218) Über Dienst nach Vorschrift

Autor: Jost

Wohl eines der vorstechendsten gesellschaftlichen Charakteristika Deutschlands ist ein – historisch gewachsenes und gleichzeitig aktuell immer weiter expandierendes (https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/stellenzuwachs-ministerien-ampel-koalition-bund-der-steuerzahler-100.html) – dichtes Beamtentum.
Damit einhergehend werden mit Beamten und Ämtern diverse Dinge klischeehaft verknüpft, die wenigsten positiv.
„Amtsschimmel“ und „Bürohengst“ sind zwei Fälle, in denen sich das in der Sprache niederschlägt. Aber auch ohne solche konkreten Begriffe wird Beamtentum oft mit Inflexibilität, Bürokratie natürlich, langsamem Arbeiten und dem Beharren auf (nicht immer sinnvollen) organisatorischen Prinzipien in Verbindung gebracht.

Zusätzlich dazu haben verbeamtete Staatsdiener diverse Vorteile gegenüber anderen Arbeitenden. Sie zahlen einen verminderten Steuersatz, beziehen gleichzeitig nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn Beamtenpension, und sind oftmals unkündbar. Das ist, wenn man Beamter ist, natürlich eine schöne Sache. Was es aber nicht ist, ist fair und gerecht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist die Arbeit von Beamten weder komplizierter noch schwerer als viele andere Arbeiten. Somit sind die Bevorteilungen rein historisch gewachsen und streng genommen anachronistisch. Insbesondere in Zeiten, in denen versucht wird, vieles gleichzumachen, selbst wenn es an sich nicht gleich ist, stellt der Vorteil des Beamten ein verkrustetes Relikt aus der Vergangenheit dar, von dem man sich jedoch nicht trennen möchte.
Denn, um das zu ändern, müsste dieselbe bürokratische Maschinerie bemüht werden, die die Vorteile erhält. Und wer schießt sich schon ins eigene Bein?

Unabhängig von grundsätzlichen Kritikpunkten kann das Beamtentum zu handfesten Qualitätsmängeln führen.
Ein vergleichsweise guter Lohn bei oftmals leichten Arbeitsbedingungen inklusive Unkündbarkeit bei Faulheit und Fehlverhalten: das zieht natürlich potentiell Menschen an, die auf einen leichten Gewinn, viele Vorteile und die Möglichkeit, faul zu sein, Wert legen. Natürlich, keine Beamtengruppe, weder Lehrer noch Verwaltungsangestellte, weder Polizisten noch Juristen, können innerhalb ihrer Berufsgruppe über einen Kamm geschoren werden.
Dennoch ist das, wie viele aus ihrer eigenen Erfahrung wissen, ein potenzielles Problem. Denn wer kennt ihn beispielsweise nicht, den Lehrer, der verbeamtet ist, und sich schon seit Jahren oder Jahrzehnten keine Mühe mehr gibt, Unterrichtsinhalte möglichst gut an Schüler weiterzugeben. Der nach Schema X arbeitet. Leider manchmal auch, der unangemessene Beziehungen zu einem Schüler unterhalten hat, dem aber nicht gekündigt werden kann, weil er eben unkündbar ist. Stattdessen wird er „zur Strafe“ an eine andere Schule versetzt, wo er doch wieder Derselbe ist.

Kurz: als Beamter wird man extrinsisch nicht gerade zu herausragender Arbeitsqualität motiviert. Diejenigen, die eine solche Qualität abliefern, tun das aus intrinsischer Motivation heraus.

Ich muss dazu sagen, dass ich erstens Beamtenkind bin und somit indirekt von dieser Ungleichheit profitiert habe.
Zweitens habe ich wenige schlechte, meistens neutrale oder gute Erfahrungen mit Beamtentum in Deutschland gemacht. Das ändert aber nichts daran, dass die oben genannten Probleme existieren.

