130) Soziale Medien

Heute möchte ich einen weiteren Unterschied hier erwähnen, der zwischen Deutschland und Schweden besteht. Es ist an sich nur ein relativ unbedeutendes Thema, aber gleichzeitig ist es etwas, wozu mit die meisten Nachfragen und erstaunten Blicke kommen, wenn ich jemandem davon erzähle…

Es geht um die Nutzung von sozialen Medien und das Senden von Nachrichten. Ich gehe dabei nur auf die individuellen Erfahrungen mit meinem hiesigen Personenkreis ein und vergleiche sie mit meinem deutschen Umfeld. Es kann also sein, dass in anderen Regionen der beiden Länder (oder auch nur in verschiedenen Menschengruppen an den gleichen Orten) die Lage anders ist.

Facebook:

…wird in Deutschland, soweit ich es mitbekomme, kaum noch genutzt. Vor ca. 15 Jahren hat „man“ sich angemeldet, eine Zeit lang war es (nach den Lokalisten…) DER Ort schlechthin, um Statusmeldungen zu teilen und Fotos zu posten. Inzwischen haben die meisten dort ihren Account entweder komplett gelöscht oder nutzen ihn nur noch sporadisch, um alte Kontakte zu halten oder in (z.B. Verkaufs-)Gruppen zu sein. In meinem Lehrer-Umfeld ist es zudem üblich, einen abgeänderten Namen zu haben, um zu vermeiden, dass man gefunden wird.

In meinem Leben in Schweden dagegen läuft SEHR viel über Facebook, auch „offizielle“ organisatorische Tätigkeiten. Quasi jede/r hat einen Account mit dem echten Namen, viele posten nach wie vor oft Statusmeldungen und Fotos. Die Reko-Ringe (zum Kauf regionaler Lebensmittel) werden immer als Facebook-Gruppen organisiert, der Sportverein, die Jagdgesellschaft… und auch der Facebook-Messenger wird sehr häufig als ganz normales Nachrichtenmedium unter Freunden oder in Gruppen genutzt.

WhatsApp:

Was mich zum nächsten Punkt führt – fast keine schwedische Person, die in meinem Handy eingespeichert ist, hat WhatsApp. In Deutschland die mit Abstand größte Kommunikations-Plattform, ob man will oder nicht. Ich selbst habe diverse Alternativen wie Telegram und Threema installiert und versuche, sie so gut es geht anstelle von WhatsApp einzusetzen, aber in meinem persönlichen Umfeld wird über diesen Weg nach wie vor definitiv am meisten kommuniziert. Hier dagegen haben nahezu ausnahmslos nur andere eingewanderte Personen, die ich kenne, WhatsApp.

SMS:

In Deutschland kaum der Rede wert, hier aber, neben dem Facebook-Messenger, ein wichtiger Kanal. Insbesondere Firmen melden sich häufig per SMS, statt mit einer E-Mail: Terminankündigungen von Handwerkern, Benachrichtigungen über die fertiggestellte Autoreparatur, Informationen vom Netzbetreiber zu Stromausfällen… Aber auch zum ganz normalen Chatten wird die SMS (bzw. MMS mit angefügten Fotos) hier unter Freunden, Nachbarn und Bekannten genutzt, genau so, wie man WhatsApp verwenden würde – was in Deutschland ziemlich unüblich wäre…

Zuletzt vielleicht noch eine weitere Beobachtung, bei der es sich zwar nicht um soziale Medien handelt, aber die ein ähnliches Maß an Erstaunen hervorruft, wenn ich sie erwähne: Amazon wurde erst 2020 in Schweden eingeführt, und das nicht sonderlich erfolgreich… Es gibt zwar eine schwedische Seite, aber weder Auswahl noch Preise oder Lieferschnelligkeit etc. kommen an die deutsche Version annähernd heran. Hier bestellt man unserer Erfahrung nach eher direkt bei den einzelnen Firmen.

129) Innerlich eingeschneit

In meinem Kopf ist nach wie vor nicht eingespeichert, dass ich in einem Land lebe, in dem vereinbarte Treffen manchmal wegen des Wetters abgesagt werden müssen. Aber genau so war es am Wochenende. Schon sehr lange war ein Spieleabend ausgemacht mit zwei Freundinnen, die ich im Sprachkurs kennengelernt hatte. Eine von ihnen wohnt etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Auto von uns anderen beiden entfernt, wir sehen uns nur alle paar Wochen. Wir haben uns aber alle vorgenommen, uns zukünftig öfter die Zeit für Treffen zu nehmen.

