150) Über Adorno, Adipositas und das Andersmachen

Diesen Text habe ich (Jost) vor einigen Jahren ursprünglich für den Blog von Nadja Hermann, die auch Autorin des Buches „Fettlogik überwinden“ ist, geschrieben. Der Blog existiert leider nicht mehr, das Buch ist aber nach wie vor lesenswert und zu empfehlen. Als ich heute meine alten Texte durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass dieser Artikel nach wie vor relevant ist. Darin rede ich von den Diaden richtig/falsch und schlank/fett. Grundsätzlich gilt aber auch alles, was ich geschrieben habe, wenn man allgemeine Begriffspaare wie gesund/krank oder selbstbestimmt/fremdbestimmt verwendet. Für alle Projekte, die unsere Leser in Bezug auf Gesundheit oder mehr Selbstbestimmung in ihrem Leben haben (dazu gehört auch unter Umständen ein Wechsel des Wohnortes bis hin zum Auswandern) finden sich hier also vielleicht Inspirationen.


Adorno und Adipositas, oder: Es gibt kein schlankes Leben im fetten

In diesem Artikel möchte ich einige gesellschaftsphilosophische Gedanken ausführen und auf deren Basis eine Verbindung zum Thema Gewichtsabnahme herstellen. Ich identifiziere drei Problemfelder aus der Praxis, die beim Abnehmen hinderlich sind, und versuche, Ansätze zu zeigen, diese Probleme zu überwinden.

Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno hat ein geflügeltes Wort geprägt, das lautet: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Dieses Zitat wurde in verschiedensten Kontexten bemüht und ausgelegt. Verstanden werden kann es so, dass Adorno in der persönlichen Lebensführung zwischen richtig und falsch klar unterscheidet. Sind nun die gesellschaftlichen Strukturen und Umstände, in denen das Individuum handelt, falsch, so ist es dem Einzelnen nicht möglich, auf eine richtige Art und Weise zu leben. Für den Verlauf dieses Artikels ist es wichtig, die Implikationen dieser Aussage noch etwas genauer aufzuschlüsseln.

„Richtig“ und „falsch“ sind klar wertend belegt. Adorno kritisiert mit dem „falschen Leben“, in dem das Individuum lebt, gesellschaftliche Umstände. Dass so kein „richtiges Leben“ möglich ist, bedeutet nicht, dass Resignation der einzig gangbare Weg ist. Erst, wenn das „falsche Leben“, also problematische gesellschaftliche Strukturen, angegriffen werden, erst wenn diese Strukturen geändert sind, kann auch das Individuum „richtig“ leben. Auf gesellschaftlicher Ebene sind Möglichkeiten zu einer solchen Lösung zum Beispiel, gegen das falsche Leben zu demonstrieren, alternative Strukturen anzubieten und Bewusstsein für diese Sachverhalte zu schaffen und zu verbreiten. Das Zitat darf nicht insofern missverstanden werden, dass die Taten des Einzelnen innerhalb eines „falschen Lebens“ ohnehin irrelevant sind, weil ja gar kein „richtiges Leben“ möglich ist. Das Gegenteil ist der Fall: ist das falsche Leben unmenschlich und unethisch, so sind menschliche, ethische Handlungen des Individuums nicht weniger Wert. Sie haben einen intrinsischen Wert und sind besonders dann, aber nicht nur dann, wenn sie zielgerichtet versuchen, die herrschenden Strukturen zu ändern, definitiv gut.

Ich bin ein großer Freund von Analogien, und hier können wir eine Analogie von gesellschaftlichen Strukturen und dem Handeln der Individuen in ihnen zum individuellen Körper und dem Wirken des persönlichen Willens in ihm ziehen.