Nun sind Ungleichbehandlung und Unfairness etwas, was dem Schweden an sich (wenn man so sagen kann) zutiefst zuwider sind.
Wie wäre das zu vermitteln, wenn grundsätzlich Offenheit, Transparenz und Gleichbehandlung großgeschrieben werden, gleichzeitig aber die Angestellten des Staates genau das Gegenteil verkörpern? Es wäre schlicht nicht zu vereinbaren.

Und so ist es auch konsequent, dass es in Schweden kein Beamtentum, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt (mit kleinen Ausnahmen, zum Beispiel sind hochrangige Politiker meines Wissens teils verbeamtet).
Das ist für den Deutschen genauso schwer vorstellbar, wie für den Schweden das System der unfairen, vielleicht ungerechtfertigten Ungleichheit des deutschen Beamtentums ist.
Unkündbarkeit eines Beamten, steuerliche Besserstellung, Beihilfe zu Krankenkassenbeiträgen und mehr: all das spielt in der schwedischen, alltäglichen Arbeitswelt keine Rolle, und es ruft, wenn man es erzählt, wohl ähnlich viel Unverständnis hervor, wie Sandras Erzählungen, dass in Deutschland NICHT jeder Lehrer (in der Grundschule zudem) einen eigenen Laptop von der Schule zum Arbeiten zur Verfügung gestellt bekommt und in Deutschland die Schüler Schulmaterialien wie Bücher, Hefte und so weiter, sowie Schulessen selbst zahlen müssen (beziehungsweise die Eltern). Das ist in Schweden nämlich auch nicht der Fall, alles ist für die Schüler kostenlos.

Fast bekommt man den Eindruck, dass die beiden Staaten eine jeweils komplett andere Prioritätensetzung in der Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen verfolgt haben. Zumindest ich für mich selbst weiß, welche davon ich für menschenfreundlicher halte.

Unsere Behördenkontakte hier in Schweden waren bisher auch insgesamt eher reibungslos. Ein Unterschied, den wir zu Deutschland feststellen konnten, war, dass hier der Kontakt, egal ob persönlich oder telefonisch, rein menschlich erst einmal wirklich freundlich ist. Egal, wo man anruft, bekommt man das Gefühl vermittelt, dass einem geholfen werden will. Das ist schon einmal etwas. Dann kommt es in konkreten, organisatorischen Fragen, natürlich trotzdem auch hin und wieder vor, dass Ratlosigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens herrscht.
Wir hatten das Gefühl, dass das vor allem dann der Fall war, wenn die bürokratischen Prozesse nicht innerschwedisch waren, sondern da etwas Deutsches sozusagen mit hineingespielt hat. Zum Beispiel war die Frage der Versicherung unseres Autos während einer Übergangszeit, als wir es hier nach Schweden ummelden wollten, nicht wirklich zu beantworten. Inzwischen ist das Auto längst umgemeldet, aber wir wissen immer noch nicht wirklich, ob es in einem Zeitraum von zwei Wochen nun wirklich versichert gewesen wäre oder nicht.
Es kam auch schon zu Situationen, wo man innerhalb eines bürokratischen Prozesses B gebraucht hätte, um A zu bekommen, man aber A gebraucht hätte, um überhaupt erstmal B zu bekommen. Der Schwede an sich, und somit auch der schwedische Bürokrat, legt schon großen Wert auf Regeln und Verfahrensweisen. Letzten Endes hat aber alles, was wir bürokratisch unternehmen mussten, geklappt. Meine Vermutung ist, dass es auch schwedischen, bürokratischen Entscheidungsträgern bei solchen „Pattsituationen“ irgendwann zu blöd wird und zum Schluss nach gesundem Menschenverstand entschieden wird.