Jedenfalls war für den Freitag, an dem der Spieleabend bei ihr geplant war, schon im Voraus viel Schneefall online angekündigt. Das hat für mich aber in keinster Weise zu dem Gedanken geführt, dass das irgendwelche Konsequenzen haben könnte. Ich habe einfach überhaupt nicht dran gedacht. Am Freitag selbst war es, wie vorherzusehen, dann tatsächlich so, dass durchgehendes Schneegestöber vom Himmel kam, die Wege verweht wurden und die Straßen schwer sichtbar und kaum befahrbar waren. Hier wird nicht sofort geräumt und gestreut, alles braucht seine Zeit, und selbst auf der Haupt-Verbindungsstraße konnte man nur höchstens 40 km/h fahren, ist trotzdem beim Bremsen fast geschlittert und wäre ohne die hohen Warnstäbe links und rechts am Straßenrand, die genau diesen Zweck erfüllen sollen, relativ sicher im Graben gelandet.

Leider mussten wir das Treffen also wetterbedingt absagen, beziehungsweise verschieben. Das hat sich für mich sehr schwer und belastend angefühlt, obwohl es im Sinne des Risikos die richtige Entscheidung war. Das „naturnahe Leben“, das hier im Blog schon öfters erwähnt wurde und mitunter der Grund für das Auswandern war, hat sehr viele schöne Seiten, aber eben auch unangenehmere oder zumindest ungewohnte. Die Natur differenziert nicht in gut oder schlecht, sie ist einfach da. Aber wenn solche Treffen sowieso schon so rar und dadurch gefühlt wertvoll sind, fällt es mir umso schwerer, abzusagen (sei es aus wettertechnischen oder gesundheitlichen oder sonstigen Gründen).

À propos Gesundheit: Es geht auf jeden Fall aufwärts, aber es geht langsam und wird noch eine Weile dauern, bis ich (wieder) fit und leistungsfähig sein werde. Ich setze jetzt meine Gesundheit, insbesondere mein Immunsystem, an die erste Stelle. Dazu gehört beispielsweise eine tägliche To-Do-Liste, auf der unter anderem Spaziergänge, Supplements, Yoga vor der Tageslichtlampe, Fermente essen, Meditation und ausreichender Schlaf stehen. Ich versuche, konsequent zu sein. Dass mir das alles grundsätzlich gut tut, wusste ich auch in München. Aber eine Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass solche Faktoren hier im Norden wohl nochmal eine empfindlichere Rolle spielen. Wer in Süddeutschland lebt und z.B. nicht so oft an der frischen Luft ist, bekommt dennoch ein bisschen mehr Vitamin D ab. Er wird die Folgen auch irgendwann spüren, aber nicht ganz so direkt wie hier. Man reagiert hier schneller auf äußere Einflüsse, weil man einfach näher an ihnen dran ist. Und wenn man, wie ich in den letzten Monaten, versehentlich die eigene Gesundheit als „so nebenher laufend“ betrachtet, bekommt man die Quittung sofort. Für Jost ist es absolut selbstverständlich, bei allen Entscheidungen grundsätzlich den eigenen körperlichen und mentalen Zustand immer zu berücksichtigen. Ich lerne das gerade erst. Früher habe ich, grob gesagt, zum Beispiel Sport gemacht, weil es halt Spaß macht, und nicht, um damit besondere gesundheitliche Ziele zu unterstützen. Oder mich einigermaßen ok ernährt, weil ich das so gewohnt war und nicht, weil ich meinem Körper bestimmte Nährstoffe geben wollte. Und vieles mehr. Aber spätestens wenn dieser Zustand, aus Gewohnheit irgendwie mehr richtig als falsch zu machen, wegfällt, muss er eben durch intentionales Handeln ersetzt werden.