„Es gibt kein schlankes Leben im fetten“ wäre dann die Umformung des ursprünglichen Zitates von Adorno. An dieser Stelle ist es ganz wichtig, zu unterscheiden zwischen biologischen und persönlichen Elementen dieser Aussage. Während eine klare biologische Verbindung zwischen schlank = gut und fett = schlecht besteht (in dem Sinn der zahlreichen, seriös medizinisch untersuchten Risikofaktoren, die mit starkem Übergewicht einhergehen, wie zum Beispiel von Nadja Hermann in „Fettlogik überwinden“ auf den Seiten 97ff. zusammengefasst), darf auf dieser Basis zunächst keine persönliche Wertung vorgenommen werden. Es versteht sich von selbst, dass sich der Wert eines Menschen nicht an seinem Gewicht misst.

Medizinisch ist es aber klar, dass ein adipöser Körper die Strukturen bildet, in beziehungsweise mit denen sich der einzelne dicke Mensch bewegen muss, und mit denen er sich auseinandersetzen muss. Leider ist der Mensch grundsätzlich ein Meister der Verdrängung und der Ignoranz. So ist es möglich, dass wir gesamtgesellschaftlich verdrängen können, dass unser Reichtum auf dem Leid anderer Menschen und Lebewesen basiert. Und so ist es ebenfalls möglich, dass es viele Menschen schaffen zu ignorieren, dass sie ein Leben leben, mit dem sie ihren eigenen Körper ausbeuten und ihm schaden. So ist es nicht selten, dass Menschen ihr komplettes Leben verbringen, ohne auf die Idee zu kommen, dass es durchaus Dinge an unserer Gesellschaft gibt, die kritisiert oder geändert werden sollten – und ebenfalls ist es häufig so, dass Menschen ihre Fettleibigkeit bis ins Grab mit sich herumschleppen, ohne je zu realisieren, dass es viele Gründe gibt, dagegen ernsthaft vorzugehen.

Ich halte fest: während das „falsche Leben“ unethische, unmenschliche Zustände sind, sind das „fette Leben“ der adipöse Körper und die Einschränkungen, die dem Bewohner dieses Körpers das Leben schwerer machen können. Das „schlanke Leben“ ist das Bewohnen eines normalgewichtigen, optimaler Weise sportlichen Körpers, mit dem der Bewohner dieses Körpers seine körperliche Leistungsfähigkeit ausschöpfen und mit Adipositas verbundene gesundheitliche Risiken vermeiden kann. Ein schlankes Leben ist sicherlich keine Garantie für Glückseligkeit. Ein schlankes Leben räumt aber einige Steine aus dem Weg, die auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben liegen können. Schmerzen, Einschränkungen bezüglich Körperkraft und Beweglichkeit sowie Einschränkungen durch Krankheiten können so potentiell verringert werden. Lebensentscheidungen sollten meiner Meinung nach nicht von Not oder Leid diktiert werden. Somit ist es sinnvoll, Übergewicht zu vermeiden und ein schlankes Leben anzustreben. Weiter oben schrieb ich: „Das Zitat darf nicht insofern missverstanden werden, dass die Taten des Einzelnen innerhalb eines „falschen Lebens“ ohnehin irrelevant sind, weil ja gar kein „richtiges Leben“ möglich ist.“. Dasselbe gilt selbstverständlich für das schlanke Leben im fetten: jede Handlung, die das Individuum einem schlanken Leben näherbringt, ist gut. Auch, wenn sie momentan wirkt wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Die Summe vieler solcher Handlungen führt zu einem großen Ziel: signifikante Gewichtsabnahme.

Entschließt sich ein Mensch nun, gegen sein Übergewicht konstruktiv zu rebellieren, sucht er sich manchmal Verbündete, die mit ihm in den Krieg ziehen – zum Beispiel Personal Trainer wie mich.

Frau Hermann stellt in ihrem Buch schon sehr richtig fest, dass es an sich überhaupt nicht notwendig ist, sich professionelle Hilfe zu holen, wenn man abnehmen muss oder möchte. Dazu ist weder ein Personal Trainer noch eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio nötig. Beides kann aber zweifelsfrei hilfreich sein.