Einen großen, praktischen Unterschied macht hier in Schweden auch die Tatsache, dass die wenigsten Prozesse ein persönliches Erscheinen vor Ort in irgendeinem Amt notwendig werden lassen, sondern dass fast alles gut strukturiert und klar verständlich online durchgeführt werden kann. Persönlich zum Amt mussten wir bisher nur zu Anfang unseres Auswanderungsprozesses, um unsere neuen Ausweise zu bekommen.
Diese Online-Verfügbarkeit von amtlichen Dienstleistungen ist in Deutschland nach wie vor ein digitaler (oder eben nicht-digitaler) feuchter Traum. Und ich werde nicht müde, eine gewisse Angela Merkel zu zitieren, deren Worte ja, in diesem Fall sehr offensichtlich, immer noch Gültigkeit besitzen: Das Internet ist für uns alle Neuland 🙂

Letztlich kann man sagen, dass Schweden sicherlich kein unbürokratisches Land ist. Es wird erwartet, dass man sich an Regeln hält und Verfahrensweisen werden befolgt, auch wenn es mit etwas mehr Flexibilität einfacher wäre. Was es hier weniger gibt, ist das Gefühl, dass eine Hierarchie in den Interaktionen mit offiziellen Stellen hergestellt wird, in denen man wiederum das Gefühl bekommt, ein nerviger Bittsteller zu sein. Hier gibt es zuletzt auch weniger, um auf die Überschrift zurückzukommen, Dienst nach Vorschrift.
Insgesamt beurteile ich, als Deutscher, der das System jetzt in beiden Ländern kennen gelernt hat, das schwedische als positiv.
Jeder Schwede, der sich über die schwedische Bürokratie beschwert, sollte sich mal in die Mühlen der deutschen Ämter begeben – als Realitätsabgleich.

217) Handarbeit gegen die Dunkelheit

In meinen ersten drei Wintern hier oben im Norden hatte ich immer mal mehr mal weniger das Gefühl, dass es nach dem Jahreswechsel, wenn die gemütliche Adventszeit vorüber ist, psychisch etwas anstrengend wird. Die Kälte und Dunkelheit ziehen sich schließlich manchmal noch drei Monate hin, der Schnee und die schlechten Straßenverhältnisse vielleicht – wie letztes Jahr – ebenfalls. Natürlich ist es insgesamt einfacher, wenn man körperlich gesund ist, was ich bis auf eine Erkältung diesmal bisher auch bin. Man muss tagsüber wirklich bewusst versuchen, ein paar Sonnenstrahlen oder zumindest frische Luft abzubekommen, wenn man die Möglichkeit hat – auch wenn das Atmen bei minus 25 Grad weh tut. Hierbei sind die Hühner, die auch bei Wind und Wetter mehrmals täglich versorgt werden müssen, insofern eine Hilfe. Ansonsten gehören natürlich die üblichen Verdächtigen wie Tageslichtlampe und Supplements dazu, aber für die langen, dunklen Abende war ich immer noch ein bisschen auf der Suche nach Indoor-Tätigkeiten ohne Bildschirmnutzung. Und dank vieler schöner Weihnachtsgeschenke habe ich davon jetzt eine große Auswahl!

Sie in der Überschrift dieses Beitrags als Handarbeit zusammenzufassen, ist etwas weit hergeholt, da ich was das betrifft bisher nicht sehr viel kann. Aber neben dem Lesen (die „Wheel of Time“ Reihe) habe ich jetzt unter anderem folgende Hobbys zur winterlichen Beschäftigung. Vielleicht ist ein anderer Ausgewanderter ja auch noch auf der Suche nach Inspiration…

Acrylmalen auf Leinwand, vier Bilder bisher, alle verschenkt

Ein Knüpf-Teppich im Schweden-Stil als Kissenbezug

Malen nach Zahlen mit einem Familienfoto von letztem Sommer

Diamond Painting mit aufzuklebenden Mosaik-Steinchen

Ein heimatverbundenes Puzzle

Eine echte Feder, mit der ich beispielsweise schon Weihnachtskarten geschrieben habe…

Ich bin mir sicher, dass ich nicht alle diese Tätigkeiten komplett abgeschlossen haben werde, wenn es Frühling wird und die Abende nicht mehr gefühlt um 16 Uhr beginnen. Aber das ist gut, dann habe ich eben noch etwas für das folgende Jahr zu tun, denn der nächste Winter kommt bestimmt…

216) Über Seelenruhe

Autor: Jost

Kürzlich habe ich einen Newsletter von Joseph Bartz, Bewegungstrainer und Coach für Lebenspraxis aus Berlin, gelesen, in dem er seine Ausrichtung für das neue Jahr erklärt.
Während seine bisherige Prioritätensetzung im eigenen Leben sowie in der Arbeit für seine Kunden im Rahmen der „Lebenspraxis“ beispielsweise bei körperlichen, aber auch psychischen und handwerklichen Themen lag, erklärt er in dem Newsletter, dass in der Zukunft vermehrt etwas eine Rolle spielen wird, was er mit „peacefulness“ bezeichnet (die Newsletter versendet er zumeist auf Englisch).

