Ich habe diese Woche die Nachricht bekommen, dass ich die Legitimation erhalte, um in Schweden als zugelassene Lehrerin zu arbeiten. Das ist ein wirklich großer und emotionaler Schritt für mich, der mit einem ziemlichen Haufen Arbeit, Stress und Frust in den letzten Wochen und Monaten verbunden war.
Der Hintergrund kurz zusammengefasst: ich habe in Bayern das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Deutsch, Sport und Ethik/Philosophie abgelegt, aber anschließend nicht das Referendariat gemacht. Mit dem Zweiten Staatsexamen – um alle zu beruhigen, die das haben und nach Schweden ziehen wollen – wäre der Erhalt der Lehrerlegitimation verständlicherweise schneller und unkomplizierter gegangen. Ich hatte mich aber damals stattdessen für das Doktoratsstudium entschieden, habe auch alle Leistungen an der Universität Salzburg dafür erbracht, konnte aber meine fix und fertig vorbereitete und bereits ausgedruckte Studie im Frühling 2020 wegen der Schulschließungen nicht durchführen und als Covid vorbei war, war meine Forschungsfrage nicht mehr aktuell und ich außerdem wohnhaft hier in Schweden.
Die Legitimation zu erhalten war mein Ziel seit der Auswanderung und seit ich angefangen habe, die hiesige Vorgehensweise in der PädagogInnenbildung zu verstehen. Meine erste Information dazu war, dass man den Kurs „Svenska som andraspråk 3“ bestanden haben muss, also das schwedische Abitur im Fach Schwedisch als Zweitsprache. Ich habe den entsprechenden Weg am Gymnasium in Årjäng daher so schnell ich konnte absolviert – theoretisch neun Kurse innerhalb von zwei Jahren (SFI B bis D, Svenska grund 1 bis 3 und SVA 1 bis 3), wobei ich einige davon übersprungen habe – und anschließend voller Vorfreude und Zuversicht meine Unterlagen beim Schulamt eingeschickt, weil ich dachte, das wäre für mich die einzig nötige Voraussetzung. Spoiler: Das war es auch. Der Antrag zu Beginn 2024 wurde aber abgelehnt mit der Begründung, dass ich die Zweite Staatsprüfung und damit die Lehrerlaubnis für öffentliche Schulen in einem EU-Land nicht habe.
Ich habe dann in einem Brief meine Situation erklärt. Die Sache war: für das Zweite Staatsexamen braucht man das Referendariat, dafür muss man zwei Jahre in Bayern leben. Diesen Weg nachzuholen war also definitiv ausgeschlossen, selbst wenn ich ihn jetzt gewollt hätte. Der Antrag auf Prüfung beim Schulamt kostet 1500 SEK, ca. 150 Euro, und normalerweise ist im Fall einer Absage in dieser Gebühr eine „Kompletteringshänvisning“ enthalten, also die Beschreibung der Vorgehensweise, wie man die Legitimation erhalten kann (zum Beispiel, welchen Studiengang man in Schweden noch ergänzend abgelegen müsste). Bei mir war aber die einzige Feststellung dazu: ich habe halt nicht die Zweite Staatsprüfung.
Dann habe ich den Job bekommen und wurde als nicht-zugelassene Lehrerin für das aktuelle Schuljahr eingestellt. Im Hinterkopf hatte ich natürlich weiterhin, dass ich mich um meine Legitimation kümmern muss. Ich habe mich zunächst vor allem mit dem VAL-Studiengang beschäftigt, der speziell für nicht-zugelassene Lehrkräfte gedacht ist und eigentlich genau das richtige für meinen Fall gewesen wäre. Um ihn zu studieren, muss man aber gewisse Voraussetzungen erfüllen: unter anderem muss man zum Zeitpunkt des Studiums in genau der Klasse (Unter-, Mittel- oder Oberstufe) arbeiten, für die man die Legitimation anstrebt. Ich habe in Deutschland für die Jahrgangsstufen 5 bis 12 studiert, daher würde mir, wenn ich jetzt hier VAL studieren würde, fast kein einziger Kurs angerechnet werden, weil ich hier momentan ja in der ersten Klasse eingesetzt bin. Dieser Weg ging also nicht. Ich hätte für die Zulassung zum Studium erst einen festen Job in einer höheren Klasse benötigt, der aber ohne Legitimation wiederum kaum zu bekommen ist. Die Katze beißt sich in den Schwanz und meine jetzige Schule geht nur bis zur sechsten Klasse.
Eine weitere Option wäre theoretisch das KPU-Studium gewesen. Dies ist eine pädagogische Ergänzung für Quereinsteiger aus anderen Berufen. Ich aber habe alle Kurse sowie die Staatsprüfung in Fachdidaktik und EWS (Erziehungswissenschaft, also Pädagogik und Psychologie) ja bereits abgelegt, auch dieser Weg machte also keinen Sinn.
