15) Komfortzonen

Durch eine Nachfrage schreibe ich jetzt mal einen Beitrag, der weniger davon handelt, WAS wir hier machen, sondern wie es mir mit all dem so geht, was wir hier machen. Insgesamt möchte ich vorwegnehmen: Ich fühle mich sehr wohl und ich hatte keinen Moment, in dem ich die Entscheidung nicht gut fand. Ich habe hier Ruhe und Klarheit im Kopf in einem Ausmaß, das ich davor gar nicht kannte. Nicht konstant jede Minute bisher, aber sehr deutlich spürbar. Auf die ganzen vielen Bereiche, die mich hier mit Freude und Vorfreude erfüllen (täglich wilde Tiere sehen, Sonnenauf- und -untergänge, kilometerlange Spaziergänge ohne jemandem zu begegnen, irgendwann selbst Gemüse anbauen…) gehe ich jetzt erstmal nicht weiter ein, sondern konzentriere mich auf die Komfortzonen, die ich durch den Umzug verlassen habe bzw. die hier verändert wurden. In vielerlei Hinsicht ist es jetzt ja bewusst „unbequemer“ als vorher.

  • Menschen: der größte und wichtigste Komfort, den ich auch mit Abstand am meisten vermisse, sind meine Familie und meine Freunde. Das ist durch nichts ersetzbar, und zum Glück kann man telefonieren und schreiben. Um Leute hier kennenzulernen, werde ich mit der Schüchternheit konfrontiert, einfach jemanden anzusprechen und offen für neue Bekanntschaften zu sein. Auch das ist außerhalb meiner Komfortzone.
  • Haushalt: Hier fällt mir das Abspülen per Hand am meisten auf, weil eine Spülmaschine, die wir nicht haben, großen Komfort bedeutet. Andere bisherige Tätigkeiten waren auch außerhalb meines gewohnten Bereichs: das erste mal Feuer im Ofen im Haus machen, handwerkliche Arbeiten wie den Briefkasten zu montieren. Aber das macht mir gleichzeitig auch sehr viel Spaß.
  • Temperatur: Wir heizen aktuell nur das Haupthaus mit dem Feuerholz im Ofen, auf dem wir gleichzeitig kochen. In meiner Hütte hat es 12°C, das ist an sich auch ein Komfort-Verlust, aber ich könnte die Elektro-Heizung anmachen, wenn ich es wärmer will. Auch den Boiler könnten wir anschalten, um warm duschen zu können. Bisher ist es eine bewusste Entscheidung – mal sehen, wie es im Winter wird.
  • Kleidung: damit meine ich, dass meine Komfortzone bzw. das täglich Bekannte das war, wie ich mich als Lehrerin anziehe. Damit komme ich hier nicht weit. Hier geht es darum, dass die Kleidung warm und praktisch ist, und dass es in Summe nicht zu viel ist (begrenzter Platz im Schrank). Ich werde noch einiges aussortieren von meinen ganzen Pullis, Schuhen und Kleidern. Ein paar Outfits für die „Stadt“ reichen vollkommen. Gleichzeitig will ich aber ja auch hier am Grundstück nicht immer nur in Gummistiefeln, Arbeitshose und Oversize-Pulli rumlaufen…
  • Beruflich: meine bisherige Komfortzone ist „fest angestellt als Lehrerin“. Da weiß ich, dass ich das kann (oder gibt es Einwände von ehemaligen SchülerInnen? 🙂 ), und da kommt jeden Monat ein vorhersehbarer Betrag Geld rein. Jetzt bin ich selbständig und auch auf Arbeitssuche hier (das wird relativ schnell gehen, weil alle sagen, wie sehr Lehrer gesucht werden). Aber als was genau ich dann arbeiten werde und für wieviel Geld, und auch der Aufbau meiner Selbständigkeit ist mir nicht vertraut und deshalb zunächst außerhalb meiner Komfortzone.
  • Sprache: Auf Englisch zu kommunizieren fällt mir leicht, nur ungewohnt ist es trotzdem. Schwedisch ist an sich nicht schwer, aber richtig lernen geht besser im Kurs als per App, und der beginnt voraussichtlich erst in ein paar Monaten, da die Warteliste lang ist.
  • Finanzen: auch wenn es hier in der Dimension nicht vergleichbar ist mit München, bedeutet der Grundstücks-Kauf trotzdem das Hantieren mit für mich großen Beträgen und das Treffen von wichtigen und teuren Entscheidungen, was man anschafft (auch das Auto zum Beispiel). Derartige Investitionen hatte ich bisher nie, daher ist das neu und ungewohnt.
  • Alltag: wir haben hier zwar auch einen Fernseher, der war aber noch nie an. Abends spielen wir manchmal was, das ist auch eine (schöne) Veränderung. Das Internet funktioniert inzwischen mit Router zumindest ok. Andere Bequemlichkeiten fallen weg: kurz noch was um die Ecke einkaufen, mal Essen liefern lassen etc. geht hier nicht, das ist aber vollkommen in Ordnung so. EDIT: Und es ist unkomfortabler als gewohnt, dass man, wenn man zum Beispiel kurz während des Abendessens auf die Toilette muss, dafür Schuhe, Jacke und Taschenlampe braucht 😀

