174) Unsere eigene Ladestation

Letzte Woche war es soweit: Der Elektriker hat eine Wallbox an unserem Haus montiert, so dass wir unser Hybrid-Auto nun nicht mehr zum Aufladen über Nacht an den Hütten parken, sondern hier im Garagenzelt, das wir ziemlich genau seit einem Jahr haben. Ich fand die morgendlichen und abendlichen Spaziergänge fast nie nervig, sondern eigentlich eine gute Gelegenheit, um in der Früh oder abends nach der Arbeit noch kurz an der frischen Luft zu sein. Außer natürlich, man hat es eilig und geht extra zügig zu den Hütten, nur um dort festzustellen, dass man das Auto ausgerechnet in dieser Nacht ja doch hinter dem Haus geparkt hatte – was mir ein paar Mal passiert sein mag…

Eine weitere mit dieser Neuerung einhergehende Veränderung ist, dass wir noch gezielter darauf achten müssen, trotzdem regelmäßig den Winter über bei den Hütten zu sein und dort nach dem Rechten zu sehen. Also Schnee von der Sauna räumen, Heizungen kontrollieren, Wasser ein bisschen laufen lassen und so weiter. Wir wollen ja nicht, dass ein eventueller (und hoffentlich nicht eintretender) Stromausfall zum Einfrieren oder gar Brechen der Leitungen führt, wie letzten Winter… Da werden wir also weiterhin ein Auge darauf haben, auch wenn wir nicht mehr täglich dort sind, um das Auto abzustellen oder wieder zu holen.

Türkranz aus Zweigen, die die Rehe nachts im Garten abgebissen und dann liegengelassen haben

Das Wetter war letzte Woche noch spätherbstlich und um die sechs Grad warm, nur vereinzelte Schneehaufen haben noch an die 40 cm von der Woche zuvor erinnert:

Seit gestern ist der Winter mit Dauerfrost nun aber wohl endgültig da, es hat nur noch um die 0 Grad und ist auch nicht wärmer angekündigt in nächster Zeit. Heute Nacht hat es wieder leicht geschneit, die Wiesen sind ein bisschen weiß und die Vögel freuen sich über die Sonnenblumenkerne im Futterspender:

Wie schonmal erwähnt, sind der Alltag, die Interessen und die Freizeit der Schweden ja größtenteils in Form von Vereinen organisiert. Zu der Mitgliedschaft im Jagdverein, dem Sportverein, der Wegvereinigung und der Hausbesitzervereinigung (etwas kantig übersetzt) ist inzwischen für mich die Mitgliedschaft bei den Skogskvinnorna hinzugekommen, den „Waldfrauen“. Man lernt hier, wie man auf den Wald bestmöglich aufpasst, ihn pflegt, bewirtschaftet und nutzt. Wir besitzen einen Hektar hinter den Hütten, der als Biotop geschützt ist und unberührt bleiben wird, sowie nochmal 5 Hektar ein Stück entfernt. Damit gehören wir zu den eher kleineren Waldeigentümern, aber auch diese Bäume sollen ja nach und nach teilweise für Feuerholz verwendet werden (siehe zum Beispiel Beitrag 133 und Beitrag 135) und sinnvoll nachgeforstet werden. Zwei meiner sehr netten Nachbarinnen sind ebenfalls Mitglieder und ich freue mich auf lehrreiche Treffen und Aktivitäten miteinander!

173) Der erste Schnee

Nach einer wunderbaren Woche in München, in der fast alle vereinbarten Treffen geklappt haben und ich viele schöne Stunden mit Familie, Freunden und Schulklassen hatte, bin ich nun zurückgekehrt und prompt vom schwedischen Winter empfangen worden: Gestern hat es das erste Mal richtig geschneit, und seitdem nicht aufgehört. Schon als wir vor einer Woche nachts zum Busbahnhof gefahren sind, war um vier Uhr morgens Schneeregen auf den Straßen, aber jetzt bleibt er das erste Mal liegen und auch heute schneit es weiter kräftig. Der Rettungsdienst unserer Gemeinde warnt vor starkem Schneefall und die Straße nach Oslo, auf der ich am Samstag im Bus noch gefahren bin, ist im Schneechaos und abschnittsweise gesperrt.

