Es gibt viele Gründe dafür, dass das Auswandern nach Schweden für mich eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Das gilt auch und insbesondere für meinen Hormonhaushalt.
Ich habe in meinem Leben viel gegen Krankheiten und damit verbundene Probleme gekämpft. Leider und zum Glück muss ich rückschauend sagen, dass so gut wie alles, was ich für mich und meine Gesundheit erreicht habe, Resultat meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema war, nicht das Resultat der Konsultation von Ärzten.
Leider, weil meiner Meinung nach viele Ärzte mit einem herrschaftlichen Selbstbild und geistiger sowie fachlicher Inflexibilität dem zuwiderhandeln, was die besten Voraussetzungen dafür schafft, ihrem Eid gerecht zu werden: konstantes (fachliches, im besten Falle menschliches) Wachstum und die Flexibilität, auch über den Tellerrand hinweg zu sehen.
Zum Glück, weil mich das dazu gezwungen hat, mir selbst Wissen anzueignen und Dinge zu probieren, die mir kein Arzt empfohlen hat. Das hat dazu geführt, dass ich fachlich und menschlich gewachsen bin, und, so schwer der Weg auch war, dafür bin ich dankbar.
Absolute Wendepunkte waren für mich die Abkehr von einer „normalen“ Ernährung, die gezielte Ergänzung der Ernährung mit verschiedenen Stoffen, und der Beginn und das konstante Weiterverfolgen eines sportlichen Lebens mit relativ hoher Alltagsaktivität.
Einer der Punkte, die in meinem Leben bisher aber keine allzu große Bedeutung gefunden hat, ist die gezielte Beeinflussung des Hormonsystems.
Zwar habe ich mich im Rahmen meiner Heilpraktikerausbildung und meiner verschiedenen Trainerausbildungen mehr oder weniger oberflächlich damit befasst, aber der Tenor überall war und ist „es ist gefährlich, in das Hormonsystem des Körpers einzugreifen, grundsätzlich sollte man das vermeiden, wann immer es geht“.
Darin findet sich natürlich auch etwas Wahrheit, insbesondere wenn eine Einmischung von außen (durch Medikamentengabe z.B.) und uninformiert geschieht.
Tiefgehend habe ich mich mit Hormonen aber nie beschäftigt. Das wird allerdings der nächste Schritt meines Wissenszuwachses werden, denn hier in Schweden habe ich Erstaunliches erlebt.
Den Großteil meines Lebens über habe ich mich nach Ruhe gesehnt. Ruhe vor allem im sensorischen Sinne, ich habe mir also das Fehlen von Lärmbelästigungen, dafür viel persönlichen Raum und so weiter gewünscht. Gleichzeitig habe ich mir genau das über viele viele Jahre verwehrt: ich bin nach dem Abitur gern nach München in eine Großstadt gezogen, weil ich zwar ruhebedürftig, aber auch lebenshungrig war. Zu dieser Zeit habe ich den Hunger nach Leben auch vor allem versucht, dadurch zu stillen, „Dinge zu machen“ – und die Stadt ist der beste Ort, um Dinge zu machen. In einer kleinen Schachtel in einem Vielparteienhaus zu wohnen ist aber natürlich nicht ruhig. Und wenn man Pech mit den Nachbarn hat, ist auch ein oberbayerisches Dorf kein ruhiger Wohnort. Im Nachhinein musste ich feststellen, dass ich lange Zeit gegen meine Bedürfnisse gearbeitet und gelebt habe.
Eine gewisse Grundanlage war mir vermutlich durch lange Krankheit seit dem Neugeborenenalter mitgegeben (kann die Nebennieren nachhaltig auslaugen), und im folgenden Leben habe ich mich, mal mehr mal weniger freiwillig, sehr viel (vor allem sensorischem) Stress ausgesetzt, selbst wenn ich den zum jeweiligen Zeitpunkt teilweise nicht als negativ empfunden habe. Das war aber jedenfalls die Tendenz.
