179) Strategietag der Waldfrauen

In Beitrag 174 habe ich erwähnt, nun Mitglied im Verein „Skogskvinnorna“ („Die Waldfrauen“) zu sein. Es handelt sich hierbei um ein Netzwerk von und für Waldbesitzerinnen, Waldarbeiterinnen und insgesamt an diesem Thema interessierte Frauen im Värmland. Auch in anderen Regionen Schwedens gibt es vergleichbare Vereinigungen, zudem beispielsweise in Finnland, Norwegen und Island. Manchmal finden internationale Treffen zum Informationsaustausch statt. Ziele sind unter anderem, soweit ich es bisher verstanden habe, einerseits den Prozentsatz der Frauen zu erhöhen, die an Entscheidungen bezüglich des skandinavischen Waldes beteiligt sind, und andererseits das Fachwissen derjenigen zu erhöhen, die selbst Waldstücke besitzen. Heute fand der Strategietag des Vereins in Sunne statt. Zu siebzehnt haben wir uns in einem Besprechungsraum des nach Selma Lagerlöf, Sunnes berühmtester Tochter, benannten Spas getroffen und von 9 bis 12 Uhr konferiert.

Das SelmaSpa wirkt wie ein gutes Ziel für einen Wellness-Ausflug

In Gruppenarbeit wurden neue Ideen für das kommende Jahr gesammelt: welche Ausflüge und Besichtigungen man organisieren könnte, welche Themen für Vorträge gewünscht sind, was sonst noch zu organisieren ist und wann/wo die nächsten Sitzungen stattfinden sollen. Weiterhin ging es beispielsweise kurzzeitig um die Quote für die Elchjagd im Glaskogen Naturreservat, die wegen des Tierschutzes nicht zu hoch und wegen des Waldschutzes nicht zu niedrig sein darf, um die Balance zwischen dem Wald als wichtigem CO2-Akteur beim Klimaschutz und seiner Rolle als Rohstoffproduzent anstelle fossiler Energien, um den Skogsbruksplan (in dem jeder Waldbesitzer festhält, ob und wie er das Holz zu nutzen plant), um die Handhabung des Jedermannsrechts in „privaten“ Waldgebieten und vieles mehr. Das allgemeine Interesse wirkte besonders groß an der Ökonomie und den Verhandlungen beim Verkauf von eigenem Holz. Meine Schwedisch-Kenntnisse waren zwar für die Details dieser speziellen Themen nicht komplett ausreichend, aber es war interessant und alle waren sehr freundlich und offen!

Während der Tagung gab es belegte Brote und Kaffee als Fika, zum Mittagessen sind wir dann in das Restaurant des Spas gegangen und haben das Tagesmenü genossen (Hähnchenschenkel in Rotweinsauce). Mit drei lieben Nachbarinnen bin ich anschließend wieder zurück gefahren, es war ein schöner Tag und ich freue mich auf die nächsten Programmpunkte der Waldfrauen…

178) Unser dritter Winter

Es gab schon mehrere Kältephasen diesen Winter, aktuell sind wir wieder in einer (heute minus 29° bei uns). Als solche würde ich Temperaturen ab minus 20 Grad bezeichnen, denn um die minus 15 ist hier relativ normal und fühlt sich im Vergleich dazu auch nicht unangenehm an. Im Advent gab es ein paar Tage mit minus 25 Grad, die in den Hütten wie auch schon letztes Jahr für das Gefrieren des Wasserrohrs am Brunnen gesorgt haben. Anfang Januar wurde ein neuer von uns gemessener Rekordwert erreicht: minus 33 Grad. Diese skandinavische Kältewelle war auch in Deutschland in den Medien vertreten, daher haben viele von euch gefragt, wie es uns geht und wie das so ist. Hier daher ein paar Stichpunkte.

