Autor: Jost
Wohl eines der vorstechendsten gesellschaftlichen Charakteristika Deutschlands ist ein – historisch gewachsenes und gleichzeitig aktuell immer weiter expandierendes (https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/stellenzuwachs-ministerien-ampel-koalition-bund-der-steuerzahler-100.html) – dichtes Beamtentum.
Damit einhergehend werden mit Beamten und Ämtern diverse Dinge klischeehaft verknüpft, die wenigsten positiv.
„Amtsschimmel“ und „Bürohengst“ sind zwei Fälle, in denen sich das in der Sprache niederschlägt. Aber auch ohne solche konkreten Begriffe wird Beamtentum oft mit Inflexibilität, Bürokratie natürlich, langsamem Arbeiten und dem Beharren auf (nicht immer sinnvollen) organisatorischen Prinzipien in Verbindung gebracht.
Zusätzlich dazu haben verbeamtete Staatsdiener diverse Vorteile gegenüber anderen Arbeitenden. Sie zahlen einen verminderten Steuersatz, beziehen gleichzeitig nach Abschluss ihrer Berufslaufbahn Beamtenpension, und sind oftmals unkündbar. Das ist, wenn man Beamter ist, natürlich eine schöne Sache. Was es aber nicht ist, ist fair und gerecht. Denn wenn wir ehrlich sind, ist die Arbeit von Beamten weder komplizierter noch schwerer als viele andere Arbeiten. Somit sind die Bevorteilungen rein historisch gewachsen und streng genommen anachronistisch. Insbesondere in Zeiten, in denen versucht wird, vieles gleichzumachen, selbst wenn es an sich nicht gleich ist, stellt der Vorteil des Beamten ein verkrustetes Relikt aus der Vergangenheit dar, von dem man sich jedoch nicht trennen möchte.
Denn, um das zu ändern, müsste dieselbe bürokratische Maschinerie bemüht werden, die die Vorteile erhält. Und wer schießt sich schon ins eigene Bein?
Unabhängig von grundsätzlichen Kritikpunkten kann das Beamtentum zu handfesten Qualitätsmängeln führen.
Ein vergleichsweise guter Lohn bei oftmals leichten Arbeitsbedingungen inklusive Unkündbarkeit bei Faulheit und Fehlverhalten: das zieht natürlich potentiell Menschen an, die auf einen leichten Gewinn, viele Vorteile und die Möglichkeit, faul zu sein, Wert legen. Natürlich, keine Beamtengruppe, weder Lehrer noch Verwaltungsangestellte, weder Polizisten noch Juristen, können innerhalb ihrer Berufsgruppe über einen Kamm geschoren werden.
Dennoch ist das, wie viele aus ihrer eigenen Erfahrung wissen, ein potenzielles Problem. Denn wer kennt ihn beispielsweise nicht, den Lehrer, der verbeamtet ist, und sich schon seit Jahren oder Jahrzehnten keine Mühe mehr gibt, Unterrichtsinhalte möglichst gut an Schüler weiterzugeben. Der nach Schema X arbeitet. Leider manchmal auch, der unangemessene Beziehungen zu einem Schüler unterhalten hat, dem aber nicht gekündigt werden kann, weil er eben unkündbar ist. Stattdessen wird er „zur Strafe“ an eine andere Schule versetzt, wo er doch wieder Derselbe ist.
Kurz: als Beamter wird man extrinsisch nicht gerade zu herausragender Arbeitsqualität motiviert. Diejenigen, die eine solche Qualität abliefern, tun das aus intrinsischer Motivation heraus.
Ich muss dazu sagen, dass ich erstens Beamtenkind bin und somit indirekt von dieser Ungleichheit profitiert habe.
Zweitens habe ich wenige schlechte, meistens neutrale oder gute Erfahrungen mit Beamtentum in Deutschland gemacht. Das ändert aber nichts daran, dass die oben genannten Probleme existieren.
Nun sind Ungleichbehandlung und Unfairness etwas, was dem Schweden an sich (wenn man so sagen kann) zutiefst zuwider sind.
Wie wäre das zu vermitteln, wenn grundsätzlich Offenheit, Transparenz und Gleichbehandlung großgeschrieben werden, gleichzeitig aber die Angestellten des Staates genau das Gegenteil verkörpern? Es wäre schlicht nicht zu vereinbaren.
Und so ist es auch konsequent, dass es in Schweden kein Beamtentum, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt (mit kleinen Ausnahmen, zum Beispiel sind hochrangige Politiker meines Wissens teils verbeamtet).
Das ist für den Deutschen genauso schwer vorstellbar, wie für den Schweden das System der unfairen, vielleicht ungerechtfertigten Ungleichheit des deutschen Beamtentums ist.
