Im Zuge der verschiedenen Vorbereitungen auf unseren zweiten schwedischen Winter haben wir ein Garagenzelt angeschafft und es inzwischen aufgebaut. Wir möchten unser Auto besser vor der Witterung schützen, und keine unserer Scheunen ist geeignet, um es hineinzustellen. Zusätzlich entsteht am hinteren Ende des Zeltes etwas Stauraum, da es ein Stück länger als notwendig ist. Es steht jetzt relativ windgeschützt auf der Nordseite des Grundstücks zwischen dem Haus und den Schuppen.
Die Idee ist, dass wir es in den Wintermonaten zur Unterbringung des Autos nutzen und im Frühling die graue Plane abnehmen, das Gerüst auf ein Stück Feld tragen und es dort mit durchsichtiger Folie bespannen. Dann haben wir im Sommer ein zusätzliches Gewächshaus. Ob das so klappt, wird sich erst noch zukünftig herausstellen.
Zunächst gab es mit der Verankerung im Boden ein paar Schwierigkeiten, weil man die dafür vorgesehenen Stäbe nicht durch den Kies in unserer Einfahrt schrauben konnte. Netterweise hat die Herstellerfirma uns ein alternatives Set stabiler Heringe zugeschickt, die gehämmert statt gedreht werden. Dadurch können wir es jetzt pünktlich zum ersten Schnee benutzen, der dieses Jahr am 17. November gefallen ist. Das ist etwas mehr als zwei Wochen früher als 2021, wie ich in diesem Beitrag festgehalten hatte.
Anschließend an meinen letzten Artikel werde ich heute für Außenstehende den Umgang der Schweden mit Alkohol etwas näher beleuchten.
Vorher bedanke ich mich noch für das Feedback für meinen vorherigen Artikel. Eine Frage, die mehr als einmal gestellt wurde, ist, um welche Mengen von Alkohol es sich denn bei mir gehandelt hat, als ich von meinem Problem damit geschrieben habe. Dazu habe ich einige Anmerkungen. Es war Absicht, dass ich von keiner konkreten Menge geschrieben habe. Grundsätzlich, aber insbesondere bei Themen wie dem Alkoholkonsum, tendieren Menschen dazu, sich mit anderen zu vergleichen, die „mehr trinken“ oder irgendetwas anderes, was nicht erwünscht ist, „mehr“ oder „schlimmer“ machen, um für sich selbst zu rationalisieren, dass das eigene Verhalten okay ist. Insbesondere beim Alkoholkonsum werden gesellschaftlich zahlreiche Narrative angeboten, mit denen man den eigenen Konsum kleinreden kann. „In Gesellschaft gehört das dazu“, „mit Genuss zu trinken ist okay“ oder „es sind nur ein, zwei Gläschen zur Entspannung“ sind einige davon. Fakt ist, dass Alkohol ein Zellgift ist, das eigentlich in keiner Dosis gesund ist. Man kann sicherlich Kosten-Nutzen-Abwägungen treffen, aber man sollte sich auch ehrlich vergegenwärtigen, dass mit zwei halben Litern Bier (für einen Mann) und 0,2 Liter Wein (für eine Frau) die Grenze bereits überschritten ist, die, angelehnt an die WHO, einen riskanten Alkoholkonsum darstellt. Da kann dann jeder für sich selbst entscheiden, wo er steht, ohne sich mit mir zu vergleichen. Die Frage, wie stark eine eventuelle Sucht ausgeprägt ist, kann man auch gut beantworten, indem man sich fragt, ob man einfach mal einen Monat oder vielleicht auch länger auf Alkohol komplett verzichten kann oder nicht (oder ob man gleich im Kopf Gründe sucht, warum es gar nicht sinnvoll ist, diesen Versuch überhaupt zu unternehmen). Kurzum: jeder kann, ohne sich mit anderen zu vergleichen, zu einer objektiven Antwort kommen, ob er zu viel Alkohol trinkt oder nicht. Ob man das dann persönlich als Problem ansieht, ist noch einmal ein anderes Thema.
