213) Julbord, das schwedische Weihnachtsessen

Nach dem Lucia-Umzug im letzten Beitrag, den ich dieses Jahr in unserem vierten Advent in Schweden erstmalig live miterlebt habe, kam gestern eine weitere Premiere einer großen schwedischen Weihnachtstradition hinzu: ein Julbord, wörtlich übersetzt „Weihnachtstisch“, also das traditionelle Festessen mit vielen typischen Gerichten. Viele Arbeitgeber organisieren ein solches Treffen als Jahresabschlussfeier für ihre Mitarbeiter in Restaurants, so auch meine Schule nächste Woche (worauf ich mich schon sehr freue…), aber gestern hat es privat mit den Familien meiner sehr guten Freundinnen stattgefunden. Jeder hat etwas mitgebracht, und so gab es am Buffet die folgende bunte und hervorragende Mischung:

  • Janssons (mit Semmelbröseln überbackener Kartoffelauflauf)
  • Pellkartoffeln
  • Gefüllte Eier-Hälften
  • Omelett mit – ziemlich sicher selbst gesammelten – Pfifferlingen
  • Spare-Ribs
  • Sill: verschiedene Sorten eingelegter Hering, zum Beispiel in Senfsauce
  • Rote Bete Salat
  • Prinskorv: angebratene Würste
  • Köttbullar, die beliebten kleinen Fleischpflanzerl
  • Gegrillten Jul-Schinken in Scheiben geschnitten
  • Vörtbröd, also weihnachtlich gewürztes Toastbrot
  • Eine Käseplatte mit herzhaften Keksen

Nach dem Essen wurde erstmal ein Spiel ausgepackt, um der Verdauung eine kleine Pause zu gönnen. Der Pinguin auf dem folgenden Bild ist nur eines von vielen Meisterwerken, die dabei entstanden sind und die treffsicher erraten wurden:

Anschließend haben wir uns alle warm angezogen und sind eine Runde rausgegangen. Es war erst 17 Uhr, aber das Tageslicht natürlich schon seit langer Zeit komplett verschwunden. Wir hatten als Gruppe von ca. zehn Personen nur eine Stirnlampe dabei, und durch den hellen Schnee auf dem Boden und den Mondschein am Himmel war es wirklich schön durch die Nacht zu spazieren… Diese tiefe Dunkelheit ist, wenn ich sie bewusst wahrnehme, nach wie vor etwas Besonderes, was in Deutschland durch die allumfassende Straßenbeleuchtung fast nicht vorkommt.

Wieder beim Haus angekommen gab es draußen an der Feuerschale Eis, Kekse, Kuchen, Glögg und Kaffee beim Schein des Outdoor-Weihnachtsbaumes. Wir haben dann gemeinsam überlegt, ob es „typisch schwedisch“ ist, an so einem Abend auf ganz selbstverständliche Weise einen guten Teil der Zeit draußen zu verbringen, oder ob das in Deutschland genauso oft gemacht wird. Während der Pandemie hat man sich hier noch sehr viel öfter draußen getroffen, da das die Empfehlung der Regierung war, aber danach haben es wohl auch hier seitdem die Leute vielerorts eher wieder etwas reduziert, war die allgemeine Einschätzung… Eine Sache aber, die mir definitiv auffällt, ist, dass hier das Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung“ viel automatischer umgesetzt wird, zumindest wenn es um Kälte geht. Jeder hat hier in dieser Jahreszeit den Schneeanzug oder die Skihose griffbereit an der Eingangstür, auch Erwachsene, da das hier mehrere Monate lang einfach die absolut standardmäßige Alltagsausstattung darstellt. Es fühlt sich hier gewissermaßen normal(er) an, zu so einem Anlass auch bei Minusgraden längere Zeit draußen im Freien an der frischen Luft zu sein…

Sich von Kälte und Dunkelheit nicht allzu sehr in der Freizeitgestaltung limitieren zu lassen, ist hier oben im Norden nochmal ein großes Stück wichtiger. Ich freue mich auf das Jahr 2025 und will versuchen, es auch bei Wind und Wetter so naturnah wie möglich zu gestalten…