Dadurch, dass ich meine letzte geplante Reise nach München zu Weihnachten wegen meines hohen Fiebers absagen musste (was ebenfalls wirklich schwer für mich war, obwohl definitiv korrekt entschieden) und wir die Feiertage hier zu zweit verbracht haben, sind mir noch weitere Gedanken gekommen, die für eventuelle zukünftige Auswanderer relevant sein könnten. Man wird durch diesen Schritt ja in vielerlei Hinsicht auf sich selbst zurückgeworfen oder reduziert. Man nimmt ein paar Gegenstände, seine eigene Geschichte und seine Gewohnheiten mit, ebenso die Partnerschaft, aber viele Routinen oder das, was man im Lebensumfeld als „normal“ empfindet, bleibt daheim (zusätzlich verstärkt durch den Wechsel von der Stadt aufs Land). Dadurch muss man sich wesentlich stärker mit sich selbst beschäftigen und wird damit konfrontiert, neue Prioritäten bewusst zu setzen. Ich habe beispielsweise gemerkt, dass mir der Heilige Abend an sich, ohne das traditionelle Familienfest, quasi überhaupt nichts bedeutet (kein festliches Essen oder „besinnliche“ Stimmung). Wir haben ihn als einen Abend wie jeder andere verbracht, und das war vollkommen ok. Man muss sich damit auseinandersetzen, was einem auch ohne die zugehörige Tradition wirklich wichtig ist und was nicht und dann, im zweiten Schritt, sich selbst sozusagen neu erfinden, dem Leben die eigene Struktur geben und die paar Dinge, die man für sich als wirklich wertvoll erachtet und die man neu einführen oder beibehalten möchte, dann auch ernst nehmen und tatsächlich umsetzen (z.B. Ruhe in der Natur).

Ich hoffe, ein paar der in diesem Artikel beschriebenen Aspekte sind für den ein oder anderen Leser verständlich. Es ist wahrscheinlich nicht ganz leicht, sich das so vorzustellen und sich hineinzuversetzen und es nachzuvollziehen, wenn man keinen Winter über in Skandinavien oder einer vergleichbaren Gegend gelebt hat. Hier passiert momentan – seit meinem letzten Artikel über die montierten Fernlichter – äußerlich eben nicht allzu viel, über das sich berichten ließe. Das ist ja genau der Punkt, hier in der kalten und dunklen Jahreszeit… Man geht in eine Art Winterschlaf oder Verpuppung, kehrt sich eher nach innen und hat sehr viel Zeit zum Nachdenken und Weiterentwickeln, um dann im Frühling wieder aufzutauen. Wie konstruktiv das am Ende für jeden Einzelnen ist, liegt zum Großteil in der eigenen Hand. Aber man kommt diesem Zustand fast nicht aus, auch wenn man es wollte, weil unnatürlich viel Überwindung dazugehören würde, dauerhaft aktiv zu sein und sich von solchen Gefühlen durch forcierte Betätigung abzulenken, wenn es draußen so lange so kalt und so dunkel ist. Deswegen: lieber den Winter als solchen annehmen und für innere Arbeit nutzen, und dann wieder auf die Phase der Wärme und Helligkeit freuen, die das alles mehr als ausgleicht (wie ich inzwischen zum Glück aus meiner eigenen Erfahrung des Frühlings und Sommers weiß).

Wer hier die Blogbeiträge des letzten Winters liest, kann diese Tendenz dort vielleicht ebenfalls schon erkennen. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass sich die letzten Monate des Jahres 2021 in den Hütten mehr wie Abenteuerurlaub als Alltag angefühlt haben. Und am 2. Januar 2022 bin ich bei einem Spaziergang spontan im Haus einer Nachbarin gelandet, mit der wir zuvor noch nie gesprochen hatten, und habe mit ihr darüber geredet, dass sie dieses Haus eventuell verkaufen will, und so kam es, und wir hatten einen Umzug zu organisieren. Dadurch waren die ersten Monate des neuen Jahres ungewöhnlich ereignisreich…

128) Instagram und Epigenetik

Erst einmal freuen wir uns, euch heute anzukündigen, dass es uns nun auch auf Instagram gibt. Unter sandra.sverige findet ihr dort unseren Account und wir freuen uns, wenn ihr auch dort an unserem Leben teilhabt. In welche Richtung der Account sich entwickeln soll, ist noch nicht ganz klar, wenn ihr Ideen oder Wünsche habt, lasst es uns gern wissen.

Beim Nachdenken über Sandras Ärzte-Odyssee ist mir ein Artikel in den Sinn gekommen, den ich vor einigen Jahren verfasst habe. Es geht um Körperbewusstsein, ein mechanistisches Bild des Menschen und Epigenetik (ein Thema, mit dem ich mich in Zukunft mehr befassen werde). Hier ist er:

Mensch oder Maschine?