In Schweden ist der Verkauf von richigem Alkohol nur in staatlich monopolisierten Läden erlaubt (die heißen hier „Systembolaget“). Warum schreibe ich „richtiger Alkohol“? Bier ist hier zum Beispiel in vier verschiedenen Variationen zu finden. Es gibt alkoholfreies Bier. Dann gibt es das „Leichtbier“, original hier „Lättöl“, das höchstens 2,25 Volumenprozent Alkohol enthalten darf. Die nächste Stufe des Bieres stellt das „Folköl“, also frei übersetzt Volksbier, dar. Das darf höchstens 3,5% Alkohol enthalten. Besonders ist hier, dass man dieses Bier auch im Supermarkt oder beispielsweise von kleineren Brauereien auch auf dem Bauernmarkt kaufen kann. Alles, was darüber hinaus geht (also das, was ein Deutscher als „richtiges Bier“ bezeichnen würde), gibt es nur im Systembolaget zu kaufen. Interessant ist, dass große internationale Brauereien ihre Sorten in zwei Versionen für Schweden produzieren. Die abgespeckte Version mit 3,5% Alkohol für den Supermarkt, und die richtige Version für das Systembolaget.
Schweden hat teilweise den Ruf, ein teures Land zu sein, was nicht unbedingt stimmt. Vielleicht gründet sich dieser Ruf auch unter anderem darauf, dass Alkohol in der Tat ziemlich teuer ist und diese Tatsache vielen Touristen im Urlaub überproportional stark auffällt. Für einen halben Liter Bier zahlt man im Restaurant oder in der Bar schon mal umgerechnet fast 10€. Alkohol im Systembolaget ist, grob geschätzt, im Schnitt 50% bis 100% teurer, als im deutschen Verkauf. Bemerkenswert ist übrigens, dass die Selbstbedienung in diesen Läden erst ab 1992 eingeführt wurde. Vorher stand man, wie in der Apotheke, vor einem Verkaufstresen und musste ordern. Nach wie vor ist es im Systembolaget aber so, dass die Auswahl zwar sehr gut ist, die Läden aber bewusst nüchtern gehalten sind: Visuelle Werbung der Marken sowie die besondere Herausstellung von Produkten sind hier verboten, Sonderangebote gibt es nicht.
Die Monopolisierung des Alkoholkonsums entstand in Schweden durch eine lange Geschichte der sozialen Probleme, die durch starken Alkoholkonsum ausgelöst wurden. Wer die detaillierte Geschichte nachlesen möchte (durchaus interessant), kann das auf Wikipedia tun. Die schwedische Alkoholpolitik wird im Großen und Ganzen als Erfolg verbucht. Auf jeden Fall liegt der Alkoholkonsum der Schweden heute bei weniger als zwei Dritteln des Konsums in Deutschland (Quelle)
Das Trinkverhalten in Schweden unterscheidet sich stark von dem in Deutschland. Während es zur Normalität vieler Deutscher Haushalte gehört, am Abend zum Essen oder einfach so kleinere Mengen von Bier oder Wein zu trinken, auch an Wochentagen, ist das hier eher unüblich und teilweise sogar verpönt. Ebenso oder sogar noch eher verpönt ist es, nach einem Bier oder Glas Wein noch Auto zu fahren.
Das normale Stadtbild zeigt im Übrigen im Sommer auch keine Menschen, die einfach so im Park oder auf der Straße mal ein Bier trinken, so wie es in Deutschland wirklich Gang und Gäbe ist. Das wird ungern gesehen (kommt in Großstädten aber sicher trotzdem auch vor). Ich kann gar nicht sagen, ob es tatsächlich strafbar ist, oder einfach eine soziale Übereinkunft darstellt, dass man das nicht tun soll. Aber angeblich kann es durchaus vorkommen, dass, sollte man es wagen, ein Parkbankbier zu trinken, man von der Polizei aufgefordert wird, das Bier auszuschütten. Vermutlich wird diese Bitte auf nette Art und Weise geäußert, wie es in Schweden üblich ist. Von US-amerikanischen Zuständen, wo Alkohol in der Öffentlichkeit von einer Papiertüte umhüllt sein muss, ist Schweden zum Glück aber ein gutes Stück entfernt.