212) Luciadagen in der Schule

Der Namenstag der Heiligen Lucia am 13. Dezember war vor der Einführung des Gregorianischen Kalenders im achtzehnten Jahrhundert der Tag der Wintersonnenwende. Mit dem schwedischen Lichterfest wurden damals die wieder länger werdenden Tage begrüßt und auch heute freut man sich gemeinsam auf den beliebten Brauch. Nachdem ich letztes Jahr im Advent bereits als Aushilfe in der Schule gearbeitet habe und so zwar bei den Vorbereitungen und Probedurchgängen dabei sein durfte, am Tag selbst aber leider keinen Einsatz hatte, war heute mein erster Lucia-Tag als Lehrerin. Und es war wirklich festlich und fast schon überraschend berührend. So inbrünstig und schön habe ich bisher auf jeden Fall noch nie eine sechste Klasse singen hören…

Unteres Bild im Shoppingcenter von Mathilda Röjdemo

Vor drei Tagen bereits gab es ein weiteres schwedisches Highlight: den Tag der Nobelpreis-Verleihung, an dem das Kleidungsmotto „Glitzer und Glamour“ an der Schule ausgerufen und von vielen begeistert umgesetzt wurde. Auch heute waren einige Mädchen unserer ersten Klasse als „Tärnor“ verkleidet, das sind die weißgekleideten Kerzenträgerinnen hinter der Lucia (die den Lichterkranz hat), sowie als Tomte und in einem Fall sogar als Pepparkaka…

Unsere sehr herzliche und engagierte Musiklehrerin hat die Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe, aus denen der Chor bestand, bei ihren Liedern auf dem Klavier begleitet, während die Vorschulklasse sowie die Unterstufe in der neuen Aula das Publikum bildeten. Es wurden zunächst das klassische „Sankta Lucia“ und dann auch modernere Weihnachtslieder auf schwedisch und englisch angestimmt. Der Umzug ist anschließend in das Shoppingcenter sowie das örtliche Altersheim weitergezogen und hatte dort ebenfalls Auftritte.

Für die Kinder gab es anschließend die für den Feiertag traditionellen Lussekatter als Fika, die ich mit einer Nachbarin bereits einmal selbst gebacken habe (Beitrag 118 im November vor zwei Jahren). Auch das heutige Gebäck war selbstgemacht, nämlich durch die Jugendlichen im Hauswirtschaftsunterricht der Mittelstufe. Die Vorweihnachtszeit wird in der Schule sehr bewusst gefeiert, das Lehrerzimmer ist gemütlich dekoriert und jeder Tag beginnt im Klassenraum mit dem Vorlesen eines Kapitels aus dem Adventskalender-Buch bei Kerzenschein. Die folgenden Ferien stellen hier anders als in Bayern gleichzeitig den Übergang zum zweiten Schulhalbjahr dar.

Die Temperaturen in den letzten Tagen schwanken meist zwischen etwa minus 10 und 0 Grad. Die Landschaft ist oft eher braun als weiß – letztes Jahr sah es im Gegensatz dazu Ende Oktober bereits so aus (Beitrag 173). Die Hühner scheinen die zugegebenermaßen im Vergleich zu letztem Winter (-33°C) noch keineswegs harte Kälte bisher gut zu vertragen, und ich auch. Unser Haus ist innen wie außen weihnachtlich dekoriert und strahlt für die Nachbarschaft hell durch die Fenster in die langen und dunklen Nächte hinaus. Und wenn auch nicht wie vor dreihundert Jahren schon heute am Luciatag, aber doch recht bald, werden die Tage ja bereits wieder länger…

211) Im Krisen- oder Kriegsfall

In den deutschen Nachrichten wurde bereits darüber berichtet: Jeder Haushalt in Schweden hatte in den letzten Tagen ein gelbes Heftchen im Briefkasten mit dem Titel „Falls die Krise oder der Krieg kommt“. Es handelt sich um eine Broschüre der Regierung, die in jeweils aktualisierter Form zu besorgniserregenden Anlässen an die gesamte Bevölkerung verteilt wird. Die bisherigen Auflagen waren 1943 im Zweiten Weltkrieg, 1952 während des Korea-Krieges, 1961 zur Schweinebucht-Invasion, 1983 am Höhepunkt des Kalten Krieges (ein Raketenfrühwarnzentrum bei Moskau meldete einen amerikanischen Nuklearangriff) und erneut je 1987, 1991 und 2018.