Die industrielle Revolution hat zusammen mit der Moderne und Entwicklungen der Postmoderne dazu geführt, dass die Welt in der wir leben immer stärker als form- und beherrschbar wahrgenommen wurde und wird. Die „Zähmung der Natur“ wurde im großen und ganzen als positiv und dem Fortschritt zuträglich angesehen. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich auch das Körperbild in eine ähnliche Richtung entwickelt.

Technische Entwicklung und medizinischer Fortschritt gingen Hand in Hand, und die Behandlungsmethoden der Mediziner sowie das „neue“ Verständnis des menschlichen Körpers um die Wende zum 20. Jahrhundert wurden auch mehr und mehr mechanistisch geprägt. Diese Sichtweise hat zusammen mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise, die auf Logik und Falsifizierbarkeit der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung basiert, zu großen Fortschritten im Bereich der Humanmedizin geführt. Gleichzeitig ging aber auch etwas verloren.

In früheren Gesundheitssystemen, auf deren Erkenntnisse wir heute noch Zugriff haben (ich denke vor allem an ayurvedische Medizin und traditionell chinesische Medizin) wurden Mensch, Krankheit und Gesundung immer als ganzheitlich angesehen. „Ganzheitlich“, ein Buzzword. Dennoch: immer spielte (und spielt) in diesen Systemen nicht nur die isoliert symptomatische Betrachtung und Therapie eines Phänomens eine Rolle, sondern mehr oder weniger: alles. Ernährung, Lebenswandel, Beziehungen zu anderen Menschen und so weiter. Das wird dem Menschen in seiner Menschlichkeit durchaus gerecht, lässt Verbesserungen und Justierungen auf vielen verschiedenen Ebenen zu.

Differenzierung – Fluch und Segen

Warum ist uns das zu einem bedeutenden Teil verloren gegangen? Zwei Stichworte spielen unter anderem eine Rolle: Differenzierung und Expertentum. Einfach gesagt hat sich unsere Gesellschaft – und somit die Wissenschaft auch – in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Es gibt die Humanmedizin, innerhalb welcher es wiederum Fachbereiche wie Orthopädie, Onkologie und so weiter gibt. Jeder der Entscheider dieser Bereiche durchläuft ein Bildungssystem, was ihn spezifisch vor allem für das Handeln in seinem Bereich vorbereitet. Vielleicht zusätzlich noch für den einen oder anderen Unterbereich, aber vereinfacht gesagt (und nicht zwingend so zutreffend): Der Orthopäde hat keine Ahnung von Ernährung. Experten in allen Bereichen haben also bereichsspezifisches Wissen, und zwar eine Menge davon, die Therapeuten der Ayurveda und der TCM wohl selten hatten. Dafür haben diese den Menschen viel eher als Gesamtheit von Körper, Geist und Seele im Blick.

Was nun besser ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Weder ist eine modern wissenschaftlich-medizinische Betrachtung per se besser, noch eine lange tradierte, ganzheitliche. Die Situation muss hier entscheiden. Bein gebrochen? Wahrschenlich ist die beste Option, sich das im Krankenhaus operieren zu lassen. Grübeleien und Schlaflosigkeit? Hier hilft vielleicht eher ein Therapeut, der das Leben des Patienten nicht mit den Scheuklappen einer bestimmten Disziplin betrachtet. Und: beides kann sich gegenseitig unterstützen. Heute ist die größte Herausfoderung für ein gutes Ergebnis (egal, in welchem Bereich des täglichen Lebens) die Kommunikation unter und Koordination von verschiedenen Experten. Im medizinischen Bereich ist das Negativbeispiel eine Odyssee von Arzt zu Arzt, wo jeder Experte nur seinen Bereich wertschätzt und nicht über den Tellerrand schauen kann. Ein Positivbeispiel wäre der Arzt, der sich die Zeit nimmt, sich mit den zuvor konsultierten Experten und dem Patienten auszutauschen, der offen ist für andere Herangehensweisen und auch an Therapeuten aus dem alternativmedizinischen Bereich verweist, wenn es indiziert ist. Da auch die Schulmedizin immer mehr die Sinnhaftigkeit von Elementen der TCM oder Ayurveda erkennt und anerkennt, gibt es solche positiven Beispiele der professionellen Demut glücklicher Weise immer häufiger.