In meiner Arbeit mit übergewichtigen Kunden fallen mir im Groben drei verschiedene Problemfelder immer wieder auf:

Problem 1: Wir alle, und somit auch meine Kunden, leben in einer Welt der „instant gratification“, in der die Möglichkeit der schnellen Befriedigung aller möglichen Bedürfnisse besteht. Lust auf einen Film? Einfach downloaden oder streamen. Lust auf Sex? Schnell ein Date über Tinder, oder einfach einen kostenlosen Porno im Netz schauen. Lust auf etwas zu Essen? Einfach schnell liefern lassen, es ist oftmals nicht mehr notwendig, den Prozess des Kochens zu durchlaufen. Wir lassen uns alles immer schneller nach Hause liefern, inzwischen geht das in Großstädten teilweise innerhalb weniger Stunden nach Bestellung. Es ist nicht leicht, jemandem, der in dieser Welt lebt und diese Dienste gern in Anspruch nimmt, klar zu machen, dass sein Projekt „Gewichtsreduktion“ nicht nur Mühe kosten wird, sondern auch Zeit. Das Bedürfnis, 20, 30, 50 oder mehr Kilo zu verlieren, ist nicht schnell und einfach zu befriedigen, und niemand, der seriös arbeitet, behauptet das.

Lösungsansatz 1: Kultiviere Vorfreude oder bewussten Verzicht! Die Möglichkeit, seine Bedürfnisse umgehend zu befriedigen, lässt dein Handeln impulsiv werden. Ich habe von meinen Kunden teilweise tatsächlich gehört, dass sie erst realisiert haben, dass sie Schokolade gegessen haben, als sie schon im Mund war. Was können wir daraus lernen? An erster Stelle solltest du dir deiner Bedürfnisse bewusst werden. Wenn du merkst „Aha, ich möchte jetzt Schokolade essen“, versuchst du als nächsten Schritt, eine zeitliche Distanz zwischen Bedürfnis und Befriedigung einzubauen. Da kannst du ganz klein anfangen. Zum Beispiel indem du zuerst im Handy oder auf einem Block notierst, das Bedürfnis wahrgenommen zu haben. Das kostet dich nur wenige Sekunden und hilft dir, eine Art Bedürfnistagebuch zu führen, an dem du rückschauend schwarz auf weiß sehen kannst, wie oft du dieses und jenes Bedürfnis hast. Du kannst dir jetzt vornehmen, erst einmal die Augen zu schließen und zehn bewusste, tiefe Atemzüge zu nehmen, bevor du die Schokolade isst. Das ist ein kleiner Schritt und macht dir dein Handeln bewusster. Als Fortgeschrittener kannst du die Technik so ausbauen, dass du dir eine längere Zeit vorgibst, die du wartest, bevor du dein Bedürfnis befriedigst, zum Beispiel fünfzehn Minuten. In dieser Zeit kann bewusste Vorfreude entstehen. „Profis“ können es dann schaffen, durch dieses Aufschieben immer bewusstere Entscheidungen zu treffen – sie gehen achtsam mit ihren Bedürfnissen um, handeln nicht immer impulsiv und verzichten auch einmal darauf, ein spontanes Bedürfnis zu befriedigen, weil sie ihr größeres Ziel (im Falle der Schokolade offensichtlich Gewichtsabnahme) im Blick haben. Dieser bewusste Verzicht, dieser bewusste Sieg des Willens über den Trieb, kann auch als sehr belohnend empfunden werden. Bewusster Verzicht kann gelernt werden. Wichtig ist, dass du dir nicht zu viel auf einmal vornimmst und dich in kleinen Schritten steigerst. Dann klappt es auch mit einem dem großen Ziel, wie 20, 30, 50 oder wie viele Kilos auch immer zu verlieren.