Wegen verschiedener Geschehen in der Welt, wie Kriegen und gesellschaftlichen Spannungen, schreibt Bartz, sei es nötig, dem dadurch entstehenden Gefühl der Überwältigung etwas entgegenzusetzen (nämlich „peacefulness“).

Das hat mich zum Nachdenken angeregt.
Peacefulness kann man mit „Friedlichkeit“ oder „Ruhe“ übersetzen, aber ich schreibe in der Folge lieber von „Seelenruhe“, weil das ein etwas umfassenderer Begriff ist, der nicht nur eine Ruhe, die akustischer oder genereller Art ist, bezeichnet, sondern etwas tiefergehender und durchdringender ist, nämlich auch die Seele berührt (man könnte auch sagen, das Wesen des Seins).

In der Tat: wenn ich mein Leben in den letzten Jahrzehnten Revue passieren lasse, so war es geprägt von einer Suche nach eben dieser Seelenruhe, einem Zustand, der konträr zu meinem oft stark vorhandenen Gefühl der Unruhe, des Seelen-Chaos, war.

Habe ich hier in Schweden nun meine Seelenruhe gefunden? Zumindest bin ich ihr hier näher, als ich es zuvor war, das kann ich mit Überzeugung schreiben.
Seelenruhe ist in meinen Augen aber das tendenziell flüchtige Produkt einer, wie Bartz es nennt, bestimmten Lebenspraxis und kein Dauerzustand, den man erreicht. Man könnte auch sagen, hier ist das Sprichwort „der Weg ist das Ziel“ treffend, denn Seelenruhe ist weniger der Endpunkt einer „seelischen Karriereplanung“, sondern mehr Beiprodukt konkreten Tuns und Unterlassens im Leben. Dadurch kann sie sich genauso schnell wieder verflüchtigen, wie sie entstanden ist. Je nachdem, wie man eben lebt.

Das heißt in der Folge also, dass es bestimmte Verhaltensweisen und Aktivitäten geben müsste, die der Entstehung von Seelenruhe eher förderlich oder eher hinderlich sind.
Hierbei ist meiner Meinung nach wichtig zu verstehen, dass „Verhaltensweisen“ nicht nur bezeichnet, was man tut, sondern auch (und oftmals sogar mehr), was man unterlässt.

Beispiel für ein Tun, eine Gewohnheit oder Praxis, die förderlich für Momente der Seelenruhe ist, ist sicherlich Meditation. Ich meditiere seit über 20 Jahren so gut wie täglich, und ich kann sagen, dass mich das weder zu einem Erleuchteten gemacht hat noch zu einem Heiligen. Was es aber ganz sicher bewirkt hat, ist, dass ich gelernt habe, meine Gedanken zeitweise zu bändigen, auf Kommando Ruhe finden zu können, und ja, auch immer mal wieder Momente der (Seelen-)Ruhe zu finden.
Ich persönlich meditiere auf völlig unesotherische Weise. Ich finde es sehr schade, dass das Klischee (was oftmals auch wirklich bedient wird, beispielsweise in der Yoga-Sphäre) existiert, Meditation sei etwas Abgehobenes, wo Räucherstäbchen, wallende Gewänder und Gurus eine Rolle spielen. Dabei ist das nur Blendwerk, häufig verwoben mit Marketing- und Konsuminteressen der entsprechenden Personen und Anbieter.
Dabei kann Meditation ein völlig undogmatisches Antidot für die Fragmentierung und Verkümmerung unserer Fähigkeit, konsistente, tiefe und stringente Gedanken zu fassen, sein. Die Kultivierung dieser Fähigkeit ist ein wichtiges Element dafür, das persönliche Leben aber auch die Gesellschaft positiv zu beeinflussen.