Das Leben ist nicht linear

Wir haben uns an eine weitgehend lineare, bereichs-spezifische Betrachtungsweise der Welt gewöhnt, nicht zuletzt, weil wir so sozialisiert, im Bildungssystem erzogen und von den Medien unterhalten werden. Kurz: wenn wir etwas erreichen wollen, denken wir linear. Wir sind im Zustand A, und etwas soll geschehen, damit wir möglichst schnell und geradlinig zum gewünschten Zustand B gelangen.

Wenn wir nun als Mensch etwas an uns selber als Menschen verändern wollen, ist das alles andere als eine lineare, alles andere als eine simple Angelegenheit. Der menschliche Körper ist so komplex, wie nur denkbar, und in der Ganzheit seiner Funktionen, Details und Abläufe noch längst nicht verstanden. Die verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen haben zwar beträchtlich zu diesem Verständnis beigetragen. Wir vergessen aber zu oft (weil es sich mit dem Selbstverständnis von Wissen und Beherrschbarkeit der Welt nicht vereinen lässt), dass wir sehr vieles nicht wissen. Vom Großen (was ist Schlaf eigentlich genau, was exakt passiert dort?) bis zum Kleinen (was passiert eigentlich wie genau im Zytoskelett der einzelnen Zelle?).

Der Körper wird zwar formbar, wir sehen das an Tattoos, Piercings, Schönheitsoperationen und so weiter, die allesamt mittlerweise gesellschaftlicher Mainstream sind. Aber sobald es ans Eingemachte geht, haben wir den Salat. Wir wollen einen athletischen Körper? Dann müssen wir viel beachten: passende Ernährung, passendes Training, passende Erholung. Patentrezepte werden verkauft wie Sand am Meer: Konzept X verspricht den Traumkörper und Gesundheit durch ketogene Ernährung (die Ernährungspläne kosten nur wenige 100 Euro), Konzept Y hat das revolutionärste Trainingskonzept aller Zeiten, und und und.

Schade nur, dass der Mensch nicht immer nach Patentrezept funktioniert. Das stark vertretene Doping unter Amateuren im Fitnessbereich erkläre ich mir unter anderem auch damit, dass zwischen gesellschaftlichem Druck, einer Ästhetik zu entsprechen, unzähligen verschiedenen „Expertenmeinungen“ zu den Themen Ernährung und Training sowie der eventuellen Unvereinbarkeit von perfekter Ernährung und Training mit Job, Familie und anderen gesellschaftlichen Rollen, das charakterlich nicht ganz so gefestigte Individuum zum einfachen Weg greift, also dopet.

Oder dieser Drang nach Optimierung. Es muss immer noch etwas mehr gehen, immer noch etwas besser sein. Blutuntersuchungen, Supplements, 50 Stunden Arbeit und trotzdem Ironman-Vorbereitung. Wer ist es, der den Drang schafft, so etwas zu tun? Das Individuum, oder die Gesellschaft?

Karikatur: Michael Schilling, Jan Blum

„Sie sind nicht depressiv – Sie haben einfach nur ein beschissenes Leben!“

Fakt ist, dass es bei vielen Patienten oder Trainingskunden nicht gut ankommt, wenn ich ihnen ehrlich sage, dass das Leben als Mensch, wie sie es leben, zu keinem guten Ergebnis führen kann. Ich formuliere es gern etwas netter. Jeder darf selber entscheiden, welchen Experten er glauben möchte. Leider sind wir faule Schweine, und das faule Schwein glaubt dem Experten, der die bequemste Lösung verspricht. Oftmals, nicht immer. Wenn die Basis von Bewegung und Ernährung nicht stimmt, gibt es kaum Aussicht auf Erfolg.

Schlimmer noch dieses Beispiel: ein kranker Mensch, der Hilfe braucht, hat offensichtlich so viel Stress, dass es nicht verwundert, dass er krank bleibt. Wenn aber an der Basis (Schlaf, Stressmanagement, auch hier also wieder Bewegung, Ernährung) nichts geändert wird… nun, die Zaubermedizin gibt es nicht.

