Unser Umzug nach Schweden war eine große Weichenstellung für uns und ein ebenso großer Schritt hin zu einem ruhigeren Leben.
Was genau bedeutet das in diesem Kontext, „ruhig“?
In meinen Artikeln hier auf dem Blog wirke ich manchmal, glaube ich, wie ein Mensch, der der Moderne nicht viel abgewinnen kann. Das ist so nicht ganz richtig. Sehr wohl aber bin ich ein Mensch, der seine Umwelt ziemlich reflektiert wahrnimmt und entsprechend oft auch kritisch sieht. So auch moderne Technologien. Auch ich kann mir das Leben ohne Internet nicht mehr vorstellen. Dennoch bin ich mir bewusst, dass im Internet an erster Stelle Pornographie existiert, dann kommt lange Zeit erst einmal nichts, und dann gibt es dort einige Dinge, die das Leben in den letzten 15-20 Jahren tatsächlich nachhaltig bereichert haben. Soziale Medien gehören dazu in meinen Augen nur bedingt. Ihre exzessive Nutzung hat meiner Meinung nach vor allem dazu geführt, dass menschliche Kontakte oberflächlicher wurden, der gesellschaftliche und politische Diskurs hysterisiert und fragmentiert wurde und die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen in hohem Maße gelitten hat.
Der letzte Punkt ist meiner Meinung nach eines der prominentesten Krankheitssymptome unserer siechenden und vor sich hin vegetierenden modernen Gesellschaft: unsere Aufmerksamkeit springt hin und her zwischen Benachrichtigungen auf unserem Smartphone, anderen Medien und wenn es gut geht noch der realen Welt. Allerdings ist es ein Mythos (und faktisch falsch), dass das menschliche Gehirn in der Lage ist, Multitasking zu betreiben. Was tatsächlich passiert ist, dass die Aufmerksamkeit im Gehirn sozusagen jongliert wird, dass immer von einem Stimulus zum anderen gesprungen wird. Je mehr Tätigkeiten das Gehirn jonglieren muss, umso schlechter kann jede einzelne Tätigkeit durchgeführt werden.
In der Realität äußert sich das dann darin, dass Menschen wie Zombies an ihren Smartphones hängen und sich willfährig von ihnen abhängig machen. Es äußert sich darin, dass sich Information immer mehr verkürzt (komplexe Sachverhalte werden unter großem Informationsverlust in wenigen Zeichen auf Twitter bzw. X dargestellt, statt umfassende Youtube-Videos gibt es jetzt Youtube-Shorts oder noch verkürzter TikToks). Es äußert sich darin, dass viele Menschen es als Zumutung empfinden, sich konzentriert und über einen längeren Zeitraum mit einem Thema auseinander zu setzen (was aber nötig ist, um die Herausforderungen der Realität zu meistern). Es äußert sich darin, dass viele Menschen oft nicht merken, dass sie kein selbstbestimmter gesellschaftlicher Akteur mehr sind, sondern nur noch das menschliche Pendant eines dummen, im besten Fall niedlichen Hundes, der aufgeregt zwischen den Bällen, die ihm hingeworfen werden, hin- und herspringt. Auf vielen dieser Bälle steht „Kauf mich!“, „Empöre dich!“, „Das macht man nicht!“…
Internet gibt es wie gesagt auch hier auf dem schwedischen Land. Das Lebensumfeld ist aber ein erheblich ruhigeres: weniger Hektik, weniger Menschen, weniger (negative) Gruppendynamik, mehr Natur und Weitblick, mehr akustische Ruhe, mehr Raum zur Entfaltung. Das hat mir persönlich, aber auch Sandra, bisher ziemlich gut getan. Wer nämlich keine Distanz zu den gesellschaftlichen Zuständen aufbauen kann, kann darüber auch nicht rational reflektieren und kann sich somit auch nicht auf eine sinnvolle Art und Weise zu Sachverhalten positionieren und einbringen. Oder anders: hier fliegen weniger Bälle.
Es gibt einige Bücher, die mich in den lezten Jahren thematisch sehr berührt haben und darüber hinaus fachlich auch hervorragend aufgearbeitet sind.
„Abgelenkt“ von Johann Hari ist eines davon. Hari erlangte schon zuvor große Bekanntheit, unter anderem, weil er in seinem Buch „Der Welt nicht mehr verbunden“ ein neues, wirklich hilfreiches Verständnis von Depression vermittelt (hier in seinem TED-Talk angerissen).
„Abgelenkt“ ist mehr als nur ein Plädoyer für das Monotasking. Es ist unterhaltsam zu lesende und gut recherchierte Analyse, wie beispielsweise Technik designt wird, um uns möglichst effektiv abzulenken – denn die Währung, die den Erfolg einer App oder einer Social Media Plattform misst, ist Engagement. So werden solche technischen Spielereien entsprechend designt. Hier ein Blinken, ein Ton, ein Feed, der sich grenzenlos nach unten weiter scrollen lässt – die Designer wissen sehr wohl um die Beschaffenheit des menschlichen Gehirns und nutzen sie schamlos aus.
Oftmals sind es also äußere Umstände, die es uns sehr schwer machen, fokussiert zu bleiben. Glücklicherweise versäumt es Hari nicht, Schritte aufzuzeigen, die wir als Individuum gehen können, um der Massenverdummung zu entfliehen und wieder die Kontrolle über unser eigenes Denken zu übernehmen.
„Abgelenkt“ ist ein erhellendes Buch, das mich oft betroffen gemacht hat. Es zeigt das Ausmaß eines Phänomens auf, in das wir dermaßen involviert sind, dass es uns als Normalität vorkommt. Ich habe mich teilweise ertappt gefühlt. Dann trotzig. Und dann froh, es gelesen zu haben.
Der Riva Verlag war so freundlich, uns ein Exemplar des Buches zur Verlosung zur Verfügung zu stellen. Die kostenfreie Bereitstellung hat sich in keiner Weise auf die Art und Weise ausgewirkt, wie ich über das Buch schreibe. Ich habe es persönlich schon vor längerer Zeit gelesen.
ABLAUF DER VERLOSUNG:
Die Verlosung ist abgeschlossen und die Gewinnerin wurde per mail informiert. Das Buch macht sich in den nächsten Tagen auf den Weg zu ihr!
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Wir versenden das Buch als Büchersendung innerhalb von Deutschland.
Teilnahme mit einer kurzen Mail an verlosunghari@posteo.de
Dort muss dein Name und die Versandadresse enthalten sein.
Die Verlosung läuft bis Freitag, 20.10.23, 9:00 Uhr. Danach losen wir den Gewinner aus. Jedem Teilnehmer wird eine Nummer zugeordnet, dann wird mit einem entsprechenden Programm eine zufällige Nummer bestimmt, die den Gewinner anzeigt.
Nach Abschluss der Verlosung wird die Mailadresse gelöscht, ebenso alle eingegangenen Mails. Wir speichern keinerlei Daten dieser Mails und verwenden sie auch nicht anderweitig.