Sportlich wirklich aktiv bin in inzwischen seit fast 25 Jahren, und in dieser Zeit habe ich meinen Körper und hat sich mein Körper deutlich verändert. In austrainiertem Zustand habe ich immer zwischen 70 und 80 Kilogramm gewogen, je nachdem, in welcher Trainingsphase ich mich gerade befunden habe. Mein Körperfettanteil war immer am geringsten, wenn ich gerade viel Ausdauersport und/oder Kampfsport trainiert habe. Habe ich den Fokus auf Krafttraining gelegt, ist der Körperfettanteil leicht in die Höhe gegangen und zusätzlich sind einige Kilogramm an Muskeln hinzugekommen (einige Kilogramm, das geht recht schnell und unproblematisch, und mit schnell meine ich innerhalb von einigen Monaten). So erklärt sich also die Spanne von 10kg, in der ich mich immer bewegt habe.
In den drei Jahren, in denen ich hier in Schweden wohne, habe ich zusätzlich noch einmal gut 10kg zugenommen. Das liegt keinesfalls daran, dass ich fett geworden bin, weil ich so faul bin. Nein. Ich habe auch hier regelmäßig Krafttraining betrieben, eine höhere Alltagsaktivität als ich vermutlich jemals zuvor hatte (Gartenarbeit, Holz hacken usw.), verbunden mit mal mehr, mal weniger Ausdauertraining (zumeist in Form von Wandern, Joggen, Mountainbiken).
Meine Kleidergröße habe ich von zumeist L auf XL gewechselt, weil insbesondere mein Rücken und meine Oberschenkel inzwischen einfach mehr Platz brauchen.
Ich schreibe das nicht, um anzugeben, sondern um zu verdeutlichen, welche Macht Hormone haben können. Denn zuvor, also vor dem Auswandern nach Schweden, habe ich auch regelmäßig und nicht nur locker trainiert. Was hat sich hier also geändert?
Das Zusammenspiel von Hormonen im menschlichen Körper ist komplex. Es gibt aber eine Wechselwirkung zwischen zwei Hormonen, die auf meine Gewichtszunahme vermutlich massiven Einfluss hatte, und das ist das Wechselspiel von Testosteron und Cortisol. Die Darstellung ist stark vereinfacht und es spielen sicher auch andere Faktoren noch eine Rolle, aber grob kann man sagen, dass Testosteron umso höher ist (oder zumindest sein kann), je niedriger Cortisol ist. Dabei ist Testosteron keinesfalls das, wie es leider häufig dargestellt wird, nämlich ein Hormon, was aggressiv und rücksichtslos macht, sondern ganz im Gegenteil: es ist stark verantwortlich für Lebenslust, gerechtes Verhalten in sozialen Situationen, aber eben auch für Kraft und Muskelaufbau. Ein angemessen hoher Testosteronspiegel wird auch beispielsweise mit einer deutlich verminderten Neigung zu Despressionen in Verbindung gebracht. Viele sehr positive Wirkungen also. Körperlich ist Testosteron jedenfalls ein anaboles Hormon, baut also Körperstrukturen auf.
Cortisol dagegen ist im Volksmund auch als „Stresshormon“ bekannt, auch wenn auch diese Bezeichnung wieder eher plakativ ist. Cortisol aktiviert beispielsweise das Immunsystem, was ja häufig notwendig und gut ist. Ein zu hoher Cortisolspiegel über eine zu lange Zeit wirkt aber körperlich auch katabol. Das bedeutet, dass Körperstrukturen abgebaut werden.
Je nachdem, wo der individuelle Körper sich auf dieser Skala gerade verortet, ist das für körperliche Leistung und beispielsweise Muskelaufbau eher förderlich oder eher hinderlich. Vieles von dieser Verortung hat man auch durch seinen Lebensstil selbst in der Hand: Ernähre ich mich gut? Schlafe ich gut und genug? Stimmt das Verhältnis von Ruhe zu Aktivität in meinem Leben? Spüre ich einen Sinn in dem, was ich tue? All das sind Fragen, deren lebenspraktische Beantwortung im Optimalfall zu einem günstigen hormonellen Milieu führt.
In meinem persönlichen Leben waren einige dieser Faktoren schon ganz gut im Lot. Eine Ernährung, die für mich gut ist und funktioniert, habe ich schon länger gefunden und in Details immer weiter angepasst. Trainingsfrequenz und -intensität waren zumeist in Ordnung. Jedoch habe ich, wie weiter oben beschrieben, selten die Ruhe gehabt, die ich anscheinend gebraucht hätte, um zu funktionieren. Diese Ruhe, um ein für mich optimales Verhältnis von Aktivität und Ruhepausen herzustellen, erlebe ich hier in Schweden seit dem Auswandern zum ersten Mal in meinem Leben (zumindest über einen längeren Zeitraum, und darauf kommt es ja letztlich an).