Problem 2: Der Mensch kann sich nur für das entscheiden, von dem er weiß, dass es existiert. In anderen Worten: wo kein Wissen, da keine Handlungsoption. Es ist oftmals wirklich sehr erschreckend, wie oberflächlich das Wissen über Grundbegriffe der Ernährung bei einem erwachsenen Menschen ist. Die Begriffe „Fett“, „Kohlenhydrate“ oder „Eiweiß“ sind geläufig – aber schon bei der Frage, was genau dahinter steckt, herrscht Verwirrung (zum Beispiel in der Art: „In diesem Brot ist doch kein Zucker, das ist ja nur Getreide“, obwohl zum Beispiel Weißmehl fast ausschließlich Kohlenhydrate beinhaltet und diese wie Zucker verstoffwechselt werden, obwohl im Brot freilich kein „Zucker“ als Zutat enthalten ist). Es muss also beim Abnehmwilligen fast immer auch eine Wissenslücke geschlossen werden, bis der Zeitpunkt erreicht ist, an dem er wirklich mündige Entscheidungen treffen kann. Die Tatsache, dass die in Deutschland in solchen Fällen meist zuerst zitierte Instanz, die DGE, mit wissenschaftlich veralteten Ernährungsempfehlungen arbeitet, ist in diesem Zusammenhang zusätzlich hinderlich. Diesbezüglich bewegt sich zwar langsam etwas, aber es wird noch das eine oder andere Jahr ins Land gehen, bis sich das in den offiziellen Empfehlungen und in Lehre und Forschung durchsetzt. Das heißt, dass ein Mensch, der abnehmen will, sich zwischen vielen verfügbaren Bildungsangeboten (Bücher, Internet, TV) zum Thema Ernährung entscheiden muss. Hier kann der Personal Trainer als Wegbegleiter wertvolle Hilfe leisten.

Lösungsansatz 2: Versuche es so zu sehen, dass dein Wissen immer mehr werden muss, wenn dein Gewicht weniger werden soll. So, wie du dir vielleicht ein konkretes Gewichtsziel gesetzt hast, solltest du definierte, konkrete Zeiträume in deinen Tag oder deine Woche einbauen, in denen du dir Wissen aneignest zu den Themen, die für dich relevant sind – also vermutlich vor allem Ernährung und Sport. Starte auch hier klein, lass es zu einer Gewohnheit werden und steigere dich, wenn du bereit bist. Bei allem, was du im Internet recherchierst, musst du achtsam sein, wenn jemand etwas mit seinen Videos/Artikeln u.a. verkaufen möchte – das beißt sich häufig mit einer sachlichen, neutralen Position. Ich persönlich schätze viele Artikel auf den Blogs von Edubily und Marks Daily Apple (englisch). Außerdem findest du hier die Hintergründe über die offiziellen Ernährungsempfehlungen in Schweden (auch englisch). Ein Vergleich mit Deutschland lohnt und ist lehrreich – die schwedischen Empfehlungen sind deutlich fundierter! Auch die beiden genannten Blogs möchten teilweise verkaufen, und auch hier ist Vorsicht geboten – die Artikel sind aber gut recherchiert, meist seriös und bieten viele Ansatzpunkte für weiteres eigenständiges recherchieren.

Problem 3: Wir leben in einer Gesellschaft, die uns nicht gerade stark dazu erzieht, Eigenverantwortung zu übernehmen. Das ist aber unabdingbar, wenn ein Projekt angegangen wird, wie es zum Beispiel eine große Gewichtsreduktion ist. In gewisser Weise ist der Akt, einen externen Experten, also Personal Trainer, heranzuziehen, schon problematisch. Eine meiner unmittelbarsten Aufgaben ist es manchmal, dem Kunden zu verdeutlichen, dass ich ihm helfen kann, Orientierung geben und Wissen vermitteln kann – aber er die Arbeit nun einmal selber machen muss. Hier trennt sich bald die Spreu vom Weizen. Im besten Fall entsteht so eine Zusammenarbeit über Jahre hinweg, mit der beide Seiten zufrieden sind. Im schlimmsten Fall beschränkt sich das kluge Handeln des Kunden auf die zweimal sechzig Minuten pro Woche, in denen ich mit ihm persönlich arbeite, während das Verhalten im Rest der Zeit unverändert bleibt. Das führt natürlich nicht zum Erfolg. Vielleicht erkennt das der Kunde und versucht, sich zu verbessern – vielleicht schiebt er aber auch die Schuld auf den angeheuerten Trainer. Das ist die bequeme Lösung, die es ermöglicht, ohne Schuldgefühle weiter zu machen wie vorher.