Der Herbst kommt uns hier eher kurz vor. Nach einem langen, warmen, hellen Sommer folgt eine kurze Zeit, in der alles geerntet, verarbeitet und winterfest gemacht werden muss, und dann ist er auch schon vorbei. Aber ein paar herbstliche Wochen mit goldenem Laub an den Bäumen hatten wir auch. Besonders die Verfärbungen des Ahorns mag ich sehr…

Ich versuche da eine etwas stoischere Herangehensweise zu haben. Meine Ethik-Klassen werden sich an die entsprechende Unterrichtseinheit wahrscheinlich erinnern. Also die Wärme und Helligkeit des Sommers wertschätzen und annehmen, ohne sie aber überzubewerten, um auch die Kälte und Dunkelheit des Winters einfach akzeptieren zu können, ohne sie als im Gegenteil besonders negativ oder bedrückend wahrzunehmen. Das habe ich letztes Jahr im Februar und März nicht gut hinbekommen.

Fußspur zum Vogelfutter gestern Nachmittag

Durch die Zeitumstellung war es am Sonntag Abend um 17:30 Uhr schon zu dunkel, um ohne Taschenlampe zu den Hütten rüber zu spazieren. Das wird sich natürlich in den nächsten Wochen nochmal deutlich nach vorne verlagern. Spätestens jetzt werden Schals, Mützen und Handschuhe hochgeholt, die Winterjacken ausgepackt und alle Sneaker weit weggeräumt – die werden wir bis April nicht mehr benötigen. Winterreifen sind bereits seit Anfang Oktober montiert, danach haben einige Nachbarn gefragt und uns auch die letzten Jahre schon rechtzeitig daran erinnert. Nichts ärgerlicher hier auf dem Land, als plötzlich nicht mehr mobil zu sein.

Ein bisschen Eingewöhnungszeit brauche ich, um mich an alle Schritte der Winter-Routine zu erinnern und sie dann auch zuverlässig zu erledigen: jeden Tag Vogelfutter auffüllen, die Asche und Kohle vom Vortag aus der Holzfeuer-Heizung holen… Auch Jost hat im Winter andere tägliche To-Dos: zum Beispiel Holz hacken, Feuer machen, Mausefallen ausleeren… Außerdem muss auf beiden Grundstücken Schnee geschaufelt werden und wir kontrollieren auch regelmäßig, ob in den Hütten alles OK ist und kein Stromausfall war, letzten Dezember gab es da ja ein Unglück. Hier der Beitrag dazu… (Nr. 126). Ein guter Trick ist, einen Becher Wasser einzufrieren und dann eine Münze oben drauf zu legen. Dann sieht man, wenn Stromausfall war und der Inhalt der Gefriertruhe schonmal aufgetaut war, dass die Münze nicht mehr oben aufliegt.

Da in Bayern diese Woche Herbstferien sind und der Online-Unterricht dadurch nicht stattfindet, kann ich mich jetzt besonders auf die letzten beiden zu absolvierenden PM-Aufgaben in meinem SVA3-Kurs konzentrieren. Dessen Abschlussprüfung ist Ende November, bis dahin werde ich mich möglichst intensiv darauf vorbereiten und dann den Advent anschließend versuchen ruhig, gemütlich und entspannt zu verbringen. Und so starten wir in unseren dritten Winter hier…

Heute früh

Da sich inzwischen viele für unseren Blog interessieren, die auch selbst nach Schweden umgezogen sind oder es planen, gibt es übrigens in den Kategorien jetzt einen Unterpunkt mit einigen gesammelten Artikeln zum Thema Auswandern (Zahlen, Daten, Fakten – aber auch Heimweh, Hindernisse und Herausforderungen).

172) Reisen als Routine

In den mehr als zwei Jahren seit unserem Umzug von München nach Schweden bin ich inzwischen sieben Mal nach Deutschland gereist, jeweils etwa eine bis eineinhalb Wochen lang. Zwei Mal davon war ich per Auto und Fähre unterwegs, für die restlichen fünf Reisen bin ich von Oslo aus geflogen.

Verglichen mit dem einzigen echten Argument gegen das Auswandern, nämlich Freunde und Familie zu vermissen, hatte der Aspekt des CO2-Ausstoßes dieser Besuche im Vorfeld zugegebenermaßen quasi überhaupt kein Gewicht. Ein bisschen Bauchgrummeln verursacht der ökologische Abdruck trotzdem, aber ein etwas erleichtertes Gewissen kann man sich ja zumindest theoretisch auf dem Papier durch Kompensationszahlungen erkaufen.