Im Gegenteil dazu ist der gezielte Verzicht des (übermäßigen) Konsums von Nachrichten ein Beispiel für ein Unterlassen, was förderlich für Seelenruhe sein kann.
Fast alle Nachrichten, die wir konsumieren, gehen weit über die Mitteilung der tatsächlichen Nachricht als Faktum hinaus. In Nachrichtensendungen wie der „Tagesschau“ sind die Nachrichten mit Bildern oder Videoclips garniert, die der Nachricht oftmals eine bestimmte emotional berührende Komponente verleihen, die über das reine, sachliche Übermitteln einer Nachricht hinaus geht. So wird der Zuschauer nicht nur mit Fakten versorgt, sondern auch gelegentlich mit einem Gefühl der Angst, des Grauens, der Sorge, Empörung oder Verzweiflung, denn „only bad news is good news“. Schlechte Nachrichten schaffen mehr Aufmerksamkeit, und es ist schon sehr außergewöhnlich, wenn in der Tagesschau mal ein Sachverhalt präsentiert wird, der bei den Zuschauern überschwängliche Freude auslöst.

Starke Emotionen aber, die ohne Notwendigkeit auf diese Art und Weise von außen hervorgerufen werden, sind Gift für unsere Seelenruhe. Nicht nur sind diese Emotionen auf nichts bezogen, was direkten Bezug oder direkte Relevanz für unser Leben hat, sondern durch ihre starke Wirkung auf uns behindern sie uns direkt darin, unser tatsächliches Leben auf gute Weise zu führen, indem sie emotionale Kapazitäten rauben, die wir in unserem tatsächlichen Leben brauchen würden.
Nun kann man argumentieren, dass man eben mit Nachrichten umgehen lernen sollte, im Sinne der Ideen des Stoizismus, indem man versucht, sich von den Gefühlen, die auftauchen möchten, zu distanzieren, sie nicht zu sehr an sich herankommen zu lassen, einen gewissen Gleichmut an den Tag zu legen. Ich bin aber davon überzeugt, dass das eine unnötige Kraftanstrengung und artifiziell herbeigeführte Herausforderung ist. Denn, wie ich dargestellt habe, Nachrichten auf diese Art zu konsumieren und auf sich wirken zu lassen, ist schlichtweg nicht notwendig. Wenn wir dann FOMO, fear of missing out (also die Angst davor, etwas zu verpassen), verspüren, ist das ein starkes Zeichen dafür, dass wir hier an uns arbeiten müssen.

Es sind nicht nur mit bewegten Bildern versetzte Nachrichten, die uns emotional manipulieren können. Allein ein Foto, was zur Illustration einer Nachricht verwendet wird, kann das auch schon bewirken. Wenn die Nachricht ist „Politiker X hat Y gemacht“, so kann durch die Wahl des dazugehörigen Bildes die Nachricht in eine gewisse Richtung verschoben werden. Ein Bild, was den Politiker in einem Moment mit dummem Gesichtsausdruck, einer seltsamen Mimik oder komischen Gestik zeigt, lässt die Nachricht negativer wirken als ein Bild, auf dem die Person souverän und stark wirkt.

Aber nicht nur das. Sogar Nachrichten, die in reiner Textform vorliegen und auf den ersten Blick eher neutral formuliert sind, können manipulieren. Ein Klassiker dieser Methode ist, ob man Konfliktparteien in einem Krieg oder kriegsähnlichem Zustand als „Freiheitskämpfer“ oder als „Aufständische“ bezeichnet. Diejenige Seite im Konflikt, die die eigenen Kämpfer gut dastehen lassen will, wird die anderen als Aufständische bezeichnen. Daraus folgt, dass dieselben Personen in derselben Situation von zwei verschiedenen Seiten sowohl als Freiheitskämpfer und als Aufständische bezeichnet werden. Was natürlich komisch ist.