Lösungsansatz 3: Oftmals liegt die Wurzel dessen, dass es schwer fällt, Eigenverantwortung zu übernehmen, nicht bei uns selber. Ehrlichkeit, das offensive Stehen zu Fehlern und das Ertragen von Konsequenzen werden uns gesellschaftlich selten vorgelebt. Wer das schon als Kind bei relevanten Bezugspersonen so erfährt, imitiert dieses Verhalten oft sein Leben lang mehr oder weniger unbewusst. Er gerät in Problemsituationen in eine Opferrolle, schiebt die Schuld also anderen zu, was meistens unangebracht und unnötig ist. Natürlich trägt fast jeder zumindest eine große Mitverantwortung für seine Lebensumstände. Dazu gehören auch Übergewicht und Unsportlichkeit. Das zu realisieren, ist ein erster, wichtiger Schritt. Frage dich, was dich momentan konkret stört an deinem Leben. Dann schreibe es auf und versuche, auch einige Gründe aufzuschreiben, warum es zu dem negativen Zustand gekommen ist. Überlege nun, ob du Gründe gewählt hast, die von außen kamen (Fremdzuschreibung), oder ob es Dinge waren, für die du selber die Verantwortung trägst (Selbstzuschreibung). Wenn du zu Fremdzuschreibung tendierst, versuche, dich davon zu distanzieren und denke stattdessen darüber nach, was du selber tun kannst, um aus diesem Zustand, mit dem du unzufrieden bist, herauszufinden. Es ist ein nicht unbeträchtlicher Schritt zur Eigenverantwortung, wenn du beginnst, einem Ernährungs- und Trainingsplan zu folgen, weil du Gewicht verlieren willst!

Offensichtlich sind also einige Hürden zu überwinden, bevor aus dem fetten Leben ein schlankes Leben werden kann. Meiner Erfahrung nach ist es elementar, dass der Kunde weiß, warum er tut, was er tut. Während auch bei schwerem Übergewicht eigenständig trainiert werden kann (spazieren gehen, Nordic Walking, Radfahren, Aquafitness, Krafttraining nach Youtube Videos uvm.) ist es notwendig, diese Bewegung in einen größeren Kontext einzubetten und somit die Perspektive des Kunden zu erweitern. Es geht hierbei um die Planung der Intensitäten und Umfänge der Bewegung, um die Vermeidung von Verletzungsrisiken, um die Planung der dazugehörigen Ernährung und viele mit diesen Themengebieten zusammenhängende Details. Somit sehe ich die Aufgabe des seriösen Personal Trainers nicht darin, sich als Lifestyleprodukt in einem Fitnessstudio zu verkaufen, sondern den Kunden mit Wissen, Geduld, Einfühlsamkeit und Härte auf seinem Weg zu begleiten. Das schließt oftmals Patentrezepte, einen schnellen Erfolg und Wunder jeglicher Natur aus. Somit bleiben mir in meiner Arbeit vor allem diejenigen Kunden erhalten, die sich bewusst sind, dass sie in der Vergangenheit Fehler gemacht haben (siehe Lösungsansatz 3), schrittweise mehr Eigenverantwortung für ihr Leben übernehmen möchten und mich vor allem als Impulsgeber schätzen. Eine solche Zusammenarbeit ist für beide Seiten befriedigend.