Oktober 2021

Die beiden Roadtrips gen Süden mit dem Auto, das erste Mal davon inklusive geliehenem Anhänger zum Transport unserer Besitztümer (siehe Beitrag 18), haben mir wirklich gut gefallen. Wir sind sehr froh über unser Auto, das solche Touren so angenehm wie möglich macht. Selbst mir, die dem Fahren ansonsten nichts Spaßiges abgewinnen kann abgesehen vom Sinn der Sache, von Å nach B (wie Bayern) zu kommen. Die Stops im IKEA Göteborg mit Kaffee und Kanelbulle, die Übernachtungen im Trucker-Matratzenlager auf der Fähre und die Mittagspausen im perfekt gelegenen IKEA Leipzig fand ich nie unangenehm, aber es gehen dadurch natürlich in Summe hin und zurück vier komplette Tage drauf und die Benzinpreise spielen auch hybrid eine Rolle.

Mit dem Bus geht es daher seitdem immer von Årjäng nach Oslo, dann dort mit dem Flugzug oder dem Regionalexpress zum Lufthavn Gardermoen. Diese Abläufe sind inzwischen eingespielt, ich kenne die Wege, habe meinen Stammplatz im Café mit Steckdose und Wlan zur Überbrückung der Wartezeit und weiß, von welchem Gate wir normalerweise abfliegen. Der Miles&More-Kontostand wächst und gedeiht.

Meine Zeit in München plane ich im Vorfeld relativ akribisch, sobald die nächste Reise gebucht ist. Ich habe Unterricht, Workshops und andere berufliche Termine, organisiere Familientreffen und frage meine Freunde, wer wann Zeit hat. Dabei musste ich erst eine gewisse Balance finden. Die ersten Male habe ich fast jeden einzelnen Tag mit je einem Brunch-Date, einem Kaffeeklatsch und einem abendlichen Restaurantbesuch gefüllt, um auch wirklich alle zu sehen. Das hat mir nicht gut getan, es war zu viel und ich kann nicht nach dem Urlaub zu meinen Aufgaben im schwedischen Alltag zurückkehren und entweder urlaubsreif oder sogar krank sein. Daher lieber gezielte Verabredungen, bei denen ich nicht gestresst oder unter Zeitdruck bin. Ich mache das jetzt besser, aber noch nicht perfekt.

Diese Priorisierung ist dabei für mich sehr schwer. Bei den Abständen von etwa vier Monaten zwischen den Besuchen sind es immer die gleichen, mir sehr wichtigen Menschen, die ich definitiv treffen will, und für genau diese kann ich mir im Lauf einer Woche die Zeit nehmen. Was zu kurz kommt bzw. wegfällt ist das persönliche Pflegen aller anderen Kontakte, die mir vor dem Auswandern ebenfalls wichtig waren. Das ist genauso wenig schön wie das Verpassen von großen Anlässen wie z.B. Hochzeiten von Freunden, die mir wichtig sind, zu denen ich aber nicht extra anreise. Solche Unterscheidungen überhaupt treffen zu müssen tut mir weh und man lernt in dem gesamten Prozess viel über sich selbst.

Das untrügliche Anzeichen für meine Eltern, dass die nächste Shuttleservice-Fahrt zum Flughafen (💙) näher rückt, ist immer, dass sich in den Wochen vor meiner Ankunft die Kartons und Lieferungen bei ihnen daheim anhäufen. Der Handgepäckstrolley befindet sich auf dem Hinflug eingepackt im ansonsten leeren aufgegebenen Koffer, damit auf dem Rückweg genug Platz ist für alles, was beispielsweise in Deutschland günstiger ist oder was unsere Nachbarn in Schweden sich wünschen. Die Gewichtsgrenze bei der Gepäckaufgabe am Franz-Josef-Strauß-Flughafen wurde schon öfters strapaziert.