In Problemsituationen bleibt uns nichts anderes, als uns als Mensch zu sehen und unserer Menschlichkeit auch gerecht zu werden – indem wir in allen Bereichen versuchen zu handeln. Keine Medizin, kein Supplement, kein Experte kann uns ein menschengerechtes Leben führen lassen, wenn wir es selber nicht ermöglichen. Oft gibt es leider auch keine schnelle Lösung. Dann tun wir gut daran, Schwäche und Fehler beziehungsweise Probleme zuzulassen und langsam, aber konstant ein „besserer Mensch“ zu werden. Manches ist nicht beherrschbar. Wir können nur versuchen, uns für alles, was kommt, zu wappnen.

127) Ein neues Jahr – Krankheit, Gesundheit und Projekte

Wir wünschen allen unseren Lesern ein gutes neues Jahr 2023 und bedanken uns für die Anteilnahme an unserem Leben hier!

Die letzten Wochen von 2022 waren für uns ein bisschen holprig. Eine heimtückische Influenza hat uns, aber vor allem Sandra, niedergestreckt. Nicht, dass es das besser machen würde, aber wir waren in guter Gesellschaft. Viele der Leute, die wir aus der näheren Nachbarschaft, aber auch von weiter entfernt kennen, hat es erwischt.

EINE HUSTENDE ODYSSEE
So konnten wir aber einige wertvolle Erfahrungen sammeln, was das schwedische Gesundheitssystem angeht. Nach einigen Tagen, an denen Sandra starkes Fieber, Husten und durchgehend Puls 120 hatte, haben wir doch mal die „1177“, also die nationale Gesundheitshotline, die immer erster Ansprechartner außer in akuten Notfällen ist, angerufen. Dort hat die Krankenschwester dann geraten, wir sollen ins nächste Krankenhaus mit „akutintag“, also einer Art Notaufnahme, fahren, um den hohen Puls abzuklären. Das liegt von hier aus in Arvika, etwa 40 Minuten mit dem Auto entfernt. Alternativ könnten wir auch in die nächste „große“ Stadt, nach Karlstad, fahren, das sind etwa 70 Minuten.
Also auf nach Arvika. Dumm nur, dass es an diesem Tag die Straßen erst überfroren hat und dann noch schneite: die übliche Straße nach Arvika war komplett gesperrt. Also 5 Kilometer zurück und den anderen Weg, „hintenrum“, genommen. Da ging es dann ganz gut, und das Auto hat den Härtetest mit neuem Fernlicht und Schneefahr-Modus glatt bestanden.
In der Notaufnahme jedoch war letztlich die Enttäuschung groß: dadurch, dass hier teils ähnliche Probleme herrschen wie in Deutschland (nur ein Arzt im Krankenhaus, der für die Notfälle zuständig war) und durch die Wetterlage viele Unfälle in der Stadt passiert sind (Stürze, Autounfälle durch Glätte und so weiter), saß Sandra 4 Stunden blöd rum, bekam zwar Blut abgenommen und die Krankenschwestern haben kurz gecheckt, dass sie wahrscheinlich in den nächsten Stunden nicht sterben wird, und dann ist weiter nichts passiert. Ich musste draußen im Auto warten, konnte Spaziergänge im Schnee machen und es war einfach ein Fest. Jedenfalls haben wir dann beschlossen, wieder nach Hause zu fahren, zu schlafen, und am nächsten Tag nach Årjäng ins dortige Krankenhaus zu fahren, das nur tagsüber offen hat.
Organisatorisch ist das immer etwas mühsam, weil man dennoch jedes Mal zunächst anrufen muss, um dann einen Termin für den selben Tag zu bekommen. Man hat eine zentrale, digitale Krankenakte, die dann die Krankenschwester, die am Telefon ist, einsehen kann, um zu entscheiden, was getan wird. Durch das System, dass quasi jedes Mal, wenn man im Krankenhaus ist, ein anderer Arzt vor Ort ist, ist vieles davon abhängig, dass diese Akte gut gepflegt wird und dort vom anwesenden Arzt auch ordentlich gelesen wird, damit sozusagen keine „Fakten-Lücken“ entstehen.
Der langen Rede kurzer Sinn: in den folgenden Tagen wurde bei den Arztbesuchen dann doch ganz gute Arbeit geleistet. Sandra ist auf dem Weg der Besserung und hat Zeit, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. Bei Gelegenheit möchte ich mich aber noch mal etwas genauer mit dem Gesundheitssystem hier beschäftigen, weil mir bisher noch nicht klar ist, was zum Beispiel der vermeintliche Vorteil des konstanten Arztwechsels sein soll („Hausärzte“ gibt es nicht) und mir darüber hinaus auch noch andere Dinge aufgefallen sind, die ich besser verstehen will.