Auf den 32 Seiten der jetzigen Ausgabe werden folgende Themen beschrieben, ich habe das Inhaltsverzeichnis übersetzt:

  • Eine unsichere Welt erfordert Vorbereitung
  • Gemeinsam stärken wir Schweden
  • Schwedens Verteidigung (militärisch, zivil, NATO)
  • Erhöhte Bereitschaft
  • Gesamtverteidigungsdienst (wichtiges Zitat: „Total defence duty applies to all Swedish citizens living in Sweden or abroad. Total defence duty also applies to foreign nationals residing in Sweden.“) !
  • Warnsystem (Signaltöne)
  • Schützen Sie sich vor Luftangriffen
  • Anlegen von Reserven (detaillierte Listen jeweils zu Wasser, Wärme, Kommunikation, Lebensmitteln, Geld, Hygiene und mehr)
  • Evakuierung (inklusive einer Liste mit Dingen, die man in einem vorbereiteten Not-Rucksack mitnehmen sollte)
  • Unterschlupf / Schutzräume
  • Psychologische Verteidigung (Desinformation, Irreführung und Propaganda)
  • Digitale Sicherheit (Cyberangriffe)
  • Terroranschlag (gegen Menschen oder Infrastruktur)
  • Eine Blutung stoppen 
  • Extremes Wetter (Naturkatastrophen)
  • Infektionen / Pandemien
  • Wer zusätzliche Unterstützung benötigt
  • Wer Haustiere hat
  • Wenn Sie sich Sorgen machen
  • Mit Kindern über Krise und Krieg sprechen
  • Wichtige Telefonnummern und weitere Information

Hier kann man die englische Version downloaden (Seite des MSB).

Insgesamt gibt es auf der Webseite die Broschüre in vielfältigen Varianten: als vorgelesene Audio-Version, in leichterem Schwedisch, in Blindenschrift bestellbar, als Video mit Zeichensprache sowie in den elf Fremdsprachen arabisch, englisch, farsi, finnisch, meänkieli, nord- und südsamisch, polnisch, romani chib, somali sowie ukrainisch.

Das deutsche Pendant des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe  findet sich hier.

210) Über die Wechsel-Jahre

Es gibt viele Gründe dafür, dass das Auswandern nach Schweden für mich eine der besten Entscheidungen meines Lebens war. Das gilt auch und insbesondere für meinen Hormonhaushalt.

Ich habe in meinem Leben viel gegen Krankheiten und damit verbundene Probleme gekämpft. Leider und zum Glück muss ich rückschauend sagen, dass so gut wie alles, was ich für mich und meine Gesundheit erreicht habe, Resultat meiner eigenen Beschäftigung mit dem Thema war, nicht das Resultat der Konsultation von Ärzten.
Leider, weil meiner Meinung nach viele Ärzte mit einem herrschaftlichen Selbstbild und geistiger sowie fachlicher Inflexibilität dem zuwiderhandeln, was die besten Voraussetzungen dafür schafft, ihrem Eid gerecht zu werden: konstantes (fachliches, im besten Falle menschliches) Wachstum und die Flexibilität, auch über den Tellerrand hinweg zu sehen.
Zum Glück, weil mich das dazu gezwungen hat, mir selbst Wissen anzueignen und Dinge zu probieren, die mir kein Arzt empfohlen hat. Das hat dazu geführt, dass ich fachlich und menschlich gewachsen bin, und, so schwer der Weg auch war, dafür bin ich dankbar.
Absolute Wendepunkte waren für mich die Abkehr von einer „normalen“ Ernährung, die gezielte Ergänzung der Ernährung mit verschiedenen Stoffen, und der Beginn und das konstante Weiterverfolgen eines sportlichen Lebens mit relativ hoher Alltagsaktivität.