Freitags wird aber getrunken. Und zwar mit Ansage. An diesem Tag kann man im Systembolaget Menschen jeden Schlages beobachten, wie sie erstaunliche Mengen an Alkohol kaufen. Wenn der Schwede trinkt, dann soll es sich auch lohnen. Das passiert dann oftmals schnell, hart und ohne Rücksicht auf Verluste. Bei Studenten ist das freilich noch stärker ausgeprägt. Ein Student, bei dem wir auf einem unserer Roadtrips via Couchsurfing übernachten durften, hat es ungefähr so charakterisiert: Wer aus der Studentenkneipe noch auf zwei Beinen ins Wohnhaus zurücklaufen kann, hat etwas falsch gemacht.
Eine Trinkkultur, wie sie beispielweise in Frankreich oder Italien vorhanden ist, wo man lange in Gesellschaft zu Tisch sitzt, isst und trinkt, und am Ende dann (vielleicht) auch ziemlich betrunken ist, konnte sich in Schweden anscheinend nie herausbilden. Der Schwede an sich mag es quick and dirty. Freilich kann der Alkohol auch bei Vorhandensein einer Trinkkultur körperlichen und sozialen Schaden anrichten.
In Beitrag 34 habe ich schon letztes Jahr in der Weihnachtszeit die Lussekatter erwähnt, die insbesondere zum Luciafest am 13. Dezember gegessen werden. Sie sind ein typisch schwedisches Gebäck im Advent, und dieses Jahr wollte ich sie selbst machen. Daher habe ich die Nachbarin, mit der ich auch die Kanelbullar (Nr. 46) gebacken habe, gefragt, ob sie wieder Lust auf einen gemeinsamen Vormittag hat. Heute war ich bei ihr, hier ist das Rezept:
In einer großen Rührschüssel werden eine Prise Kardamom, ein Päckchen gemahlener Saffran (ca. 0,5g), 2 dl Zucker, ein halber TL Salz und 2 dl kochendes Wasser vermischt. In schwedischen Backrezepten werden die meisten Mengen in Dezilitern angegeben… Dann verrührt man in einer kleinen Schale ein Päckchen Hefe mit etwas „Fil“ (so etwas wie Dickmilch). Das wird nach dem Abkühlen hinzugegeben zusammen mit 2 dl Sahne und 2 dl Milch. Dann kommt so viel Mehl dazu, dass der Hefeteig nicht mehr klebt, man mixt alles gut, legt ein paar Stücke Butter drauf und lässt die Schüssel zugedeckt ca. 30 Minuten lang stehen.
Anschließend wird alles verrührt. Auf der mehligen Arbeitsfläche formt man Würste und dreht sie zu Lussekatter ein, es werden etwa 50 Stück. Diese lässt man auf einem Backblech nochmal zugedeckt ruhen. Der Ofen wird auf ca. 225 Grad vorgeheizt. Mit einem Ei bestreicht man jede einzelne Schnecke und drückt zwei Rosinen in die Enden. Sie brauchen ca. 7-8 Minuten im Ofen, bis sie goldbraun sind.
Über den Namen gibt es verschiedene Spekulationen: das „Lusse“ könnte zum Beispiel von der Heiligen Lucia kommen oder von Lucifer. In manchen Texten ist bezüglich des Gebäcks von den Katzen des Teufels die Rede, andere verweisen auf so etwas wie „Lichterkätzchen“.
PS: Inzwischen sind alle Beiträge kategorisiert. Das heißt, man kann oben bei der Überschrift auf das Thema oder den Autor klicken und bekommt dann die weiteren Artikel entsprechend angezeigt.