149) Schwierige Bedingungen

Anfang Juni haben wir begonnen, die in der Küche vorgezogenen Gemüsepflanzen auszusetzen. Als erstes waren die Bohnen dran, ein paar Tage später dann der Rest. Und um es kurz zu fassen: es läuft mäßig. Tagsüber hat es 25 bis bald sogar 30 Grad, nachts nach wie vor nur um die 3, geregnet hat es quasi überhaupt nicht und es ist auch kein Niederschlag angekündigt. Alles verbrennt, vertrocknet oder erfriert. Für Schutz und Schatten haben wir kleine Abdeckungen gebaut, teilweise auch mit großen Tüchern gearbeitet, aber es ist fraglich, wie die Ernte dieses Jahr ausfällt. Es ist ein bisschen ernüchternd und besorgniserregend, dass die Dürre auch hier in Schweden „schon“ so ein Thema ist. Über unseren Brunnen haben wir gehört, dass er nicht leer wird, aber bei Nachbarn ist dieser Fall bereits eingetreten. In den umliegenden Gemeinden gibt es bereits die Regel, kein kommunales Wasser mehr zur Pflanzenbewässerung zu verwenden, und ein Verbot von offnem Feuer (auch Grillen) gilt quasi überall. Im Folgenden ein paar Bilder mit Erklärungen dazu:

Die Abdeckungen der jungen Pflanzen als Schattenspender (oben) und Kälteschutz (unten um die Bohnen am Gerüst)
Links die Bohnen beim Einpflanzen, rechts ein paar Tage später… nicht viel übrig.
Den Himbeeren geht es bisher einigermaßen ok.
Im Gewächshaus sind unter anderem die Tomaten (links) und Chili (rechts).
Oberes Bild: die Kartoffeln beginnen zu wachsen. Unten: Auf die Apfelernte sind wir gespannt. Wie lange der Rasen noch so grün ist, ist leider fraglich.
Die Blätter der Gurken, Zucchini etc. sehen gelb und schrumpelig aus. Wir geben unser bestes mit Wasser und Düngung…
Bei aller Hitze, Trockenheit und Kälte sieht es teilweise trotzdem schön bunt aus: Flieder, Mohn und Korblumen blühen.
Dem Hochbeet geht es ganz gut, darin befindet sich Schnittlauch, Salat und Koriander. Eine alte Mülltonne haben wir mit Pferdemist gefüllt, darin wächst ein Kürbis.

Die Lupinen sehen nett aus und riechen angenehm, sind aber ein großes Problem, weil sie sich von Jahr zu Jahr weiter verbreiten und alles andere vertreiben. Letztens gab es den Anti-Lupinen-Tag, an dem dazu aufgerufen wird, sie inklusive der Wurzeln auszureißen und zu verbrennen (im Kompost würden sich die Samen weiter verteilen).

Auf dem unteren Bild ist unsere allabendliche Gieß-Station zu sehen: Jost gießt, stellt die leeren Kannen durchs Küchenfenster auf das davor stehende Regal, nimmt sich zwei volle Kannen mit und ich fülle die anderen in der Zwischenzeit wieder. Ob das reicht, um die Ernte zu retten – man wird sehen.

Direkt auf dem Misthaufen sind Kürbisse und Sonnenblumen eingepflanzt.