Einer der Punkte, die in meinem Leben bisher aber keine allzu große Bedeutung gefunden hat, ist die gezielte Beeinflussung des Hormonsystems.
Zwar habe ich mich im Rahmen meiner Heilpraktikerausbildung und meiner verschiedenen Trainerausbildungen mehr oder weniger oberflächlich damit befasst, aber der Tenor überall war und ist „es ist gefährlich, in das Hormonsystem des Körpers einzugreifen, grundsätzlich sollte man das vermeiden, wann immer es geht“.
Darin findet sich natürlich auch etwas Wahrheit, insbesondere wenn eine Einmischung von außen (durch Medikamentengabe z.B.) und uninformiert geschieht.
Tiefgehend habe ich mich mit Hormonen aber nie beschäftigt. Das wird allerdings der nächste Schritt meines Wissenszuwachses werden, denn hier in Schweden habe ich Erstaunliches erlebt.

Den Großteil meines Lebens über habe ich mich nach Ruhe gesehnt. Ruhe vor allem im sensorischen Sinne, ich habe mir also das Fehlen von Lärmbelästigungen, dafür viel persönlichen Raum und so weiter gewünscht. Gleichzeitig habe ich mir genau das über viele viele Jahre verwehrt: ich bin nach dem Abitur gern nach München in eine Großstadt gezogen, weil ich zwar ruhebedürftig, aber auch lebenshungrig war. Zu dieser Zeit habe ich den Hunger nach Leben auch vor allem versucht, dadurch zu stillen, „Dinge zu machen“ – und die Stadt ist der beste Ort, um Dinge zu machen. In einer kleinen Schachtel in einem Vielparteienhaus zu wohnen ist aber natürlich nicht ruhig. Und wenn man Pech mit den Nachbarn hat, ist auch ein oberbayerisches Dorf kein ruhiger Wohnort. Im Nachhinein musste ich feststellen, dass ich lange Zeit gegen meine Bedürfnisse gearbeitet und gelebt habe.
Eine gewisse Grundanlage war mir vermutlich durch lange Krankheit seit dem Neugeborenenalter mitgegeben (kann die Nebennieren nachhaltig auslaugen), und im folgenden Leben habe ich mich, mal mehr mal weniger freiwillig, sehr viel (vor allem sensorischem) Stress ausgesetzt, selbst wenn ich den zum jeweiligen Zeitpunkt teilweise nicht als negativ empfunden habe. Das war aber jedenfalls die Tendenz.

Sportlich wirklich aktiv bin in inzwischen seit fast 25 Jahren, und in dieser Zeit habe ich meinen Körper und hat sich mein Körper deutlich verändert. In austrainiertem Zustand habe ich immer zwischen 70 und 80 Kilogramm gewogen, je nachdem, in welcher Trainingsphase ich mich gerade befunden habe. Mein Körperfettanteil war immer am geringsten, wenn ich gerade viel Ausdauersport und/oder Kampfsport trainiert habe. Habe ich den Fokus auf Krafttraining gelegt, ist der Körperfettanteil leicht in die Höhe gegangen und zusätzlich sind einige Kilogramm an Muskeln hinzugekommen (einige Kilogramm, das geht recht schnell und unproblematisch, und mit schnell meine ich innerhalb von einigen Monaten). So erklärt sich also die Spanne von 10kg, in der ich mich immer bewegt habe.