LEBENSVERBESSERUNG DURCH EPIGENETIK
Sandra ist jetzt damit beschäftigt, sich wieder zu stabilisieren. Dadurch, dass sie seit Mai 2022 immer wieder mit Husten und so etwas zu kämpfen hatte, wurde sie im Laufe des Jahres immer empfänglicher für neue Infekte, und wahrscheinlich hat deshalb die Influenza auch so stark zugeschlagen.
Wenn man davon redet, dass man sein Immunsystem stärken und aufbauen möchte, wird man ja gelegentlich etwas komisch angeschaut, weil oftmals gedacht wird, dass man ein gutes oder schlechtes Immunsystem eben „einfach hat“. Medial vermittelt wird zusätzlich leider hin und wieder auch der völlig wissenschaftsferne Unsinn, dass ein Immunsystem weder trainiert werden kann (geht selbstverständlich sehr wohl, hier ein Link dazu) noch maßgeblich durch Interventionen wie Supplementierung von lebenswichtigen, biochemischen Elementen beeinflusst werden kann.
Diese Sichtweise ist symptomatisch für eine größere Geisteshaltung, die Eigenverantwortung ablehnt und den Einfluss von eigenem Handeln negiert. Gleichzeitig ist diese Sichtweise ein Anhägsel eines Medizin- und Gesundheitssystems, das fast komplett darauf fokussiert ist, symptomatisch mit Notfallmedikationen zu behandeln und so gut wie keinerlei Fokus auf Prävention legt (das gilt im Grunde für Schweden wie für Deutschland, wobei die Ärzte hier in Schweden Sandra zum Beispiel immerhin empfohlen haben, unbedingt 2000IE Vitamin D täglich zu ergänzen und auch andere Supplements zusätzlich zu nehmen – in Deutschland wäre diese Empfehlung ein Verstoß gegen die Leitlinien).
Fakt ist, dass durch Epigenetik, also den eigenen Lebensstil und seinen Einfluss, das Leben und die Gesundheit massiv verändert werden können – zum Guten wie zum Schlechten.
Das geschieht grob gesagt hauptsächlich in drei Bereichen: Bewegung (Sport), Ernährung/Supplementierung und Mindset (Stichworte Stressmanagement, Meditation, Glaubenssätze und so weiter). Wer diese einfache, aber unbequeme Wahrheit an sich heranlässt, macht schon einmal einen großen Schritt hin zu einem selbstbestimmte(re)n Leben.

PROJEKTE FÜR DAS NEUE JAHR
Pünktlich zum Jahreswechsel gibt es hier auch wieder Dauerfrost. Der Winter wird sicherlich noch gute drei Monate dauern. Diese Zeit werden wir auch nutzen, um die Projekte, die an Haus und Grundstücken in der hellen Jahreszeit anstehen, gut zu planen.
Dazu gehören:

  • Weiterer Ausbau der Beetflächen für Gemüse und Blumen
  • Planung eines Hühnerstalls
  • Einzäunung des kompletten Grundstücks um unser Haus (zum Schutz des Gemüses gegen die Rehe)
  • Bau eines neuen Vordaches
    und noch einiges mehr.
    Über die Neuigkeiten und Projekte werden wir euch natürlich durchgehend auf dem Laufenden halten!

126) Unsere Heizung und ein Unglück

Die letzten zwei Wochen hier in Schweden waren die bisher kälteste Zeit des Jahres. Jetzt gerade, wo ich diese Zeilen schreibe (es ist 10 Uhr vormittags) sind es draußen noch minus 25 Grad, zu meiner Rechten schiebt sich gerade die Sonne über die Bäume am Horizont und beleuchtet den verschneiten Garten. Die Spur eines Rehbocks führt einmal quer über unser Grundstück, zu den Sonnenblumenkernen, die vom Vogelfutter auf dem Boden liegen, und die Vögel selbst vernichten fleißig ihr Fressen. Bald haben sie die ersten 20 Kilogramm Sonnenblumenkerne aufgefressen und es muss ein neuer Sack gekauft werden.
Teilweise sind insgesamt an den Futterstationen und den Bäumen drum herum an die 100 Vögel auf einmal. Das sind momentan vor allem Blau-, Kohl und ein paar Sumpfmeisen, aber je länger der Winter dauert, umso mehr verschiedene Vögel kommen. Heute früh waren 7 Dompfaff-Paare hier, ein Buntspecht-Paar bedient sich regelmäßig am Speck, und es kommen auch Goldammern, Stieglitze, Kleiber, Spatzen, sowie einige andere Finken (Buch- und Grün vor allem).