Im Rahmen der Debatte in Deutschland, ob nun Cannabis legalisiert werden soll oder nicht, habe ich mir einmal mehr auch Gedanken über meine eigene Alkoholsucht gemacht. Um es kurz vorweg zu nehmen: Ich würde die Legalisierung beziehungsweise zumindest Entkriminalisierung aller Drogen nach dem Vorbild Portugals befürworten. Ich vermute, dass sich am Konsumverhalten gar nicht einmal so viel verändern würde dadurch, allerdings werden auf eine solche Art viele der unnötigen Kollateralschäden (Stigmatisierung, Abrutschen ins kriminelle Milieu, unreiner „Stoff“ usw.) vermieden. Dass wir in einer Gesellschaft leben, die in den Menschen den Wunsch nach Rausch beziehungsweise Ablenkung und Dämpfung hervorruft, ändert weder das Legalisieren noch das Kriminalisieren. Auch ohne stoffliche Drogen sind Abhängigkeiten mit schweren Folgen (Social Media – Konsum zum Beispiel) an der Tagesordnung. Ein klares und selbst bestimmtes Leben zu führen muss sich in einem solchen Umfeld so oder so jeder selbst erdenken und erhandeln. Ich würde den Menschen aber gern zumindest die freie Wahl lassen, mit welcher Praxis oder Droge sie sich das Leben erträglicher machen, wenn sie es denn meinen tun zu müssen. Meine Droge der Wahl war schon immer der Alkohol. Mit 14 trank ich noch heimlich im Internat und zu Hause unter Brücken und auf Spielplätzen, meinen ersten Vollrausch hatte ich mit 15, und in den Jahrzehnten danach hatte ich ein mal mehr mal weniger intensives Trinkverhalten. Ich habe an mir selbst gesehen, welch drastische Folgen der Alkoholkonsum haben kann – zwar nicht in der Hinsicht, dass ich ernsthaft krank dadurch wurde, aber insofern, dass ich häufig in Situationen geraten bin, die richtig böse hätten ausgehen können. Ich hatte des Öfteren einfach großes Glück, dass nichts passiert ist. Aber nicht nur an mir, sondern auch an anderen habe ich die schädlichen Folgen einer Alkoholabhängigkeit gesehen. In meinem familiären Umfeld gibt es diese Problematik. Ich habe im Laufe meines Lebens aber auch darüber hinaus wirklich viele Menschen getroffen und kennen gelernt, die Alkoholiker waren. Teils schon mit körperlichen Konsequenzen, teils ohne. Das Kuriose ist, dass viele von denen nie auf die Idee kommen würden, dass sie überhaupt ein Alkoholproblem haben. Das bringt mich zu einem Thema, was mich wirklich wütend macht. Der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol ist eines der absoluten Musterbeispiele für eine heuchlerische gesellschaftliche und politische Doppelmoral. Einerseits ist der Schaden, den der Alkohol am Gesundheitssystem anrichtet und darüber hinaus in privaten Beziehungsgefügen, immens. Andererseits ist Alkohol (in Deutschland) überall und immer verfügbar, und die Altersgrenze von 16 beziehungsweise 18 Jahren ist sehr leicht zu umgehen. Der Konsum wird teils glorifiziert und wird als Teil des gesellschaftlichen Lebens manchmal geradezu gefordert. Und das nicht nur in Bayern, dem Bundesland mit Oktoberfest und Parteitagen, die in Bierzelten voller Betrunkener abgehalten werden. Cannabis dagegen war politisch eigentlich schon immer „der Feind“. Ein Schelm, wer Lobbyismus dahinter vermutet… Noch einmal: problematisch sein und werden kann meiner Meinung nach jede Droge, und viele Verhaltensweisen, die an sich keine Droge sind, können dennoch zur Realitätsflucht und Betäubung