Die Reisen verlaufen meist reibungslos (solange der Koffer nicht in Frankfurt bleibt, daher nur noch Direktflüge). Und so ganz als „Routine“ würde ich sie wohl doch nicht bezeichnen, die Vorfreude ist schließlich immer da – genau wie dann auch die Freude, wieder nach Årjäng zurückzukehren…

171) Kältetraining im See

Ich möchte im Winter gezielt Kältetraining im Wasser machen. Im Vergleich zum letzten Jahr war ich diesen Sommer sehr häufig in verschiedenen Seen schwimmen, phasenweise fast täglich. Das war manchmal auch recht kühl, hatte aber mit Kälteanpassung an sich noch nichts zu tun. Ich wollte dadurch bei angenehmeren Temperaturen schonmal die Routine etablieren, in den See zu gehen ohne mich anzustellen. Zusätzlich liebe ich die Ruhe im Wasser einfach, die Erfrischung danach und so weiter.

Meine Ziele dabei sind unter anderem, das eigene Kälteempfinden wirklich herabzusetzen und einfach im langen, schwedischen Winter weniger zu frieren. Die Vorteile für Herz, Kreislauf und Immunsystem sind bekannt. Für meine Schilddrüse ist Kälteanpassung zusätzlich hormonell sinnvoll und wenn das Fettgewebe beeinflusst wird, habe ich auch nichts dagegen.

Ein Wasserthermometer habe ich nicht. Ich fände es zwar grundsätzlich interessant, die Wassertemperatur zu verfolgen und zu dokumentieren, aber irgendwie ist es auch unpraktisch und letztlich ja auch egal. In Finnland war ich Anfang 2013 in einer Sauna am Meer, wo man nach dem Saunagang für einige Sekunden in das durch den Salzgehalt offiziell minus zwei Grad kalte Wasser gegangen ist. Ganz so heftig kann es hier gar nicht werden.

Worauf ich achten muss, ist, mich danach nicht zu schnell aufzuwärmen. Ich hatte in der Vergangenheit ein paar mal nach dem Joggen oder Reiten an kalten Tagen leider teils relativ schwere Symptome von Kälteurtikaria (rote und weiße Flecken, große Schmerzen, schwacher Kreislauf bis hin zur kurzen Bewusstlosigkeit). Diese Erscheinungen treten manchmal auf, wenn ich vom Kalten zu schnell ins Warme komme. Die Sitzheizung im Auto nach dem Baden ist also, so verlockend sie sein mag, keine gute Idee. Aufwärmen durch Bewegung, Gehen, Hüpfen etc. dagegen schon, das mache ich dann auch. Die Prävention solcher allergischen Reaktionen ist ebenfalls eins meiner Ziele für das gesamte Kältetraining.

Mit der Wim Hof Methode habe ich mich bisher nur oberflächlich befasst und die Atemtechnik eine Zeit lang regelmäßig morgens durchgeführt, aber noch nie die im Programm vorgesehene Kombination aus Atmung, Kälteexposition und Meditation. Damit werde ich mich künftig mehr beschäftigen.

DatumZeit im Wasser
Sonntag, 1. Oktober 20235 Minuten Schwimmen bei 13 Grad Lufttemperatur und Sonne
Montag, 16. Oktober 20231:45 Minuten still bei 5 Grad, bewölkt nach Sonnenuntergang

Am Abstand dieser ersten beiden Termine sieht man ja schon, dass es bisher nicht super läuft, was diesen Vorsatz angeht. Ich möchte zweimal die Woche gehen aber es fällt mir schwer, das in den Alltag zu integrieren. Ein gar nicht allzu großer Grund dafür ist natürlich die Überwindung und der Respekt vor dem kalten Wasser an sich, aber hauptsächlich ist es nicht leicht, das zeitlich sinnvoll zu planen. Ich muss nicht nur die reine Zeit der Anfahrt und des Badens einplanen, sondern auch die des Aufwärmens. Das ist in Summe fast wie ein ganz normales Training, anders als im Sommer, wo man wirklich einfach kurz reinhüpfen kann. Andere Gründe waren, dass ich es nicht mache, wenn ich mich leicht krank fühle oder zum Beispiel an den Tagen der Elchjagd eh schon viel gefroren oder mich sehr angestrengt habe.