Meine körperliche Veränderung ist also „nur“ durch das Verpflanzen meines Lebensumfeldes entstanden. Ich finde das äußerst faszinierend, und ich glaube, dass ich hier meine körperlichen Grenzen noch lange nicht erreicht habe. Umso spannender, als dass ja die gängige (Laien-)Meinung oft ist, dass man ab 30 eher körperlich abbaut, und ein sportliches Wachstum in Form von beispielsweise Muskelaufbau ab diesem Zeitpunkt immer schwerer und schwerer wird. Wer sich mit der Materie auskennt, weiß aber schon lange, dass ein solches Wachstum grundsätzlich immer möglich ist, auch noch, wenn man mit 60 oder 70 Jahren beginnt, ernsthaft Sport zu treiben. Natürlich gibt es (auch hormonelle) Unterschiede zwischen einem jugendlichen Jungen oder Mädchen, das vor Hormonen nur so trieft, und einem Rentner. Aber im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten ist Wachstum immer möglich. Und dieser Rahmen ist, wie ich selber an mir sehe, anscheinend recht groß.
Die Implikationen meines eigenen anekdotischen Erlebens erschrecken mich aber auch.
Sicherlich: ich bin jemand, der eher sensibel auf Sinnesreize reagiert. Jemand, den eine unruhige Umgebung mehr stört, als manch andere Menschen.
Dennoch bin ich überzeugt davon, dass das Leben in einer Stadt in einem unruhigen Umfeld, in dem man zusätzlich mit faktischen Risikofaktoren konfrontiert wird (Lichtverschmutzung, unreine Luft, Lärm usw.) für einen beträchtlichen Teil der Menschen schädlich ist, und zwar auf körperlicher und psychischer Ebene.
Auch hier ist es selbstverständlich wieder individuell unterschiedlich, wie gut man diese negativen Einflüsse kompensieren kann. Es bleiben aber negative Einflüsse.
Der Narrativ, der in unserer Kultur vermittelt wird, ist, dass wir die Krone der Schöpfung sind und dass diese Krone insbesondere in den Ballungszentren des menschlichen Wuselns, in den Städten, besonders schön funkelt.
Nun hat sich im historischen Verlauf seit dem Mittelalter aus diversen Gründen eine Verstädterung der nationalen Strukturen ergeben, und die Vergangenheit lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Wir sehen aber heute auch überall die negativen Veränderungen dieser Landflucht: ganze Landstriche und Regionen, die treffend mit „Infrastrukturwüste“ bezeichnet werden. Gebiete, in denen fast nur noch alte Menschen wohnen, weil es für junge Menschen keine Arbeit gibt und kein stimulierendes Umfeld zu finden ist. Menschen, die sich (zu Recht, wie ich finde) vergessen und verraten fühlen von denen, denen sie ehemals ihre Stimme anvertraut haben. Und wenn die Stimme vom einen nicht gehört wird, kommt bald jemand, der sich große Ohren anklebt und so tut, als könne er besonders gut hören.
Ich sehe tatsächlich Sachzwänge, die zu Recht dafür sorgen können, dass man in einer Stadt lebt. Ich würde mir aber gleichzeitig wünschen, dass mehr Menschen den Mut mitbringen, den Schritt aus der Stadt hinaus zu wagen, um ein anderes Leben zu führen. Ein Leben, was bestimmt natürlicher und gesünder sein kann. Ein Leben, was weniger triviale Ablenkungen im Alltag bietet, dafür aber auch weniger vom Menschsein ablenkt. Ein Leben, was mittelfristig neue, ländliche Infrastrukturen schaffen kann.
Denn zweierlei können wir modernen Kronenträger der Schöpfung gut: Oberflächlichkeiten kultivieren sowie Dinge und Erlebnisse konsumieren. Nicht gut dagegen sind wir darin, Substanz anzuhäufen und starke (humanistische) Werte zu vertreten.
Ich halte es für Irrtum und im schlimmsten Fall bösartige Lüge, dass ein modernes Leben in einer modernen Stadt hilfreich dafür ist, das zu ändern.