausnutzung des Jedermannsrechts durch kommerzielle Pilz- und Beeren-Pflücker um, die jährlich Busse voller ausländischer und unterbezahlter Hilfskräfte auf die Wälder „loslassen“, was absolut nicht im Sinne des Allemansrätten zur eigenen Versorgung ist, gesetzlich aber anscheinend bisher nicht eindeutig geklärt?

Für mich persönlich war insbesondere das Programm „Skogen i skolan“ relevant, „der Wald in der Schule“, da das eine Kombination meiner Outdoor-Teaching-Ausbildung mit der Lehrtätigkeit sowie dem Bereich Wald/Natur darstellt. Soviel also zum zweiten der drei außergewöhnlichen Tage: ein Konferenzraum in Karlstad, Austausch mit interessanten Frauen aus der Region, Essen in einem Restaurant… das alles kommt hier nicht so häufig vor (und das muss es auch nicht, aber wenn, finde ich es schön).

Heute schließlich, am Sonntag, habe ich mit zwei lieben Freundinnen einen Ausflug nach Arvika unternommen, wo wir nach einer leckeren Fika – selbstverständlich, ohne geht nicht! – ein kostenloses klassisches Konzert dreier Studierenden der hiesigen Musikhochschule genossen haben. Es wurden unter anderem Stücke von Bach, Mozart und Liszt gespielt auf Piano, Cello und Akustikgitarre. Der Veranstaltungsort war das Rackstad Kunstmuseum, das auch einen großen Außenbereich hat, der im Frühling und Sommer wunderschön blüht und gestaltet ist. Ein wirklich schöner Nachmittag!

Ein solches Wochenende voller Aktivitäten ist wie gesagt nicht der Normalzustand für mich hier, und wäre auch zu viel, wenn es öfters so wäre. Ab und zu sind solche Erlebnisse einfach eine wohltuende Abwechslung, ich freue mich genauso über den Alltag mit der Schule, den Hühnern und allem drum herum – auch bei Kälte und Dunkelheit. Der schwer übersetzbare Begriff „lagom“ trifft es wie so oft auf den Punkt: nicht zu viel und nicht zu wenig…

218) Über Dienst nach Vorschrift

Autor: Jost

Wohl eines der vorstechendsten gesellschaftlichen Charakteristika Deutschlands ist ein – historisch gewachsenes und gleichzeitig aktuell immer weiter expandierendes (https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/stellenzuwachs-ministerien-ampel-koalition-bund-der-steuerzahler-100.html) – dichtes Beamtentum.
Damit einhergehend werden mit Beamten und Ämtern diverse Dinge klischeehaft verknüpft, die wenigsten positiv.
„Amtsschimmel“ und „Bürohengst“ sind zwei Fälle, in denen sich das in der Sprache niederschlägt. Aber auch ohne solche konkreten Begriffe wird Beamtentum oft mit Inflexibilität, Bürokratie natürlich, langsamem Arbeiten und dem Beharren auf (nicht immer sinnvollen) organisatorischen Prinzipien in Verbindung gebracht.

Zusätzlich dazu haben verbeamtete Staatsdiener diverse Vorteile gegenüber anderen Arbeitenden. Sie zahlen einen verminderten Steuersatz, beziehen gleichzeitig nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn Beamtenpension, und sind oftmals unkündbar. Das ist, wenn man Beamter ist, natürlich eine schöne Sache. Was es aber nicht ist, ist fair und gerecht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist die Arbeit von Beamten weder komplizierter noch schwerer als viele andere Arbeiten. Somit sind die Bevorteilungen rein historisch gewachsen und streng genommen anachronistisch. Insbesondere in Zeiten, in denen versucht wird, vieles gleichzumachen, selbst wenn es an sich nicht gleich ist, stellt der Vorteil des Beamten ein verkrustetes Relikt aus der Vergangenheit dar, von dem man sich jedoch nicht trennen möchte.
Denn, um das zu ändern, müsste dieselbe bürokratische Maschinerie bemüht werden, die die Vorteile erhält. Und wer schießt sich schon ins eigene Bein?

Unabhängig von grundsätzlichen Kritikpunkten kann das Beamtentum zu handfesten Qualitätsmängeln führen.
Ein vergleichsweise guter Lohn bei oftmals leichten Arbeitsbedingungen inklusive Unkündbarkeit bei Faulheit und Fehlverhalten: das zieht natürlich potentiell Menschen an, die auf einen leichten Gewinn, viele Vorteile und die Möglichkeit, faul zu sein, Wert legen. Natürlich, keine Beamtengruppe, weder Lehrer noch Verwaltungsangestellte, weder Polizisten noch Juristen, können innerhalb ihrer Berufsgruppe über einen Kamm geschoren werden.
Dennoch ist das, wie viele aus ihrer eigenen Erfahrung wissen, ein potenzielles Problem. Denn wer kennt ihn beispielsweise nicht, den Lehrer, der verbeamtet ist, und sich schon seit Jahren oder Jahrzehnten keine Mühe mehr gibt, Unterrichtsinhalte möglichst gut an Schüler weiterzugeben. Der nach Schema X arbeitet. Leider manchmal auch, der unangemessene Beziehungen zu einem Schüler unterhalten hat, dem aber nicht gekündigt werden kann, weil er eben unkündbar ist. Stattdessen wird er „zur Strafe“ an eine andere Schule versetzt, wo er doch wieder Derselbe ist.

Kurz: als Beamter wird man extrinsisch nicht gerade zu herausragender Arbeitsqualität motiviert. Diejenigen, die eine solche Qualität abliefern, tun das aus intrinsischer Motivation heraus.