Sie alle freuen sich über Futter bei der Kälte, und wir freuen uns über unsere Heizung, die wirklich gut funktioniert inzwischen.
Bei fast allem hier, was mit Heimwerken und Haustechnik zu tun hat, ist es für mich ein erstes Mal. Ich musste noch die Entlüftungschrauben der kleinen Pumpen für den Zwischenspeicher-Wassertank etwas bewegen, weil die Pumpen nach so langer Inaktivität (die Vorbesitzer haben nur mit Öl geheizt) nicht mehr von allein angegangen sind. Jetzt wird bei Holzbefeuerung auch der Tank erwärmt, was über die Nacht für den Großteil der Zeit die Heizungen warm hält. Morgens sind sie dann wieder kühl, und ich kann entweder im Kessel neues Feuer machen, oder, wenn ich faul bin (wie heute Morgen) einfach die Ölheizung zuschalten, die das automatisch erledigt.

Inzwischen weiß ich, wann ich wie viel Holz in welcher Größe verfeuern muss, um die gewünschte Temperatur zu erhalten. Es hat einige Tage gedauert, bis ich ein Verständnis dafür hatte. Im Keller riecht es nun meistens dezent nach Holzfeuer, und wir haben es warm und gemütlich. Zusätzlich ist bei den Temperaturen gerade noch der Holzherd in der Küche an. Die Vorbesitzer haben uns ja sehr viel gut getrocknetes Brennholz hinterlassen, worüber wir jetzt ziemlich glücklich sind. Deren Holz reicht vermutlich über den kompletten Winter, und eventuell bleibt noch etwas übrig. Ab nächstem Jahr nutzen wir dann das Holz, was wir selber machen und gemacht haben.

Wir können somit die reinen Heizkosten für dieses Haus hier sehr niedrig halten (nur die wenigen Tage, die wir das Öl zuschalten, kosten uns). Das ist natürlich wirtschaftlich eine schöne Sache in Zeiten, wo alles, was Energie betrifft, ziemlich teuer ist. Aber Brennholz ist auch quasi klimaneutral, zumindest, wenn es selbst gemacht wird. Bei industrieller Herstellung wird es ja maschinell getrocknet und auch mit Großmaschinen geerntet. Ich selbst habe es noch nicht einmal mit einer Spaltmaschine gespalten. Das macht die ganze Angelegenheit noch ein bisschen besser, finde ich.

Ein Schreck hat uns dagegen vor einigen Tagen ereilt, als wir in die Hütten, die wir vermieten, gegangen sind. Dort sind wir zur Zeit ja nicht täglich, und Gäste momentan auch nicht da.
Der Strom war (fast) komplett weg, was natürlich nicht so gut ist, wenn die Hütten elektrisch geheizt werden. In der Wohnhütte hatte es innen minus 7 Grad, die Wasserleitung an der Spüle war eingefroren.
Eine der drei 16 Ampere-Hauptsicherungen hatte den Geist aufgegeben. Die war zwar schnell ausgetauscht, aber die Hütten waren geschätzt etwa zwei Tage ohne Strom.
Inzwischen ist die Leitung wieder aufgetaut und es sind keine offensichtlichen Schäden aufgetreten. Auch der Kriechgrund unter dem Haus ist trocken, da werden wir noch einmal nachkontrollieren, aber wir sind anscheinend mit einem blauen Auge davongekommen.
Glück im Unglück war, dass offensichtlich die beiden Heizungen für das Bad und den Raum neben dem Bad anders, nämlich einphasig, angeschlossen waren. Die haben somit noch geheizt. Dort wäre wohl viel kaputt gegangen, wenn das Wasser im Klo und den Leitungen da auch eingefroren wäre.

Solche Unwägbarkeiten kennt man auch eher nicht, wenn man vorher sein Leben lang in einer pflegeleichten Wohnung gewohnt hat. Letztlich ist aber jede „kleine Katastrophe“ solcher Art etwas, wo wir am Ende mit mehr Kompetenz und Wissen herausgehen. Ein kurzfristiger Stressfaktor und ein Ärgernis. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.