  • Wenn man vor die Tür geht, tut mir bei solchen Temperaturen der erste Atemzug schon in der Lunge weh. Auf den 50 Metern zum Briefkasten gefrieren die Wimpern und die Nase innen.
  • Die Sensoren im Auto reagieren empfindlich und zeigen fälschlicherweise Warnungen an, zum Beispiel beim Reifendruck. Das Scheibenwischer-Mittel ist auf minus 18 Grad ausgelegt und gefriert teilweise.
  • Wir hängen zusätzliche Decken zur Isolation vor die Fenster. Die Scheiben gefrieren trotzdem von innen (siehe Fotos oben). Im Haus haben wir meistens um die 16-18 Grad, das ist kein Problem.
  • Durch unsere tolle Situation mit der Hybrid-Heizung können wir nachts das Öl anschalten, ohne den Wecker stellen und Holz nachlegen zu müssen. Tagsüber wird zusätzlich der Ofen in der Küche befeuert.
  • Der Sternenhimmel ist in den kalten Nächten besonders klar, viele Sternbilder sind deutlich erkennbar. Dunkel genug dafür ist es ab dem späten Nachmittag. Nordlichter habe ich diese Saison bisher noch nicht erwischt, vielleicht kommt das noch…
  • Jede Bewegung draußen muss wohlüberlegt sein. Schneeschaufeln ist anstrengend und verbraucht durch die Kälte zusätzlich Kalorien. Man muss aufpassen, genug zu essen. Spazieren ist in solchen Phasen nicht möglich, reiten für mich auch nicht.
  • Ein im Auftrag einer Freundin ausgeführtes Sendung-mit-der-Maus-Experiment hat dazu geführt, dass ein paar Tage lang eine gefrorene Seifenblase vor unserer Haustür lag:

Das alles (bis auf die Seifenblase) kann in Summe beklemmend wirken und zu negativen Gedanken und gereizter Stimmung führen. Und der Winter ist ja noch lang. Aber wir schaffen es aktuell relativ gut, das im akzeptablen Rahmen zu halten. Wir sind mehrmals die Woche im Fitnessstudio und gehen dann zusätzlich zum Krafttraining bis zu eine Stunde auf das Laufband, um auf die Schritte zu kommen. Morgens und abends machen wir es uns oft gemütlich, lesen, essen, etwas anschauen… Die Sonnenauf- und -untergänge sind momentan häufig sehr schön farbenfroh. Die Wintersonnenwende wurde mir erst hier in Schweden als besonderer Tag bewusst, man weiß, dass die Helligkeit wieder länger wird. Mit Tageslichtlampe, Vitamin D und anderen Nahrungsergänzungsmitteln ist es dieses Jahr für mich auf jeden Fall besser als letzten Winter und auch körperlich bin ich seit dem starken Husten im Herbst diesmal gesund. Wir haben voraussichtlich genug Holz produziert für diese Saison, bald werden wir wieder anfangen zu fällen. Insgesamt also ist es definitiv abenteuerlich, an einem Ort mit solchen Temperaturen zu leben, aber es ist alles ok hier!

177) In der Weihnachtsbäckerei

Viel passiert momentan nicht wirklich hier, aber ein kleines Update zum Jahresende kann ich trotzdem schreiben… Es ist die Zeit der längsten Nächte, je nach Bewölkungszustand ist es teilweise den gesamten Tag über nur dunstig-düster statt richtig hell. Und auch das wenn überhaupt, dann nur zwischen ca. 9 und 15 Uhr. Auch im dritten Jahr überrascht uns die Heftigkeit dieser Situation ein bisschen und wir haben schon wieder fast vergessen, wie sich der Sommer hier anfühlt. Es ist einfach ein komplett anderer Allgemeinzustand zu dieser Jahreszeit, ein anderer Alltag. Nicht wie in München, wo es auch im Winter weniger Minusgrade, einen höheren Sonnenstand und mehr (bzw. überhaupt) Straßenbeleuchtung gibt. Wir versuchen wieder, das Beste daraus zu machen: Training im Fitnesstudio, regelmäßige Spaziergänge (wenn es nicht zu eisig ist)… Heute zum Beispiel am See in Arvika:

Das Sonnenuntergangs-Foto wurde um 14:11 Uhr gemacht…

Gesundheitlich geht es mir wesentlich besser als 2022, wo ich ab Oktober ja durchgehend mal mehr, mal weniger stark Husten und Bronchitis hatte. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, wieder Plätzchen zu backen:

Wir haben uns von einem Hof in der Nähe, bei dem ich schon oft war, ein halbes Schwein bestellt, welches wir nun bekommen haben (30 Kilo). Insgesamt waren das etwa 430 Euro, es hat glücklicherweise alles gut in die Gefriertruhe (Link zu dem Blog-Artikel, wie wir sie damals mit Müh und Not in den Keller transportiert haben) gepasst und wird uns relativ lange Zeit bestens versorgen.

Als es letztens mehrere Tage lang minus 20 Grad hatte, hat sich das Leben wirklich wie eingefroren angefühlt: man überlegt es sich gut, ob man wirklich Zeit draußen verbringt, selbst wenige Minuten. Alles ist anstrengend, mühsam und teils schmerzhaft. Ein kurzer Besuch bei den Pflegepferden im Stall ist möglich, aber beim Reiten würde man im Sitzen zu schnell zu sehr frieren.