Insgesamt habe ich vier „Säulen“, die mir gesundheitlich helfen und mein Immunsystem auf den Winter vorbereiten, damit er besser wird als der vorige, und die ich die letzten Monate täglich getrackt habe:

  • vor dem Frühstück spazieren gehen (für Tageslicht und frische Luft am Morgen)
  • trainieren (Fitnessstudio, Zirkeltraining, Joggen, Reiten, Yoga…)
  • im See schwimmen (Kälteanpassung)
  • gesund essen (zuckerfrei und glutenfrei, ca. 2000 kcal)

Seit etwa drei Wochen ist ein fünfter Faktor hinzugekommen: das Smartphone nicht mehr benutzen. Ich habe jetzt ein Nokia-Tastenhandy für 28 Euro. Das tut mir sehr gut, aber ich benutze es zum Teil als Ausrede dafür, die vier anderen Routinen nicht mehr so konsequent wie im Sommer zu verfolgen: Mein Antrieb kam unter anderem auch daher, dass es mich motiviert hat, täglich den grünen Punkt für ein erledigtes Habit in der entsprechenden App anzuklicken und das positive Feedback der Freundin zu bekommen, mit der ich das gemacht habe. Diese Erfolgserlebnisse mit dem zugehörigen Dopaminausschuss haben dann erstmal gefehlt und sollen jetzt von innen kommen.

Insgesamt führen alle diese Aspekte dazu, dass es mir körperlich und geistig gut geht und ich schon etwas mehr mentale Ruhe habe als früher, wie Jost auch im letzten Beitrag geschrieben hat, auch wenn ich nach wie vor manchmal zu unkonzentriert bin. Die Verlosung in diesem Beitrag läuft bis Freitag, nehmt gerne noch teil!

170) Ruhe, Fokus und eine Verlosung

Unser Umzug nach Schweden war eine große Weichenstellung für uns und ein ebenso großer Schritt hin zu einem ruhigeren Leben.
Was genau bedeutet das in diesem Kontext, „ruhig“?

In meinen Artikeln hier auf dem Blog wirke ich manchmal, glaube ich, wie ein Mensch, der der Moderne nicht viel abgewinnen kann. Das ist so nicht ganz richtig. Sehr wohl aber bin ich ein Mensch, der seine Umwelt ziemlich reflektiert wahrnimmt und entsprechend oft auch kritisch sieht. So auch moderne Technologien. Auch ich kann mir das Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass im Internet an erster Stelle Pornographie existiert, dann kommt lange Zeit erst einmal nichts, und dann gibt es dort einige Dinge, die das Leben in den letzten 15-20 Jahren tatsächlich nachhaltig bereichert haben. Soziale Medien gehören dazu in meinen Augen nur bedingt. Ihre exzessive Nutzung hat meiner Meinung nach vor allem dazu geführt, dass menschliche Kontakte oberflächlicher wurden, der gesellschaftliche und politische Diskurs hysterisiert und fragmentiert wurde und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen in hohem Maße gelitten hat.
Der letzte Punkt ist meiner Meinung nach eines der prominentesten Krankheitssymptome unserer siechenden und vor sich hin vegetierenden modernen Gesellschaft: unsere Aufmerksamkeit springt hin und her zwischen Benachrichtigungen auf unserem Smartphone, anderen Medien und wenn es gut geht noch der realen Welt. Allerdings ist es ein Mythos (und faktisch falsch), dass das menschliche Gehirn in der Lage ist, Multitasking zu betreiben. Was tatsächlich passiert ist, dass die Aufmerksamkeit im Gehirn sozusagen jongliert wird, dass immer von einem Stimulus zum anderen gesprungen wird. Je mehr Tätigkeiten das Gehirn jonglieren muss, umso schlechter kann jede einzelne Tätigkeit durchgeführt werden.
In der Realität äußert sich das dann darin, dass Menschen wie Zombies an ihren Smartphones hängen und sich willfährig von ihnen abhängig machen. Es äußert sich darin, dass sich Information immer mehr verkürzt (komplexe Sachverhalte werden unter großem Informationsverlust in wenigen Zeichen auf Twitter bzw. X dargestellt, statt umfassende Youtube-Videos gibt es jetzt Youtube-Shorts oder noch verkürzter TikToks). Es äußert sich darin, dass viele Menschen es als Zumutung empfinden, sich konzentriert und über einen längeren Zeitraum mit einem Thema auseinander zu setzen (was aber nötig ist, um die Herausforderungen der Realität zu meistern). Es äußert sich darin, dass viele Menschen oft nicht merken, dass sie kein selbstbestimmter gesellschaftlicher Akteur mehr sind, sondern nur noch das menschliche Pendant eines dummen, im besten Fall niedlichen Hundes, der aufgeregt zwischen den Bällen, die ihm hingeworfen werden, hin- und herspringt. Auf vielen dieser Bälle steht „Kauf mich!“, „Empöre dich!“, „Das macht man nicht!“…