eingesetzt werden. Aber eine aufrichtige Politik muss eines von beidem tun: Cannabis so akzeptieren und legalisieren wie Alkohol, oder Alkohol so ächten und regulieren wie Cannabis. Letztere Option wäre wahrscheinlich das Einzige, was mehr Menschen in Deutschland auf die Straße treiben würde, als die Abschaffung der Fußball-Bundesliga. Wer einen Bürgerkrieg will, verbietet Alkohol UND schafft die Bundesliga ab. Dass Cannabis eine Einstiegsdroge ist, ist ein Ammenmärchen. Anekdotisch stimmt das aus einem einzigen Grund: wer sich morgens im Supermarkt zum Tageseinkauf noch eine kleine Flasche Jägermeister an der Kasse mitnimmt (praktisch, dass das Kaugummi gegen den Alkohol-Atem gleich daneben liegt), macht das in einem völlig normalen Umfeld (das ist keine Anekdote von mir selbst). Wer, um sein Gras zu bekommen, den Dealer in einer dunklen Ecke trifft, ist automatisch in einem illegalen Milieu unterwegs, wo auch Schlimmeres passieren kann und er vielleicht noch eine andere Droge angeboten bekommt. Das fällt automatisch weg, wenn Cannabis legal und kontrolliert gekauft werden kann. Ich selbst war schon immer ein Mensch, der viel gedacht hat und manchmal zu viel im Kopf hat. Trinken löst unter anderem das kurzfristig für mich und lässt es erträglicher sein. Hier in Schweden sind ja die Pole zwischen Sommer (fast nur Licht) und Winter (ziemlich wenig Licht) sehr weit voneinander entfernt. Ich habe gemerkt, dass ich im Zuge der zunehmenden Dunkelheit immer mehr und immer früher am Tag getrunken habe. Letztlich habe ich mich dazu entschlossen, meinen Alkoholkonsum einmal mehr komplett einzustellen. Solche Phasen hatte ich schon öfter in meinem Leben, die längste war glaube ich 2 oder 3 Jahre lang.
Seit unserem Umzug geht es in Gesprächen mit Freunden und Bekannten natürlich ab und zu um das Thema Auswandern allgemein, und auch mit deutschen Kunden im Supermarkt und unseren Feriengästen kommt es immer wieder zur Sprache. Ein paar haben bereits relativ konkret darüber nachgedacht und sind teilweise schon am Planen und Besichtigen, bei manchen ist es ein vager Wunsch, dem aber meistens irgendwie insgesamt zu viel entgegensteht. Die einen zieht es konkret hin in einen bestimmten Teil der Erde, andere wollen primär erstmal einfach „weg“ aus Deutschland, so scheint es.
Gründe FÜR diesen Schritt in ein anderes Land sind das eine, und darüber hat sich jeder, für den das Thema relevant ist, ausreichend informiert. Ich möchte mich heute der anderen Seite zuwenden: der Überwindung, dem Risiko und dem Umgang mit Heimweh. Die Entscheidung für den Umzug hierher war richtig für mich, aber das heißt nicht, dass sie leicht war.
Bei uns war es so, dass wir uns zwar schon eine Weile mit dem möglichen Ortswechsel beschäftigt und auch schon in Teilen Deutschlands, Österreichs und Schwedens relativ konkret nach einem passenden Platz umgeschaut hatten, und es dann am Ende aber trotzdem plötzlich sehr schnell ging: zwischen der digitalen Vertragsunterschrift zum Kauf der 1500 km weit entfernten Hütten und der Abfahrt im vollgepackten Auto lagen nur zwölf Tage. In dieser Phase waren bei mir alle möglichen Gefühle präsent: Vorfreude auf das Abenteuer, ein gewisser „Stolz“ auf die Entscheidung (auch durch das Umfeld ausgelöst, das einem fast schon eingeredet hat, „mutig“ zu sein) sowie Unsicherheit bis hin zu Angst.