Fragt gerne weiter alles, was euch interessiert. Bis dann!

sandrasverige@gmx.de

14) Glaskogen

Erstmal: Ich weiß ja nicht, ob ehemalige Schülerinnen und Schüler von mir diesen Blog hier mitlesen, aber ich wünsche euch jedenfalls einen guten Start heute nach den Sommerferien! 🙂

Das Naturreservat Glaskogen ist ungefähr eine dreißigminütige Autofahrt Richtung Südosten von uns entfernt. Hier befindet sich ein Wanderwege-Netz aus 300 Kilometern rund um den See Stora Gla. Die ersten zehn Kilometer davon kennen wir schon, denn die sind wir bereits letzte Woche am Samstag spaziert, bevor wir unsere drei Hütten vor dem Einzug ausgemessen haben.

Heute sind wir auch wieder hingefahren und haben eine Wanderung gemacht. Immer wieder sind an den Wegen Plätze zum Grillen und Zelten, das ist auch im Naturreservat gegen eine geringe Gebühr möglich. Es gibt Windschutzhütten, Stellplätze für Wohnmobile und Vorräte von Feuerholz für Lagerfeuer. Angeln darf man sowohl vom Ufer, als auch vom Ruderboot aus, die Boote kann man sich einfach ausleihen. Die Wege sind insgesamt auch super zum Joggen oder Mountainbiken geeignet, und auf den Seen kann man mit dem Kanu fahren, auch dafür gibt es einen Verleih an der Campingplatz-Information.

Glaskogen Naturreservat

Heute sind wir, wie auch letztes Wochenende, ganz in die Mitte der Karte nach Lenungshammar gefahren und dort gestartet. Tupperdosen hatten wir diesmal leider keine dabei, die hätten wir sonst ziemlich schnell mit Blaubeeren und Preiselbeeren füllen können.

Feuerholz, Ruderboot und Wegmarkierungen entlang des Övre Gla

Zur Fika waren wir wieder daheim und haben zum Kaffee die Kekse von einer Nachbarin gegessen, die gegenüber von unserer Wiese eine Backstube betreibt und uns ein Willkommensgeschenk gemacht hat: Plätzchen und Vollkornsemmeln! Ihr Vater ist der Farmer, der für die Vorbesitzer hier am Grundstück auf dem Feld mit seiner Maschine immer den Rasen gemäht hat. Das kostet nichts, denn im Gegenzug nimmt er das gemähte Gras mit und verfüttert es. Das macht er für uns dann weiterhin.

Gerade wird der Holzofen das erste mal genutzt, wir machen Spiegeleier und kochen das Abendessen darauf. Es funktioniert super und ist sehr energiesparsam, weil wir dadurch mit etwa 4 bis 5 Holzscheiten den Herd und auch die Heizung für einen Abend ersetzen können.

Morgen fahren wir wieder nach Karlstad. Bis dann!

13) Jagdhelfer

Das ist jetzt auch für mich ein neues Thema, aber ich beschreibe es euch einfach mal. Einmal im Jahr ist Elch-Jagd hier, und zwar drei Tage lang im Oktober. Das hat uns der Vorbesitzer erzählt, als wir gemeinsam am Grundstück waren. Er ist Prüfer im Jagdverbund, daher kannte er sich bestens aus und konnte auch den Kontakt zu den Ansprechpartnern herstellen.

Für mich persönlich stellt Jagen die natürlichste Form dar, wenn man Fleisch essen möchte. Alle noch so rücksichtsvollen Tierhaltungsarten kommen nicht an ein komplettes Leben in Freiheit und ohne jeglichen Transport heran. Weiterhin bedeutet es auch, dass man extrem viel über die verschiedenen Tiere und die Umwelt wissen muss. Die Prüfung für den Jagdschein beinhaltet lauter für mich wirklich spannende Themen: Raubvögel und andere Tiere erkennen können, Spuren lesen, Naturschutz… das spricht mich alles grundsätzlich sehr an.