148) Über das Ankommen, Weitermachen und mein erstes Buch

Seit fast zwei Jahren leben wir inzwischen in Schweden, und ich hatte in meinem Leben bisher noch nie so sehr das Gefühl, angekommen zu sein, wie hier. Wenn ich in ruhigen Stunden in der Küche sitze, etwas trinke und die Natur in Stille betrachte, wenn ich Arbeit auf den Grundstücken verrichte und Getanes sehe und spüre, das sind für mich kleine Momente des Glücks. Dabei habe ich hier kein Glück gesucht. Eher ein ruhigeres, ursprünglicheres Leben. Temporäres Glück darf gern das Nebenprodukt eines solchen Lebens sein. Den Zeitgeist der „Jagd nach dem Glück“ durch Konsum von Dingen, Erlebnissen und Gefühlen verachte ich.
Ruhe habe ich hier gefunden und Raum für ein Leben, wie ich es mir vorstelle. Das ist für mich eine persönliche Genugtuung und ich sehe es auch als Belohnung dafür, dass ich und wir ein gewisses Risiko mit dem Auswandern nach Schweden eingegangen sind.

Ich habe in meiner Kindheit und Jugend, bis hin in das Erwachsenenalter, sehr viel Zeit in Krankenhäusern und mit Arztbesuchen und Therapien verbracht. Unter anderem litt ich bis ins Erwachsenenalter hinein unter teils schwerer Neurodermitis und musste ausgiebig spüren, welch körperliches und seelisches Leid das bedeutet. Diese Erfahrungen prägen mich bis heute. Darüber hinaus hatte ich in meinem Leben immer wieder mit depressiven Episoden zu kämpfen und habe also auch dieses dunkle Loch gut kennengelernt.
Das Kind, was ich war, hätte sich in seiner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung (das schreibe ich ohne Pathos, so war es faktisch) nicht in den kühnsten Träumen vorstellen können, einmal in Schweden zu leben und sich dort angekommen zu fühlen. An den verschiedenen Orten, an denen ich bisher gelebt habe, habe ich dieses Gefühl nicht gehabt, auch wenn es in den jeweiligen Momenten vielleicht die richtigen Orte waren.

Es war eine große Weichenstellung, nach Schweden zu ziehen. Damit einher ging das Gefühl, dass ich in meinem Leben alles erreicht habe, was ich erreichen wollte. Karriere im klassischen Sinn war mir immer fremd. Ich habe studiert, selbständig als Personal Trainer und Heilpraktiker gearbeitet, habe selber erfolgreich dafür gekämpft, zu gesunden. Also habe ich im Alter von 39 Jahren einen ganz neuen Schritt gewagt und habe mich seitdem in einem gewissen Vakuum befunden. Vielleicht war es auch eine erste Midlife-Crisis, nur dass ich jetzt statt eines roten Porsches ein rotes Schwedenhaus habe?!
Das Meiste hier am Alltag und an den Dingen, die zu tun sind, ist beziehungsweise war neu für mich. Das wird sicherlich auch noch eine Weile lang so bleiben, mir Herausforderungen stellen und mich zum Wachsen anregen . Trotzdem habe ich mich immer wieder gefragt, was der nächste größere Schritt für mich werden wird.

Dieser nächste Schritt wird unter anderem sein, mein erstes Buch zu schreiben. Es wird ein Buch über Neurodermitis und Depression sein, ein Buch darüber, wie Mindset, Lebensstil und individuell richtig ausgewählte Therapien einen Sieg gegen diese beiden Widersacher möglich machen. Was es nicht werden wird, ist ein allgemeiner Ratgeber mit generischen Tipps, wie es sie schon zuhauf gibt. Mein Ziel ist es, etwas zu schaffen, was gleichzeitig wertvoll und motivierend für Menschen ist, die selbst krank sind, als auch hilfreich für Menschen, die mit diesen Kranken zu tun haben.
Schaut man sich die Inzidenz der beiden Krankheitsbilder an, sollte der Bedarf für ein solches Buch definitiv vorhanden sein.
Normalerweise bin ich niemand, der seine Projekte groß öffentlich ankündigt. In diesem Fall mache ich es aber anders, weil ich mich bevor und während ich das Buch schreibe für Feedback sehr interessiere. Möchtest du von deinen eigenen Erfahrungen berichten? Möchtest du mich wissen lassen, was für Themen in einem solchen Buch deiner Meinung nach behandelt werden müssen? Was auch immer dein Anliegen diesbezüglich ist, bitte schreibe mir unter meinerstesbuch@posteo.de . Alle Nachrichten werden natürlich vertraulich behandelt und sollte ich private Erfahrungen aus den Mails in mein Buch einfließen lassen, wird das anonymisiert geschehen. Vorerst freue ich mich einfach über Austausch und Kontakte.
Zusätzlich habe ich locker angedacht, auch einen thematisch verwandten Youtube-Channel zu starten und werde diesbezüglich erste Tests durchführen.