Zu keinem Zeitpunkt seit dem Umzug hatte ich das Gefühl oder den Gedanken, einen Fehler damit gemacht zu haben. Auch in Phasen, in denen sich alles hier schwer und zu langsam anfühlt, habe ich nicht daran gezweifelt. Darüber bin ich sehr froh. Natürlich überlegt man sich so einen Schritt ja gut und bereitet sich bestmöglich darauf vor, so dass man das Risiko hoffentlich minimiert, ihn irgendwann zu bereuen. Aber es gehört am Ende immer noch ein bisschen Glück dazu, ob es sich dann auch wirklich als „der“ richtige Weg herausstellt. Wobei ich das Konzept, dass es bei solchen Entschlüssen EINE richtige Lösung gibt, und alle anderen falsch sind, ohnehin nicht zutreffend finde.
Für mich persönlich war schon vorher klar, dass mir insbesondere die Kommunikation der konkreten Entscheidung schwer fallen würde, aus München bzw. Bayern (wo der Kauf eines landwirtschaftlichen Grundstücks, wie wir es wollten, unleistbar ist) wegzuziehen. Über organisatorische und finanzielle Herausforderungen habe ich mir nur einen Bruchteil der Gedanken und Sorgen gemacht im Vergleich zum Verlassen und Vermissen von Familie und Freunden. Sobald dieser Entschluss feststand, habe ich also nach dem Motto „Augen zu und durch“ alle darüber informiert, dass wir unseren Such-Radius erweitern.
Daher war mir auch von Anfang an klar, dass das Heimweh mein größter bzw. fast einziger negativer Aspekt an dem Vorhaben sein würde, und genau so kam es auch. Inzwischen würde ich es vielleicht eher die Sehnsucht nach der ersten Heimat nennen, und hier ist meine zweite. Es ist phasenweise wirklich ziemlich stark. Eines aber hat sich in den letzten Wochen verändert: im Supermarkt habe ich ein paar Tage lang immer wieder schlechte Laune gehabt und das anscheinend auch nicht allzu gut verbergen können. Auf Nachfrage von Kollegen, was los sei, habe ich geantwortet, meine Familie eben zu vermissen, bei der ich schon fast fünf Monate lang nicht zu Besuch war. Was ich gegenüber Menschen, die ihre Angehörigen teilweise seit Jahren nicht sehen konnten oder sie in Kriegen und Kämpfen verloren haben, ehrlich gesagt ziemlich unmöglich finde. Von daher kann ich seit dem Moment, als mir das so richtig klar und bewusst geworden ist, etwas anders damit umgehen (was nicht heißt, dass das Vermissen an sich dauerhaft schwächer geworden ist).
Two roads diverged in a yellow wood, And sorry I could not travel both And be one traveler, long I stood And looked down one as far as I could To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair, And having perhaps the better claim, Because it was grassy and wanted wear; Though as for that the passing there Had worn them really about the same,
And both that morning equally lay In leaves no step had trodden black. Oh, I kept the first for another day! Yet knowing how way leads on to way, I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh Somewhere ages and ages hence: Two roads diverged in a wood, and I— I took the one less traveled by, And that has made all the difference.
Robert Frost
Das Gedicht „The road not taken“ hat einen Stellenwert im Zusammenhang mit dem Auswandern für mich, seit es am letzten Schultag bei der Lehrerkonferenz vorgelesen wurde. Ich finde dabei verschiedene Interpretationen relevant: beispielsweise hat man es nach einer getroffenen Entscheidung in gewissem Maß selbst in der Hand, in wieweit man den anderen, nicht gewählten Optionen nachtrauert oder ob man vorwiegend in die Gegenwart und Zukunft schaut. Bei großen Veränderungen kann man nie alle Konsequenzen im Vorfeld überblicken, so sehr man das auch wollen würde. Es kann auf jeden Fall bereichernd für das eigene Selbstbild sein, einen mutigen Schritt in eine neue Richtung gewagt zu haben. Wenn er sich dann noch als gut oder sogar „richtig“ herausstellt, umso besser.