Ich möchte den Jagdschein daher auch machen. Das ist etwas unkomplizierter und wesentlich günstiger als in Deutschland, weil Jagen hier kein Sport für eher reiche Leute ist, sondern zur Nahrungsversorgung ganz normal. Ob ich dann am Ende wirklich jagen werde, kann ich noch nicht sagen. Keine Ahnung. Einerseits muss man das Wild, das man geschossen hat, auch selbst ausnehmen, und das ist sicher erstmal ziemlich heftig. Andererseits will ich, weil ich auf Fleisch in der Ernährung nicht verzichte, auch damit klarkommen, wie es „produziert“ wird und das auch selbst können oder dabeigewesen sein, anstatt diese vielleicht unangenehme Arbeit auszublenden. Ich kann Vegetarier/Veganer aus dieser Perspektive absolut verstehen, bin es aber selbst nicht.

Naja, jedenfalls ist die Elch-Jagd also im Oktober, und an zwei Samstagen im September wird vorher der Wald in dem ausgewiesenen Bereich vorbereitet. In unserem Gebiet sind es zwei erwachsene Elche und zwei Jungtiere, die pro Jahr erlegt werden. Wenn alle vier schon am Montag geschossen werden, ist die Jagd vorbei. Ansonsten geht es am Dienstag und zur Not noch am Mittwoch weiter, dann ist Schluss. Es sind hier, wenn ich es richtig verstanden habe, 17 Jäger und ca. 10 Helfer in unserer Gruppe. Unter all diesen Personen bzw. Haushalten wird das Fleisch dann aufgeteilt.

Heute war einer dieser Vorbereitungs-Samstage. Treffpunkt war um 8 Uhr früh. Ungefähr zwanzig Leute haben sich an der Hütte des Jagdvereins getroffen, davon drei Frauen inklusive mir. Einige haben Englisch oder ein paar Worte Deutsch gesprochen und das wichtigste übersetzt. Dann haben wir uns in Gruppen aufgeteilt, ich war in einer Vierergruppe mit Marianna, Lars und Matthias. Wir sind ein kurzes Stück gefahren und dann durch den Wald marschiert. Lars hatte eine kleine Axt dabei, Matthias eine Baumschere, Marianna ein rotes und ich ein blaues Band. Alle ungefähr 300 Meter hat Lars einen guten Platz gesucht, an dem dann in vier Wochen ein Jäger sitzen soll. Diese Plätze wurden rot markiert, und die Wege dazwischen blau:

Matthias hatte außerdem eine Jagd-App mit GPS an, in die er alle roten Punkte eingetragen und mit den anderen Gruppen geteilt hat. Am Tag der Jagd selbst sind darüber dann alle miteinander verbunden, sowohl die Jäger als auch die Helfer, die klatschend in einer Linie durch den Wald laufen werden.

Laut Lars sind seine Kriterien, was einen guten Platz ausmacht: „1. Sicherheit, 2. Ein bequemer Sitzplatz, 3. Gute Sicht zum Schießen“, in dieser Reihenfolge. Mit der Sicherheit sind die Abstände zueinander gemeint, und für die Sicht haben er und Matthias teilweise in der Nähe der rot markierten Punkte ein paar Äste von den umstehenden Bäumen entfernt. Und einen bequemen Sitzplatz für die Kaffeepause während unserer Arbeit hat er auch zielsicher gefunden. Insgesamt waren wir ungefähr 3 Stunden beschäftigt.

Alle waren wirklich nett und ich bin gespannt, wie es dann im Oktober wirklich wird. Aber das ist jetzt einfach mal der Bericht über den ersten Kontakt mit dem Thema Jagd hier. Bis dann!

Fortsetzung:

Beitrag 20: Jagd

Beitrag 21: Verteilung

12) Holzofen

Inzwischen wohnen wir ein paar Tage hier und fühlen uns sehr wohl. Es ist einiges zu tun, viele Telefonate und Termine bezüglich z.B. der Stromversorgung, der Versicherung, der Post und der Müllabfuhr. Aber es geht voran, und bald sollten die grundlegenden Dinge geklärt sein! Bisher waren alle Mitarbeiter freundlich und hilfsbereit, selbst wenn etwas eigentlich nicht zu ihrem Aufgabenbereich gehört hat. Und Englisch zu sprechen ist nie ein Problem.