In den drei Jahren, in denen ich hier in Schweden wohne, habe ich zusätzlich noch einmal gut 10kg zugenommen. Das liegt keinesfalls daran, dass ich fett geworden bin, weil ich so faul bin. Nein. Ich habe auch hier regelmäßig Krafttraining betrieben, eine höhere Alltagsaktivität als ich vermutlich jemals zuvor hatte (Gartenarbeit, Holz hacken usw.), verbunden mit mal mehr, mal weniger Ausdauertraining (zumeist in Form von Wandern, Joggen, Mountainbiken).
Meine Kleidergröße habe ich von zumeist L auf XL gewechselt, weil insbesondere mein Rücken und meine Oberschenkel inzwischen einfach mehr Platz brauchen.
Ich schreibe das nicht, um anzugeben, sondern um zu verdeutlichen, welche Macht Hormone haben können. Denn zuvor, also vor dem Auswandern nach Schweden, habe ich auch regelmäßig und nicht nur locker trainiert. Was hat sich hier also geändert?

Das Zusammenspiel von Hormonen im menschlichen Körper ist komplex. Es gibt aber eine Wechselwirkung zwischen zwei Hormonen, die auf meine Gewichtszunahme vermutlich massiven Einfluss hatte, und das ist das Wechselspiel von Testosteron und Cortisol. Die Darstellung ist stark vereinfacht und es spielen sicher auch andere Faktoren noch eine Rolle, aber grob kann man sagen, dass Testosteron umso höher ist (oder zumindest sein kann), je niedriger Cortisol ist. Dabei ist Testosteron keinesfalls das, wie es leider häufig dargestellt wird, nämlich ein Hormon, was aggressiv und rücksichtslos macht, sondern ganz im Gegenteil: es ist stark verantwortlich für Lebenslust, gerechtes Verhalten in sozialen Situationen, aber eben auch für Kraft und Muskelaufbau. Ein angemessen hoher Testosteronspiegel wird auch beispielsweise mit einer deutlich verminderten Neigung zu Despressionen in Verbindung gebracht. Viele sehr positive Wirkungen also. Körperlich ist Testosteron jedenfalls ein anaboles Hormon, baut also Körperstrukturen auf.
Cortisol dagegen ist im Volksmund auch als „Stresshormon“ bekannt, auch wenn auch diese Bezeichnung wieder eher plakativ ist. Cortisol aktiviert beispielsweise das Immunsystem, was ja häufig notwendig und gut ist. Ein zu hoher Cortisolspiegel über eine zu lange Zeit wirkt aber körperlich auch katabol. Das bedeutet, dass Körperstrukturen abgebaut werden.

Je nachdem, wo der individuelle Körper sich auf dieser Skala gerade verortet, ist das für körperliche Leistung und beispielsweise Muskelaufbau eher förderlich oder eher hinderlich. Vieles von dieser Verortung hat man auch durch seinen Lebensstil selbst in der Hand: Ernähre ich mich gut? Schlafe ich gut und genug? Stimmt das Verhältnis von Ruhe zu Aktivität in meinem Leben? Spüre ich einen Sinn in dem, was ich tue? All das sind Fragen, deren lebenspraktische Beantwortung im Optimalfall zu einem günstigen hormonellen Milieu führt.
In meinem persönlichen Leben waren einige dieser Faktoren schon ganz gut im Lot. Eine Ernährung, die für mich gut ist und funktioniert, habe ich schon länger gefunden und in Details immer weiter angepasst. Trainingsfrequenz und -intensität waren zumeist in Ordnung. Jedoch habe ich, wie weiter oben beschrieben, selten die Ruhe gehabt, die ich anscheinend gebraucht hätte, um zu funktionieren. Diese Ruhe, um ein für mich optimales Verhältnis von Aktivität und Ruhepausen herzustellen, erlebe ich hier in Schweden seit dem Auswandern zum ersten Mal in meinem Leben (zumindest über einen längeren Zeitraum, und darauf kommt es ja letztlich an).