Internet gibt es wie gesagt auch hier auf dem schwedischen Land. Das Lebensumfeld ist aber ein erheblich ruhigeres: weniger Hektik, weniger Menschen, weniger (negative) Gruppendynamik, mehr Natur und Weitblick, mehr akustische Ruhe, mehr Raum zur Entfaltung. Das hat mir persönlich, aber auch Sandra, bisher ziemlich gut getan. Wer nämlich keine Distanz zu den gesellschaftlichen Zuständen aufbauen kann, kann darüber auch nicht rational reflektieren und kann sich somit auch nicht auf eine sinnvolle Art und Weise zu Sachverhalten positionieren und einbringen. Oder anders: hier fliegen weniger Bälle.

Es gibt einige Bücher, die mich in den lezten Jahren thematisch sehr berührt haben und darüber hinaus fachlich auch hervorragend aufgearbeitet sind.
„Abgelenkt“ von Johann Hari ist eines davon. Hari erlangte schon zuvor große Bekanntheit, unter anderem, weil er in seinem Buch „Der Welt nicht mehr verbunden“ ein neues, wirklich hilfreiches Verständnis von Depression vermittelt (hier in seinem TED-Talk angerissen).
„Abgelenkt“ ist mehr als nur ein Plädoyer für das Monotasking. Es ist unterhaltsam zu lesende und gut recherchierte Analyse, wie beispielsweise Technik designt wird, um uns möglichst effektiv abzulenken – denn die Währung, die den Erfolg einer App oder einer Social Media Plattform misst, ist Engagement. So werden solche technischen Spielereien entsprechend designt. Hier ein Blinken, ein Ton, ein Feed, der sich grenzenlos nach unten weiter scrollen lässt – die Designer wissen sehr wohl um die Beschaffenheit des menschlichen Gehirns und nutzen sie schamlos aus.
Oftmals sind es also äußere Umstände, die es uns sehr schwer machen, fokussiert zu bleiben. Glücklicherweise versäumt es Hari nicht, Schritte aufzuzeigen, die wir als Individuum gehen können, um der Massenverdummung zu entfliehen und wieder die Kontrolle über unser eigenes Denken zu übernehmen.
„Abgelenkt“ ist ein erhellendes Buch, das mich oft betroffen gemacht hat. Es zeigt das Ausmaß eines Phänomens auf, in das wir dermaßen involviert sind, dass es uns als Normalität vorkommt. Ich habe mich teilweise ertappt gefühlt. Dann trotzig. Und dann froh, es gelesen zu haben.

Der Riva Verlag war so freundlich, uns ein Exemplar des Buches zur Verlosung zur Verfügung zu stellen. Die kostenfreie Bereitstellung hat sich in keiner Weise auf die Art und Weise ausgewirkt, wie ich über das Buch schreibe. Ich habe es persönlich schon vor längerer Zeit gelesen.

ABLAUF DER VERLOSUNG:

Die Verlosung ist abgeschlossen und die Gewinnerin wurde per mail informiert. Das Buch macht sich in den nächsten Tagen auf den Weg zu ihr!
Wir freuen uns, wenn du die Verlosung innerhalb deines Freundes- und Bekanntenkreises teilst.
Wir versenden das Buch als Büchersendung innerhalb von Deutschland.
Teilnahme mit einer kurzen Mail an verlosunghari@posteo.de
Dort muss dein Name und die Versandadresse enthalten sein.
Die Verlosung läuft bis Freitag, 20.10.23, 9:00 Uhr. Danach losen wir den Gewinner aus. Jedem Teilnehmer wird eine Nummer zugeordnet, dann wird mit einem entsprechenden Programm eine zufällige Nummer bestimmt, die den Gewinner anzeigt.
Nach Abschluss der Verlosung wird die Mailadresse gelöscht, ebenso alle eingegangenen Mails. Wir speichern keinerlei Daten dieser Mails und verwenden sie auch nicht anderweitig.