Dante
Die Vögel freuen sich über den aufgehängten Speck

Momentan ist es um die Null grad warm, es regnet und gefriert und die Felder sind braun statt weiß… Frohe Weihnachten aus Årjäng, god jul!

176) Schwedischkurse erfolgreich abgeschlossen

Im Oktober 2021 bin ich in die erste SFI-Stunde gegangen und habe in Beitrag 23 darüber berichtet. Ich hatte vorher gegoogelt, wie man auf schwedisch „Hallo, ich heiße Sandra und bin 31 Jahre alt“ sagt, weil ich keine Ahnung hatte, und es mir auch ganz streberhaft auf einen Zettel geschrieben, da ich zurecht davon ausgegangen bin, dass es wohl eine Vorstellungsrunde geben würde…

Und heute, 2 Jahre und 2 Monate später, habe ich das Ergebnis bekommen, dass ich meinen letzten Kurs „Schwedisch als Zweitsprache 3“ auf C1-Niveau bestanden habe, also das Abitur im Fach Schwedisch, und dadurch auch hier die Hochschulreife erhalte, da ich das Abitur in den anderen Fächern ja bereits in Deutschland (also der EU) abgelegt habe. 🎉

Die Abschlussprüfung bestand aus einem vierstündigen schriftlichen Teil, bei dem ich letzte Woche eine wissenschaftliche Arbeit von 600-800 Wörtern über Vor- und Nachteile von selbst herausgegebenen Büchern im Vergleich zu traditionellen Verlagen verfassen und dabei diverse Quelltexte zitieren musste, sowie aus der mündlichen Prüfung, bei der ich einen Literatur-Vortrag im Bereich Poesie gehalten und anschließend Fragen dazu beantwortet habe. Zudem war eine Buchdiskussion zur Lektüre „Der Gesang der Flusskrebse“ ein Teil des Abschlusstests.

Ich dürfte jetzt also in Schweden studieren, worüber ich mich natürlich freue, will das aktuell im besten Fall aber sozusagen unbedingt verhindern… Im Gegenteil werde ich alle meine Dokumente, Zeugnisse und Zertifikate, die für umgerechnet etwa 430 Euro offiziell beglaubigt übersetzt wurden, schnellstmöglich an das Schulamt hier schicken und darauf hoffen, dass das alles eins zu eins aus Deutschland anerkannt wird und ich daher OHNE die Belegung weiterer Universitätskurse meine schwedische Lehr-Erlaubnis erhalte…

Über die verschiedenen Sprachkurse der letzten beiden Jahre habe ich in mehreren Artikeln etwas geschrieben, in der Kategorie „Sprache“ ist einiges dazu gesammelt. Wer diesen Blog liest und auch nach Schweden ausgewandert ist: Viel Erfolg bei allen zukünftigen Prüfungen von SFI, Svenska Grund und SVA!

Die ersten beiden Einsätze in meinem neuen Job als Aushilfslehrerin (vorheriger Artikel) liefen super, sowohl in der Kita als auch der dritten Klasse hat es sehr viel Spaß gemacht. Meine Sprachkenntnisse haben also zu guter Letzt auch noch den allerschwierigsten Test bestanden: Kinder verstehen, was ich sage 😉

P.S.: Die letzten Tage war es hier genau wie auch letzten Dezember ziemlich kalt, bis zu minus 22 Grad:

175) Arbeit als Aushilfslehrerin

Über das schwedische Schulsystem habe ich bereits in einigen Artikeln etwas geschrieben, vor allem in Beitrag 160 und Beitrag 167, und jetzt ist es an der Zeit, es persönlich kennenzulernen: Ich habe nun einen Arbeitsplatz als Lehrer-Vikarie, also Aushilfe, in unserer Gemeinde Årjäng. Was bedeutet das? Ich bin auf Stundenbasis angestellt und kann meine Arbeitszeit flexibel selbst festlegen. Ich trage dazu in einem Online-Portal die Tage ein, an denen ich frei habe und arbeiten kann, und dann bekomme ich bei Bedarf eine SMS mit einer Buchungsanfrage, nach der Art „Kannst du bitte Svenja im Fach Mathe an der Grundschule in Töcksfors von 9 bis 13 Uhr vertreten?“, und darauf kann ich mit JA oder NEIN antworten. Es gibt nichts vorzubereiten oder danach zu korrigieren, Svenja hat im besten Fall Arbeitsblätter oder Aufgaben erstellt, die ich mit ihren Klassen erledige. Ansonsten wird improvisiert, gespielt, geredet, Stillarbeit gemacht etc., wie in den Vertretungsstunden in Deutschland auch – wo diese aber von Lehrern übernommen werden und in den meisten Fällen nicht extra Aushilfen zur Entlastung eingestellt werden…