Wir machen abends meistens einen langen Spaziergang und kochen danach. Die Sonnenuntergänge sind so schön, und man sieht sehr viele Tiere. Täglich Rehe und Raubvögel, und zum Beispiel auch diese riesige Libelle auf unserer trocknenden Wäsche draußen…

Der Elch-Count ist auf dem Spaziergang gestern Abend auf 8 angestiegen, eine Elchkuh mit Jungem wieder! (ohne Foto)

Am Mittwoch war der Schornsteinfeger da und hat alles überprüft. Ab jetzt könnten wir unseren Holzfeuer-Kamin als Herd und Ofen nutzen, und natürlich als Heizung. Aktuell sind die Temperaturen noch ziemlich warm, wir schalten nichtmal die Elektro-Heizungen an, und auch den Boiler für Warmwasser haben wir bisher nicht genutzt. Warm duschen geht auch nach dem Training im Fitnessstudio. Aber im Winter ist es sicher gut, mehrere Optionen zum Aufwärmen zu haben!

Unser Kamin inkl. Herd und Backofen. Das haben wir aber beides auch zusätzlich noch in der Küche.

Nach diesem Kontrolltermin sind wir am Nachmittag nochmal nach Karlstad gefahren, einerseits für ein paar Besorgungen im IKEA etc., und andererseits zur Abholung unserer bestellten Lebensmittel beim dortigen Reko-Ring. Jetzt sind der Kühlschrank, das Gefrierfach und die Vorrats-Regale randvoll, das ist sehr schön und ich freu mich auf jede Mahlzeit. Es wird umso cooler, wenn das Gemüse aus den eigenen Beeten bzw. dem Gewächshaus und die Eier irgendwann von den eigenen Hühnern kommen werden. Auch Schafe fürs Rasenmähen/Düngen und für die Milch sind eine Idee, da würde ich dann gerne probieren, Käse selbst herzustellen. Aber eins nach dem anderen. Bis dann!

11) Einzug

Am Samstag haben wir in unseren drei Häusern (ca. 17, 16 und 10 Quadratmeter) nochmal ausgemessen und überlegt, was wir zusätzlich brauchen. Es ist nicht viel, weil sie alle vollständig möbliert sind und wir erstmal möglichst wenig besorgen wollen. Lieber schauen wir nach und nach, was wirklich notwendig ist, denn für viele Sachen, die rumstehen, ist einfach wirklich kein Platz. Mir gefällt das, auch wenn es sicher teilweise eine Herausforderung und Umstellung wird.

Aber ein bisschen was haben wir am Sonntag trotzdem gekauft. Karlstad ist die nächste große Stadt und ungefähr eine Stunde zwanzig von uns weg, hier ist auch das Bergvik Einkaufszentrum (wie das Pep oder OEZ). Da waren wir dann gestern, und anschließend direkt nebenan im original schwedischen IKEA, auf dessen Parkplatz eine kostenlose Ladestation ist. Die Geschäfte haben sonntags geöffnet. Danach ging es schon langsam ans Ausräumen und Einrichten:

Das rechte Haus ist unser Wohnzimmer mit Küche, und von den beiden Häusern links ist das untere meins, in dem abgetrennt auch das Bad ist. Dazwischen sieht man unseren Brunnen.
Die ersten Veränderungen in meinem Zimmer sind passiert: die Plastikpflanzen und das viele Lila, das drin war, sind schonmal verschwunden 😉

Heute, am Montag, sind wir aus unserer letzten Unterkunft ausgecheckt. Die Gastgeber haben uns angeboten, dass wir uns zu allen landwirtschaftlichen Themen gerne an sie wenden können, oder auch einfach so mal zum Kaffee vorbeikommen. Jetzt gerade räumen wir die Häuser ein, und es fühlt sich richtig gut an. Das Hochladen dieses Beitrags wird der erste Test, wie schnell das Internet hier ist. Wenn ihr Fragen habt oder euch etwas Bestimmtes interessiert, schreibt mir… Bis zum nächsten Mal!

Übrigens kommt die Dorothee auf ihrem Weg mit dem Rad gut voran. Hier ist der Link zu der Seite, auf der ihr die täglichen Updates und Fotos sehen könnt. Und hier war sie auf einem Titelblatt:

Zeitung von Norrköping

sandrasverige@gmx.de