Meine körperliche Veränderung ist also „nur“ durch das Verpflanzen meines Lebensumfeldes entstanden. Ich finde das äußerst faszinierend, und ich glaube, dass ich hier meine körperlichen Grenzen noch lange nicht erreicht habe. Umso spannender, als dass ja die gängige (Laien-)Meinung oft ist, dass man ab 30 eher körperlich abbaut, und ein sportliches Wachstum in Form von beispielsweise Muskelaufbau ab diesem Zeitpunkt immer schwerer und schwerer wird. Wer sich mit der Materie auskennt, weiß aber schon lange, dass ein solches Wachstum grundsätzlich immer möglich ist, auch noch, wenn man mit 60 oder 70 Jahren beginnt, ernsthaft Sport zu treiben. Natürlich gibt es (auch hormonelle) Unterschiede zwischen einem jugendlichen Jungen oder Mädchen, das vor Hormonen nur so trieft, und einem Rentner. Aber im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten ist Wachstum immer möglich. Und dieser Rahmen ist, wie ich selber an mir sehe, anscheinend recht groß.

Die Implikationen meines eigenen anekdotischen Erlebens erschrecken mich aber auch.
Sicherlich: ich bin jemand, der eher sensibel auf Sinnesreize reagiert. Jemand, den eine unruhige Umgebung mehr stört, als manch andere Menschen.
Dennoch bin ich überzeugt davon, dass das Leben in einer Stadt in einem unruhigen Umfeld, in dem man zusätzlich mit faktischen Risikofaktoren konfrontiert wird (Lichtverschmutzung, unreine Luft, Lärm usw.) für einen beträchtlichen Teil der Menschen schädlich ist, und zwar auf körperlicher und psychischer Ebene.
Auch hier ist es selbstverständlich wieder individuell unterschiedlich, wie gut man diese negativen Einflüsse kompensieren kann. Es bleiben aber negative Einflüsse.

Der Narrativ, der in unserer Kultur vermittelt wird, ist, dass wir die Krone der Schöpfung sind und dass diese Krone insbesondere in den Ballungszentren des menschlichen Wuselns, in den Städten, besonders schön funkelt.
Nun hat sich im historischen Verlauf seit dem Mittelalter aus diversen Gründen eine Verstädterung der nationalen Strukturen ergeben, und die Vergangenheit lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Wir sehen aber heute auch überall die negativen Veränderungen dieser Landflucht: ganze Landstriche und Regionen, die treffend mit „Infrastrukturwüste“ bezeichnet werden. Gebiete, in denen fast nur noch alte Menschen wohnen, weil es für junge Menschen keine Arbeit gibt und kein stimulierendes Umfeld zu finden ist. Menschen, die sich (zu Recht, wie ich finde) vergessen und verraten fühlen von denen, denen sie ehemals ihre Stimme anvertraut haben. Und wenn die Stimme vom einen nicht gehört wird, kommt bald jemand, der sich große Ohren anklebt und so tut, als könne er besonders gut hören.

Ich sehe tatsächlich Sachzwänge, die zu Recht dafür sorgen können, dass man in einer Stadt lebt. Ich würde mir aber gleichzeitig wünschen, dass mehr Menschen den Mut mitbringen, den Schritt aus der Stadt hinaus zu wagen, um ein anderes Leben zu führen. Ein Leben, was bestimmt natürlicher und gesünder sein kann. Ein Leben, was weniger triviale Ablenkungen im Alltag bietet, dafür aber auch weniger vom Menschsein ablenkt. Ein Leben, was mittelfristig neue, ländliche Infrastrukturen schaffen kann.
Denn zweierlei können wir modernen Kronenträger der Schöpfung gut: Oberflächlichkeiten kultivieren sowie Dinge und Erlebnisse konsumieren. Nicht gut dagegen sind wir darin, Substanz anzuhäufen und starke (humanistische) Werte zu vertreten.
Ich halte es für Irrtum und im schlimmsten Fall bösartige Lüge, dass ein modernes Leben in einer modernen Stadt hilfreich dafür ist, das zu ändern.

209) Begegnung mit weißen Elchen

Wer unseren Blog über die Jahre ein bisschen verfolgt hat, weiß, dass es verschiedene Gründe gab, weshalb wir uns dazu entschieden haben, auszuwandern. Einer der Gründe, der für mich persönlich eine Herzensangelegenheit war, war der Wunsch, näher an beziehungsweise in der Natur zu leben.