Das Internet (was ja für uns alle immer noch Neuland ist), und insbesondere Social Media, stellen noch einmal eine ganz andere Art der Manipulation unserer Emotionen dar. Nicht nur sind Social Media technisch so konstruiert, dass sie unsere Aufmerksamkeit maximal stark fangen können und wir maximal anhängig von ihrer Nutzung werden (vgl. „The Attention Merchants“ von Wu), sondern sie erreichen das größtenteils durch Trivialitäten und Oberflächlichkeiten, wogegen Nachrichtenmedien zumindest AUCH Nachrichten vermitteln.
Im Internet ist auch das Phänomen des „Clickbait“ entstanden.

Dass Nachrichten und „Nachrichten“ (im Sinne von neuen Inhalten auf Social Media) oftmals die oben genannten Probleme mit sich bringen, bedeutet trotzdem nicht, dass man Nachrichtenmedien komplett meiden sollte.
Ich persönlich halte es für durchaus sinnvoll und wichtig, zumindest in groben Zügen über Geschehnisse in der Welt Bescheid zu wissen, auch wenn sie kaum oder keinen direkten Einfluss auf unser Leben nehmen. Ein bewusster, reflektierter und vor allem reduzierter Konsum ist jedoch die einzige Möglichkeit, sich nicht über Gebühr emotional vereinnahmen zu lassen.
Zu leicht gerät man nämlich auf den Holzweg zu glauben, dass mehr Nachrichtenkonsum proportional ein besseres Informiertsein nach sich zieht.

YouTube-Kanal von Joseph Bartz: https://www.youtube.com/user/Naturpfade

215) Schneesturm war kein Problem

Letztes Wochenende ging es damit los, dass der Wetterdienst und das Verkehrsamt für viele Teile Schwedens Warnungen vor einem Schneechaos herausgegeben haben. Es wurde eine orangene Warnstufe ausgesprochen, was wohl relativ selten ist. Angekündigt war extremer Schneefall in Kombination mit starkem Ostwind. Am Montag wurde es konkreter: man sollte das Haus wirklich nur verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist, und auch bei kurzen Autofahrten Essen, Trinken und Decken dabeihaben, falls man festsitzen sollte. Der erste Arbeitstag in der Schule, der Dienstag, wurde offiziell ins Home Office verlegt (es war nur der Vorbereitungstag der Lehrkräfte, die SuS hatten eh noch frei bis Donnerstag).

Gleichzeitig gab es innerhalb von diesen zwei Tagen einen Temperaturanstieg um 25 Grad auf Null Grad. Der Schnee war also sehr nass und schwer und würde sich schnell zu Eis verhärten. Als Vorbereitungsmaßnahme haben wir den nach Osten offenen Außenbereich des Stalls mit Zaun und Tarp verbarrikadiert, so dass nicht der ganze Schnee hinein weht, da Hühner nicht im Nassen stehen sollen.

Letztendlich war alles hier in der Gegend nicht so schlimm. Es hat wirklich viel geschneit innerhalb einer Nacht und der Schnee wurde auch stark verweht, der Wind war aber nicht stärker als bereits frühere Male. Die Schneedecke ging mir am Morgen bis knapp über die Knie. Ein Nachbar hat netterweise unsere Einfahrt geräumt, mit der Hand hätte das Stunden gedauert, wenn überhaupt. Den Hühnern geht’s wunderbar, an den ganz kalten Tagen gab es halt etwas weniger Eier. Den Unterstand haben wir trotzdem vorerst weiterhin vom restlichen Außengehege abgetrennt gelassen, in den tieferen Schnee wollen sie eh nicht. Nur das Tarp haben wir abgemacht, so dass wieder mehr Licht reinkommt. Vom Hausdach haben wir das Gröbste auch bereits runtergekehrt, damit nicht nochmal eine Ladung auf das Stromkabel in der Außensteckdose fällt, es dadurch ausgesteckt wird und Mario und seine Damen im Dunkeln sitzen.