Als drittes wäre noch das ULV-Studium für ausländische Lehrkräfte eventuell relevant gewesen. Dies wird an sechs schwedischen Universitäten angeboten. Meine Fächerkombination Deutsch/Sport gibt es an zwei davon, das Studium dort wäre aber nur in Vollzeit vor Ort in Göteborg oder Stockholm und nicht auf Distanz möglich. Also ebenfalls logistisch quasi ausgeschlossen. Die Universität Karlstad, die örtlich die nächste hier zu uns ist, bietet ULV nicht an und im regulären Lehramtsstudium nicht die Fächer Deutsch und Sport, sonst hätte man mir dort vielleicht meine Kurse validieren und ein schwedisches Examen als Fachlehrkraft ausstellen können. Aber, ich wiederhole mich: auch das ging also auf diverse Anfragen hin nicht.
Alles, was ich hier jetzt so „übersichtlich“ aufliste, habe ich von niemandem gesammelt erklärt bekommen, sondern mühselig im Lauf von Monaten bröckchenweise durch einzelne Mails und Telefonate mit Universitäten und dem Schulamt zusammengepuzzelt und versucht zu verstehen.
Dann gab es noch einen anderen Weg, den ich parallel in Deutschland verfolgt habe: das Staatsexamen ist ja kein internationaler Studienabschluss. An manchen Unis, auch in Bayern, erhält man daher den Bachelor und ggf. den Master of Education direkt automatisch dazu. Nicht aber an meinen beiden, der LMU und TUM. Ob ein deutscher Bachelor/Master of Education letztlich direkt zur Legitimation in Schweden geführt hätte, habe ich bis heute nicht verstanden, denn auch ein Master of Education ist ja nicht die Zulassung zum öffentlichen Schulsystem in Deutschland, die bei mir als fehlend festgestellt wurde. Aber zumindest wäre die Bezeichnung des Abschlusses bekannt. Für sehr viele deutsche Lehrkräfte, die aus dem Beruf aussteigen wollen, stellt es ein großes Problem dar, dass das Staatsexamen in der freien Wirtschaft nicht wirklich „zählt“ und sie nach jahrelangem Studium nichtmal einen Bachelor vorzuweisen haben. Auch ich habe mich also an mehrere deutsche Unis gewandt und angefragt, ob ich bitte für mein Staatsexamen einen Bachelor of Education ausgestellt bekommen könnte. Kurz gesagt, die Antwort war nein: ich müsste mich theoretisch für das Lehramtsstudium dort (z.B. in Nürnberg, siehe Screenshot unten) immatrikulieren und von allen Lehrstühlen der einzelnen Fachbereiche meine in München erbrachten Leistungen anrechnen lassen und könnte dann – ja! – wohl den Bachelor ablegen. Es ist allerdings nicht möglich sich für einen Studiengang zu immatrikulieren, dessen Abschluss man bereits absolviert hat (nämlich das Erste Staatsexamen), daher werde ich nicht zu einem solchen Studium zugelassen.

Wenn dieser Artikel bereits beim Lesen nervt, weil er so langatmig und auf persönlicher Ebene extrem frustrierend ist: stellt euch mal mich in den letzten Monaten vor… Aber es gibt ein happy end!
Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, ich brauche „einfach“ mal jemanden, der meine gesamte Situation wirklich detailliert betrachtet: alles, was ich hier beschrieben habe, und noch einige Aspekte mehr. Jeder Ansprechpartner der verschiedenen Institutionen hat gefühlt immer nur seinen eigenen kleinen Ausschnitt gesehen und mir Tipps gegeben, von denen ich bereits wusste, dass sie ausgeschlossen sind. Das Schulamt hat mir an einem Punkt auf für mich ungewöhnlich penetrante Nachfragen meinerseits hin angeboten, meinen Fall nochmal zu prüfen, dafür müsste ich aber die ca. 150 Euro nochmal zahlen und eine Änderung des Beschlusses wäre auch dann natürlich nicht dabei garantiert.