Für mich bietet dieser Job viele Möglichkeiten: Ich kann die Arbeitstage mit meiner Stelle im Supermarkt, die ich ab Januar auf zwei Tage pro Monat reduziert habe, und meiner Selbständigkeit, die wächst und die ich weiter ausbaue, frei kombinieren, kann andere Lehrer und den regulären Schulalltag hier kennenlernen und mir verschiedene Einrichtungen in unserer Gemeinde anschauen. Es gibt Kindergärten für Ein- bis Fünfjährige, Unterstufen (Klassen 1 bis 3), Mittelstufen (Klassen 4 bis 6) und eine Oberstufe (Klassen 7 bis 9) sowie Nachmittagsbetreuung. Bis hierhin sind alle Kinder gemeinsam unterwegs, es gibt keine verschiedenen Schularten. Das anschließend freiwillige Gymnasium (Klassen 10 bis 12) ist in diesem Vikariats-Pool nicht enthalten, dort werden ausfallende Stunden anderweitig organisiert. Theoretisch könnte ich der Gemeinde als meinem Arbeitgeber gegenüber auch einschränken, dass ich nur an bestimmten Schulen oder nur in bestimmten Jahrgangsstufen eingesetzt werden will, aber zunächst probiere ich einfach mal alles aus und sammle Erfahrungen.

Es gibt viele Unterschiede zu Deutschland, die ich hier hervorragend gelöst finde. Einer davon ist das sogenannte pädagogische Mittagessen: In der Cafeteria nehmen Lehrer und Schüler gemeinsam ihre in der Schulküche angerichtete Mahlzeit zu sich, diese ist für mich als Aushilfe jeden Tag gratis. Man setzt sich an Gruppentischen zusammen, maximal zwei Erwachsene sollen an einem davon Platz nehmen, und man redet beim Essen entspannt mit den Kindern und Jugendlichen. Das steigert natürlich enorm die Chancen, es ernsthaft und gezielt mitzubekommen, wenn bei jemandem zum Beispiel familiäre, psychische oder soziale Themen auftauchen sollten, was ja für alle Lehrkräfte eine wesentlich wichtigere Aufgabe als die Vermittlung von Stoff sein sollte… Und jetzt das, was dabei den größten Unterschied zu meinen bisherigen Erfahrungen ausmacht (vom kostenlosen Essen ganz abgesehen): Diese tägliche Stunde ist bezahlte Arbeitszeit. Sie ist dafür explizit VORGESEHEN, sich mit den Schülern informell außerhalb des Unterrichts auszutauschen. Die Lehrkräfte haben zusätzlich (!) ihre eigene Mittagspause, um bei Bedarf Ruhe und Kraft für die nächsten Stunden im Klassenzimmer zu tanken. Dieses Konzept macht für mich unglaublich viel Sinn und sollte bis zur Mittelstufe meines Erachtens auch an deutschen Schulen umgesetzt werden…

Zum Thema Finanzen vielleicht kurz, da solche Zahlen, Daten, Fakten viele Leser hier oft interessieren: Mein Stundenlohn in diesem Job sind umgerechnet ziemlich genau 15 Euro netto. Auf dem Papier ist das etwas höher als im Supermarkt, wo er aber durch Aufschläge für Abend- und Wochenendschichten in der Realität ein bisschen höher ist. Wenn man den Verdienst mit Deutschland vergleicht, muss man die unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen natürlich berücksichtigen. Das spielt auch bei der Frage „Wer soll denn das zahlen?“ eine Rolle, wenn man flächendeckend zusätzliche Aushilfen mit bezahlten Mittagspausen inklusive Verköstigung einstellt… Das wäre grundsätzlich alles machbar, auch in Deutschland, nur müssten dafür (zu?) viele Dinge grundlegend verbessert werden.

Meinen ersten Einsatz werde ich übermorgen haben: eine Vorschule hat für Donnerstag eine Vertretung in ihrer Gruppe der ein- bis dreijährigen Kinder angefragt. Nicht meine gewohnte Altersgruppe, die ja eigentlich ab der fünften Jahrgangsstufe beginnt – ich freue mich riesig darauf!