Unkündbarkeit eines Beamten, steuerliche Besserstellung, Beihilfe zu Krankenkassenbeiträgen und mehr: all das spielt in der schwedischen, alltäglichen Arbeitswelt keine Rolle, und es ruft, wenn man es erzählt, wohl ähnlich viel Unverständnis hervor, wie Sandras Erzählungen, dass in Deutschland NICHT jeder Lehrer (in der Grundschule zudem) einen eigenen Laptop von der Schule zum Arbeiten zur Verfügung gestellt bekommt und in Deutschland die Schüler Schulmaterialien wie Bücher, Hefte und so weiter, sowie Schulessen selbst zahlen müssen (beziehungsweise die Eltern). Das ist in Schweden nämlich auch nicht der Fall, alles ist für die Schüler kostenlos.
Fast bekommt man den Eindruck, dass die beiden Staaten eine jeweils komplett andere Prioritätensetzung in der Entwicklung der gesellschaftlichen Strukturen verfolgt haben. Zumindest ich für mich selbst weiß, welche davon ich für menschenfreundlicher halte.
Unsere Behördenkontakte hier in Schweden waren bisher auch insgesamt eher reibungslos. Ein Unterschied, den wir zu Deutschland feststellen konnten, war, dass hier der Kontakt, egal ob persönlich oder telefonisch, rein menschlich erst einmal wirklich freundlich ist. Egal, wo man anruft, bekommt man das Gefühl vermittelt, dass einem geholfen werden will. Das ist schon einmal etwas. Dann kommt es in konkreten, organisatorischen Fragen, natürlich trotzdem auch hin und wieder vor, dass Ratlosigkeit bezüglich des weiteren Vorgehens herrscht.
Wir hatten das Gefühl, dass das vor allem dann der Fall war, wenn die bürokratischen Prozesse nicht innerschwedisch waren, sondern da etwas Deutsches sozusagen mit hineingespielt hat. Zum Beispiel war die Frage der Versicherung unseres Autos während einer Übergangszeit, als wir es hier nach Schweden ummelden wollten, nicht wirklich zu beantworten. Inzwischen ist das Auto längst umgemeldet, aber wir wissen immer noch nicht wirklich, ob es in einem Zeitraum von zwei Wochen nun wirklich versichert gewesen wäre oder nicht.
Es kam auch schon zu Situationen, wo man innerhalb eines bürokratischen Prozesses B gebraucht hätte, um A zu bekommen, man aber A gebraucht hätte, um überhaupt erstmal B zu bekommen. Der Schwede an sich, und somit auch der schwedische Bürokrat, legt schon großen Wert auf Regeln und Verfahrensweisen. Letzten Endes hat aber alles, was wir bürokratisch unternehmen mussten, geklappt. Meine Vermutung ist, dass es auch schwedischen, bürokratischen Entscheidungsträgern bei solchen „Pattsituationen“ irgendwann zu blöd wird und zum Schluss nach gesundem Menschenverstand entschieden wird.
Einen großen, praktischen Unterschied macht hier in Schweden auch die Tatsache, dass die wenigsten Prozesse ein persönliches Erscheinen vor Ort in irgendeinem Amt notwendig werden lassen, sondern dass fast alles gut strukturiert und klar verständlich online durchgeführt werden kann. Persönlich zum Amt mussten wir bisher nur zu Anfang unseres Auswanderungsprozesses, um unsere neuen Ausweise zu bekommen.
Diese Online-Verfügbarkeit von amtlichen Dienstleistungen ist in Deutschland nach wie vor ein digitaler (oder eben nicht-digitaler) feuchter Traum. Und ich werde nicht müde, eine gewisse Angela Merkel zu zitieren, deren Worte ja, in diesem Fall sehr offensichtlich, immer noch Gültigkeit besitzen: Das Internet ist für uns alle Neuland 🙂
Letztlich kann man sagen, dass Schweden sicherlich kein unbürokratisches Land ist. Es wird erwartet, dass man sich an Regeln hält und Verfahrensweisen werden befolgt, auch wenn es mit etwas mehr Flexibilität einfacher wäre. Was es hier weniger gibt, ist das Gefühl, dass eine Hierarchie in den Interaktionen mit offiziellen Stellen hergestellt wird, in denen man wiederum das Gefühl bekommt, ein nerviger Bittsteller zu sein. Hier gibt es zuletzt auch weniger, um auf die Überschrift zurückzukommen, Dienst nach Vorschrift.
Insgesamt beurteile ich, als Deutscher, der das System jetzt in beiden Ländern kennen gelernt hat, das schwedische als positiv.
Jeder Schwede, der sich über die schwedische Bürokratie beschwert, sollte sich mal in die Mühlen der deutschen Ämter begeben – als Realitätsabgleich.