Ich habe weitergemacht, weiter nachgefragt, recherchiert, telefoniert, Wege versucht, mich auch für ULV an den Unis Göteborg und Stockholm beworben in der Hoffnung, dass die Lehrstühle dort vielleicht bei der Prüfung meiner Dokumente feststellen, dass ich gar keine oder nur ganz wenige weitere Kurse für das schwedische Examen benötige und das Vollzeitstudium vor Ort nicht relevant für mich ist. Ich habe bei meinen eigenen Recherchen nichts gefunden, was in der schwedischen Lehramtsausbildung enthalten ist und was ich nicht in vergleichbarer Weise vorweisen kann. Ich wollte nichts geschenkt oder erbettelt haben, ich wollte nur endlich wissen, auf welche Weise ich meine Qualifikation hier komplettieren soll, wenn das Referendariat einfach rein geografisch keine Option darstellt: nach insgesamt fünf Jahren Lehramtsstudium in München plus dem dreijährigen Doktoratsstudium der PädagogInnenbildung in Salzburg mit in Summe über 290 ECTS-Punkten (für das schwedische Lehrerexamen braucht man 240, die hatte ich bereits in München), mit einer achzig-seitigen wissenschaftlichen Zulassungsarbeit in Erlebnispädagogik, die als Buch veröffentlicht wurde, mit einem Staatsexamen in drei Schulfächern (man braucht nur zwei) und auch dem in Erziehungswissenschaft, mit allen erforderlichen Praktika plus zusätzlich einem freiwilligen einjährigen Intensivpraktikum parallel zum Studium und mit mehreren Jahren Arbeitserfahrung, die auch vom Kultusministerium in Form der offiziellen Unterrichtsgenehmigung geprüft und bestätigt wurde. Übrigens nur als kleine Ergänzung: für die beglaubigten Übersetzungen aller dieser Zeugnisse, Bestätigungen und Dokumente habe ich viel (!) Geld ausgegeben. Da der Preis nach Anzahl der Worte berechnet wird, sind so seitenweise kleingedruckte Beschreibungen von einzelnen Kursen und Leistungsnachweisen eine teure Angelegenheit. Kompliment an die TUM, die ihre Unterlagen zumindest teilweise von vornherein auf deutsch und englisch ausstellt. Kompliment wird aber wieder einkassiert, weil sie den Bachelor nur für die Fächerkombination Mathe/Sport ausstellt, aber nicht mit Deutsch…
Welches Detail genau letztlich den Ausschlag gegeben hat, weiß ich nicht. Der aktuelle Stand ist jedenfalls: mein Studium wurde von der UHR als gleichwertig zu einem Master anerkannt. Diese Einschätzung ist an sich nicht neu oder überraschend, sondern einfach korrekt, da sie ja auch schon die Grundlage meiner Zulassung zum Doktorat in Salzburg damals war und die ECTS-Punkte faktisch ausreichen. Umso seltsamer, dass es so ein Act ist, das in Deutschland offiziell bestätigt zu bekommen. Das Skolverket hat daraufhin schließlich meinen Fall nochmal geöffnet, OHNE dass ich die 150 Euro erneut zahlen musste. Irgendjemand dort hat sich mit meiner Situation wohl nach über einem Jahr also endlich ernsthaft befasst, wofür ich sehr dankbar bin, und ist zu dem Schluss gekommen, dass ich die Voraussetzungen für die Arbeit als Fachlehrerin in Schweden erfülle.
Meine Bescheinigungen von Rettungsschwimmen und Erste Hilfe Kurs muss ich noch für das Fach Sport nachreichen. Das ist zwar natürlich alles auch bereits bei meinen Leistungsnachweisen der TUM aufgelistet dabei, aber genau diese Unterpunkte stehen da, warum auch immer, nur auf deutsch statt englisch. Aber kein Problem, die Originale der Bestätigungen hab ich auch alle – nur noch kurz beglaubigt übersetzen lassen…

Die Folgen dieser Entscheidung sind, dass mein Gehalt ein Stück ansteigen wird, aber das war nicht mein Haupt-Fokus. Die Bezahlung fand ich auch bisher nicht schlecht. Objektiv weniger als in München, aber auf die echte Arbeitszeit und den niedrigeren Stress umgelegt vollkommen in Ordnung, finde ich. So etwas wie die Verbeamtung, für die in Deutschland das Referendariat die Voraussetzung ist, gibt es hier nicht. Der wichtigste Punkt ist, dass man nur mit Legitimation einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhalten kann und die zweimonatigen Sommerferien dann inkludiert sind, sowie die Sicherheit, auch noch im nächsten Schuljahr einen Job zu haben. Darum kümmere ich mich nun und bewerbe mich aktuell bei den verschiedenen Schulen der Umgebung, auch meiner jetzigen, als zugelassene Lehrerin mit der schwedischen Legitimation in den jetzt sogar vier Fächern Deutsch als moderne Fremdsprache, Deutsch als Muttersprache, Philosophie und Sport/Gesundheit. Es bleibt also weiterhin spannend, wo ich zukünftig arbeite – aber die nervenaufreibenden letzten Monate sind endgültig vorbei… Frohe Ostern!