Jetzt hat die Schule wieder begonnen und gleich am ersten Tag haben wir von der Wetterlage profitiert und sind im Sportunterricht im Pausenhof Schlitten gefahren. Ich war mittendrin statt nur dabei, auch wir Lehrkräfte knien hier in unseren Skihosen auf dem Boden, um den Kindern beim Iglu-Bau zu helfen. Es ist insgesamt wirklich sehr glatt und eisig, daheim auf dem Grundstück helfen uns da die Spikes an den Schuhen. Es lässt sich also festhalten: auch für eine orangene Warnstufe des schwedischen Winters sind wir anscheinend inzwischen gut angepasst und ausgerüstet!

214) Start ins neue Jahr

Wie im letzten Beitrag angekündigt, fand kurz vor den Ferien noch das Julbord mit dem Kollegium meiner Schule statt. Wir waren alle zusammen im Restaurant Travmuseet in Årjäng, das ich schon in Beitrag 81 als Ausflugsziel wegen des tollen Mittagsbuffets aufgelistet hatte. Es gab für uns eine hervorragende und sehr große Auswahl an typischen Weihnachtsgerichten, wobei der geräucherte Elch-Aufschnitt natürlich etwas ganz besonderes war. Auch die Nachspeisen waren sehr lecker und es war insgesamt ein wirklich schöner Jahresabschluss. Ich hätte nach zwei großen Tellern noch viel mehr essen können, aber auch ich habe mich dann an das schwedische Motto „lagom“ – nicht zu viel und nicht zu wenig – gehalten…

Anschließend ging es heimwärts nach München, wo ich über Weihnachten eine wunderbare Woche mit Freunden und Familie verbracht habe. Ich bin sehr froh darüber, dass die Reise per Auto, Bus, Zug und Flieger nur etwa einen halben Tag beträgt und mehrmals im Jahr möglich ist. Nach vielen schönen Gesprächen und gutem Essen ging es dann vor Silvester wieder zurück nach Schweden – ebenfalls heimwärts…

Das Wetter in der Zeit vor dem Jahreswechsel war hier sehr mild, was ein riesiger Unterschied zum Vorjahr ist, als die Schneedecke ab Ende Oktober mehr oder weniger geschlossen und die Temperaturen konstant in teilweise tiefen Minusgraden waren. Jetzt war es eher das Thema, dass die Feuchtigkeit auf den Straßen immer wieder angetaut und wieder festgefroren ist, so dass die Verkehrslage teilweise sehr glatt und unsicher war.

Silvester war ruhig, man hört einfach nur ein paar wenige Raketen in der Ferne. Jetzt im neuen Jahr ist der Winter auch hier endgültig angekommen: heute sind es minus 22 Grad – immer noch elf „wärmer“ als der tiefste Wert letzte Saison, aber kalt genug dafür, dass das Atmen draußen keinen ganz so großen Spaß mehr macht. Die Hühner scheinen es bisher zu vertragen, sie bekommen mehrmals täglich warmes Wasser und insgesamt etwas mehr Futter und Muschelkalk. In den Schnee gehen sie nicht, aber in den überdachten Außenbereich wagen sie sich zumindest phasenweise… Das einzige, wobei man aufpassen muss, ist, den metallischen Riegel der Stalltür nicht ohne Handschuhe mit vom Trinkwasser nassen Fingern anzufassen, weil man sonst festklebt.

Ich freue mich auf das Jahr 2025. Die Arbeit in der Grundschule hier vor Ort macht mir sehr viel Freude, und der Online-Unterricht an den deutschen Schulen ebenfalls. Da es dieses Schuljahr in Bayern durch die Umstellung von G8 auf G9 kein reguläres Abitur gibt, ist der Bedarf an Workshops und Nachhilfe verständlicherweise geringer, aber aus anderen Jahrgangsstufen und Bundesländern kann ich weiterhin einigen Schülern bei den Prüfungsvorbereitungen helfen, sowie auch an internationalen Schulen. Für Unterstützung in Deutsch oder Ethik schaut gerne auf www.projekt-schulabschluss.de oder schreib mir eine Mail an: info@projekt-schulabschluss.de