Ich muss dazu sagen, dass ich erstens Beamtenkind bin und somit indirekt von dieser Ungleichheit profitiert habe.
Zweitens habe ich wenige schlechte, meistens neutrale oder gute Erfahrungen mit Beamtentum in Deutschland gemacht. Das ändert aber nichts daran, dass die oben genannten Probleme existieren.

Nun sind Ungleichbehandlung und Unfairness etwas, was dem Schweden an sich (wenn man so sagen kann) zutiefst zuwider sind.
Wie wäre das zu vermitteln, wenn grundsätzlich Offenheit, Transparenz und Gleichbehandlung großgeschrieben werden, gleichzeitig aber die Angestellten des Staates genau das Gegenteil verkörpern? Es wäre schlicht nicht zu vereinbaren.

Und so ist es auch konsequent, dass es in Schweden kein Beamtentum, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt (mit kleinen Ausnahmen, zum Beispiel sind hochrangige Politiker meines Wissens teils verbeamtet).
Das ist für den Deutschen genauso schwer vorstellbar, wie für den Schweden das System der unfairen, vielleicht ungerechtfertigten Ungleichheit des deutschen Beamtentums ist.
Unkündbarkeit eines Beamten, steuerliche Besserstellung, Beihilfe zu Krankenkassenbeiträgen und mehr: all das spielt in der schwedischen, alltäglichen Arbeitswelt keine Rolle, und es ruft, wenn man es erzählt, wohl ähnlich viel Unverständnis hervor, wie Sandras Erzählungen, dass in Deutschland NICHT jeder Lehrer (in der Grundschule zudem) einen eigenen Laptop von der Schule zum Arbeiten zur Verfügung gestellt bekommt und in Deutschland die Schüler Schulmaterialien wie Bücher, Hefte und so weiter, sowie Schulessen selbst zahlen müssen (beziehungsweise die Eltern). Das ist in Schweden nämlich auch nicht der Fall, alles ist für die Schüler kostenlos.

Fast bekommt man den Eindruck, dass die beiden Staaten eine jeweils komplett andere Prioritätensetzung in der Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen verfolgt haben. Zumindest ich für mich selbst weiß, welche davon ich für menschenfreundlicher halte.

Unsere Behördenkontakte hier in Schweden waren bisher auch insgesamt eher reibungslos. Ein Unterschied, den wir zu Deutschland feststellen konnten, war, dass hier der Kontakt, egal ob persönlich oder telefonisch, rein menschlich erst einmal wirklich freundlich ist. Egal, wo man anruft, bekommt man das Gefühl vermittelt, dass einem geholfen werden will. Das ist schon einmal etwas. Dann kommt es in konkreten, organisatorischen Fragen, natürlich trotzdem auch hin und wieder vor, dass Ratlosigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens herrscht.
Wir hatten das Gefühl, dass das vor allem dann der Fall war, wenn die bürokratischen Prozesse nicht innerschwedisch waren, sondern da etwas Deutsches sozusagen mit hineingespielt hat. Zum Beispiel war die Frage der Versicherung unseres Autos während einer Übergangszeit, als wir es hier nach Schweden ummelden wollten, nicht wirklich zu beantworten. Inzwischen ist das Auto längst umgemeldet, aber wir wissen immer noch nicht wirklich, ob es in einem Zeitraum von zwei Wochen nun wirklich versichert gewesen wäre oder nicht.
Es kam auch schon zu Situationen, wo man innerhalb eines bürokratischen Prozesses B gebraucht hätte, um A zu bekommen, man aber A gebraucht hätte, um überhaupt erstmal B zu bekommen. Der Schwede an sich, und somit auch der schwedische Bürokrat, legt schon großen Wert auf Regeln und Verfahrensweisen. Letzten Endes hat aber alles, was wir bürokratisch unternehmen mussten, geklappt. Meine Vermutung ist, dass es auch schwedischen, bürokratischen Entscheidungsträgern bei solchen „Pattsituationen“ irgendwann zu blöd wird und zum Schluss nach gesundem Menschenverstand entschieden wird.

Einen großen, praktischen Unterschied macht hier in Schweden auch die Tatsache, dass die wenigsten Prozesse ein persönliches Erscheinen vor Ort in irgendeinem Amt notwendig werden lassen, sondern dass fast alles gut strukturiert und klar verständlich online durchgeführt werden kann. Persönlich zum Amt mussten wir bisher nur zu Anfang unseres Auswanderungsprozesses, um unsere neuen Ausweise zu bekommen.
Diese Online-Verfügbarkeit von amtlichen Dienstleistungen ist in Deutschland nach wie vor ein digitaler (oder eben nicht-digitaler) feuchter Traum. Und ich werde nicht müde, eine gewisse Angela Merkel zu zitieren, deren Worte ja, in diesem Fall sehr offensichtlich, immer noch Gültigkeit besitzen: Das Internet ist für uns alle Neuland 🙂

Letztlich kann man sagen, dass Schweden sicherlich kein unbürokratisches Land ist. Es wird erwartet, dass man sich an Regeln hält und Verfahrensweisen werden befolgt, auch wenn es mit etwas mehr Flexibilität einfacher wäre. Was es hier weniger gibt, ist das Gefühl, dass eine Hierarchie in den Interaktionen mit offiziellen Stellen hergestellt wird, in denen man wiederum das Gefühl bekommt, ein nerviger Bittsteller zu sein. Hier gibt es zuletzt auch weniger, um auf die Überschrift zurückzukommen, Dienst nach Vorschrift.
Insgesamt beurteile ich, als Deutscher, der das System jetzt in beiden Ländern kennen gelernt hat, das schwedische als positiv.
Jeder Schwede, der sich über die schwedische Bürokratie beschwert, sollte sich mal in die Mühlen der deutschen Ämter begeben – als Realitätsabgleich.