147) Erdfräse geliehen

Schon Anfang des Jahres hatten wir die Idee, einige Stellen in unserem Garten und auf dem Feld diese Saison umzugraben und auf ihnen Blumenmischungen für Bienen, Schmetterlinge etc. zu säen. Die dafür notwendige Erdfräse gibt es in einem Geschäft in Årjäng auszuleihen, wonach wir bereits vor Wochen das erste Mal gefragt hatten. Allerdings war die Maschine lange Zeit defekt und musste repariert werden, so dass wir immer wieder nachgefragt haben und der Termin immer weiter nach hinten geschoben wurde. Wir waren oben auf der Warteliste, und jetzt war es schließlich so weit! Insgesamt hat das Timing sowieso gut gepasst, denn bis vor kurzem war der Boden eh noch gefroren…

Und so haben wir gestern das Gerät ausgeliehen und im Garten in Betrieb genommen. Begonnen haben wir mit einem Streifen um unsere Terrasse herum. Wir mussten erst ein bisschen herumprobieren, wie der Haltegriff, das Transportrad und die hintere Stütze eingestellt werden müssen, aber letztlich hat es gut funktioniert.

Die Arbeit, auch das Aufrechen der ausgehobenen Wiese durch Jost, war sehr anstrengend. Meine Unterarme und Handgelenke tun weh und ich bin von der vielen Sonne k.o., aber wir haben alles geschafft, was wir wollten: Die Streifen um die Terrasse herum, entlang der Straße, am Rand des Feldes sowie an den Seiten links und rechts der Einfahrt zum Holzschuppen (oberstes Bild) sind umgegraben, plus zusätzlich noch ein paar brache Stellen in der Nähe des Kartoffelackers. Überall sind verschiedene Blumenmischungen verstreut und dank des heutigen Regens auch gut gewässert.

Zu guter Letzt habe ich noch eine kleine Stelle vor der südlichen Wand eines unserer Schuppen freigefräst und dort Himbeeren gepflanzt, die ich geschenkt bekommen habe! Danke nochmal 😊☀️

146) Johannisbeeren eingezäunt

Heute haben wir den sonnigen Tag wieder genutzt und im Garten gearbeitet. Ich habe aus den Holzlatten eines Bettes, das hier im Haus stand, als wir eingezogen sind, und das wir nicht benötigen, die Gerüste für vier unserer Johannisbeer-Büsche gebaut. Die Handkreissäge war im Schuppen der Hütten, ebenfalls von den Vorbesitzern. Hier ein paar Bilder:

Jost hat währenddessen das Beet bearbeitet, das ganz vorne am Weg liegt. Es war ziemlich überwuchert und musste erst freigelegt werden. Jetzt sind verschiedene Blumen wie Sonnenhut, Löwenmäulchen, Levkojen und Astern neu eingepflanzt. Die Melisse war letztes Jahr schon drin und kommt auch wieder.

Der Blick in unsere Küche ist momentan, wie man sieht, etwas dschungel-artig: Wir haben zwar im Vergleich zu letztem Frühling ein zusätzliches Regal für die Gemüsepflanzen, aber es sind auch erstens insgesamt mehr als 2022 und zweitens sind sie jetzt schon größer, weil der Winter so lang war und sie noch nicht raus konnten. Aber bald ist es soweit, dann kommt alles ins Gewächshaus und in die Beete. Voraussichtlich nächste Woche!