Diese Rechnung ist für mich voll und ganz aufgegangen: ich habe hier im Alltag immer wieder Situationen, Beobachtungen und Erlebnisse, die viele Menschen nur aus Tierfilmen oder aus dem Zoo kennen, und jedes Mal erfüllt es mich mit Staunen und Glück, wenn das passiert. Ein Revierkampf zwischen zwei Rehböcken in der Abendsonne auf dem Feld gegenüber, eine Elchfamilie, die durch den Garten spaziert, ein Hirsch, der in der Mittsommer-Sonne in der frühen Nacht vor dem Fenster durchs Bild geht, während ein Schwarzspecht anfliegt und sich ästhetisch ansprechend zwischen Wild und Betrachter platziert. All das ist schon etwas Besonderes für mich und auch wichtiger und erfüllender als kulturelle und sonstige vergnügungshedonistische Angebote in einer Großstadt.

Vor kurzem hatte ich aber zum ersten Mal in den drei Jahren, die ich bisher in Schweden gelebt habe, das Glück, weiße Elche zu sehen.


Es handelt sich dabei nicht um Albino-Elche, also um „normale“ Elche, denen lediglich die Pigmentierung komplett fehlt, sondern um so genannten Leuzismus. Hierbei ist das Tier lediglich teil-depigmentiert, was dazu führt, dass die „weißen“ Elche manchmal auch ganz leicht hellbraun sind und im Gegensatz zu Albinos keine rötlichen, sondern normale Augen haben. Weiße Elche wurden bisher ausschließlich im Värmland beobachtet und ihre Population wird auf lediglich um die 100 Tiere geschätzt.
In Schweden ist insgesamt (besonders, wenn man Deutschland gewöhnt ist) nur Weniges stark reguliert, und so sind auch diese weißen Elche formal nicht geschützt, können also während der jährlichen Elchjagd auch bejagt werden. Viele Jäger unterlassen das aber, angeblich, sofern sie überhaupt in die seltene Situation kommen, einen solchen Elch vor dem Lauf zu haben. Deshalb wird vermutet, dass die Population dieser Elche langsam wächst.

Das Sichten eines weißen Elches wird im Värmland als Zeichen für Glück angesehen, und die soziale Übereinkunft ist, dass man den Ort der Sichtung nicht verrät, damit die seltenen Tiere noch sicherer davor sind, gejagt zu werden.

Wenn man sieht, dass an einer schwedischen Straße ein Auto steht, von dem aus die Insassen einen Elch beobachten, kann man davon ausgehen, dass das Touristen sind oder Menschen, die noch nicht lange in Schweden leben. Die Schweden an sich mögen zwar ihre Elche, aber sie sind doch mehr oder weniger alltäglich.
Anders war es, als ich die weißen Elche gesehen habe. Sie standen etwa 50 Meter entfernt von einer Straße und haben sich dekorativ am Waldrand im Sonnenlicht platziert. Genau dort waren an der Straße auch eine Parkbucht und ein kleiner Wendehammer an der Seite, und hier haben tatsächlich auch die Schweden angehalten oder sind an der Straße zumindest sehr langsam vorbeigefahren, um auch einen Blick auf die Tiere werfen zu können. Bei vielen Schweden kann man die Emotionen nicht unbedingt sehr deutlich am Gesicht ablesen, aber hier habe ich sogar das eine oder andere Lächeln gesehen.

In dieser Situation habe ich eine schwache Ahnung davon bekommen, wie eine ursprüngliche Beziehung zwischen Mensch und Tier in Urzeiten einmal gewesen sein könnte – voller Staunen und mit einem Respekt, den das Besondere hervorruft. Im hektischen Alltag der Moderne ist davon zwar nicht mehr viel übriggeblieben (wenn auch in Schweden vermutlich mehr, als an anderen Orten), aber es war doch schön zu sehen, dass es so etwas noch gibt.