34) Advent

Hier in Schweden ist der Advent optisch eine besonders schöne Zeit. In vielen Fenstern sieht man Lichter leuchten. Meistens sind es kunstvolle weiße Papiersterne oder treppenartig im Dreieck angeordnete Dekorationen aus Holz. Sie trotzen symbolisch den langen, kalten und dunklen Nächten.

Ein wichtiges Fest findet jedes Jahr am 13. Dezember statt, das ist der Lucia-Tag. Hier ist es Brauch, dass an diesem Tag in den Schulen festliche Umzüge stattfinden, bei denen die Kinder ganz weiße Gewänder und einen Kranz aus Kerzen tragen. Teilweise besuchen die Klassen dann auch ihre Lehrerinnen und Lehrer daheim und singen dort. Das typische Gebäck für diesen Tag sind die eingedrehten Lussekatter:

Frische Lussekatter oben rechts von unserer benachbarten Bäckerei.

Die typischen Weihnachtskekse hier sind die Pepparkakor. Von einem Nachbarn haben wir eine selbstgebackene Portion geschenkt bekommen, und sie waren hervorragend. Er war es übrigens auch, der uns letztens den Ofen-Ventilator vor die Tür gestellt hat, wenn ihr euch erinnert… Das Rätsel ist gelöst! Er meinte, er wollte uns einfach ein kleines Willkommensgeschenk machen.

Weihnachtsfeier als Kurs-Abschluss im SFI. Die Lehrer haben uns Essen und Trinken mitgebracht.

Die Schweden verschicken so gerne und so viele Weihnachtskarten, dass im Dezember zusätzliche Briefkästen extra für die Julpost aufgestellt werden. Es gibt dafür dann auch gesonderte Briefmarken, die innerhalb des Landes etwas günstiger sind als normal.

Von einer Bekannten aus dem Jagdverein haben wir einen selbstgemachten Kranz aus Zweigen bekommen, der mit einem roten Band an der Haustür aufgehängt werden soll. Eine andere Nachbarin hat uns selbstgemachten Glühwein vorbeigebracht nach einem dreihundert Jahre alten norwegischen Rezept mit Preiselbeeren, Nüssen und weiteren Zutaten. Mit unserem Adventskalender, der Schokolade aus dem Värmland beinhaltet, und mit dem Adventskranz auf dem Tisch hatten wir insgesamt eine gemütliche Vorweihnachtszeit. Aber es sind besonders die Menschen in der Umgebung, die für ein echtes, ehrliches Gefühl von Wärme und Miteinander sorgen. 🎄

P.S.: Immer um 15 Uhr Nachmittag am 24. Dezember läuft in Schweden übrigens der Zeichentrickfilm „Kalle Anka“ („anka“ heißt Ente) im Fernsehen, und danach kommt Tomte, der Weihnachtsmann, mit den Geschenken.

„Jul i Ankeborg“ heißt: Weihnachten in Entenhausen 🙂

33) Winter

Der Beitrag über meine Gedanken dazu, wie aktuell über die gegen Corona Ungeimpften gesprochen wird, ist innerhalb von 9 Tagen der am häufigsten gelesene Artikel dieses Blogs geworden. Das freut mich, denn es ist auch meiner Ansicht nach der wichtigste.

Schneekristalle

Der Winter ist schon seit Ende November hier. Es war jetzt ungefähr zwei Wochen lang Tag und Nacht zwischen minus 15 und minus 10 Grad kalt. Die weiße Landschaft und besonders die Sonnenuntergänge über den verschneiten Feldern sind wunderschön und ich kann es manchmal kaum glauben, hier zu wohnen und so viele Tiere und Natur direkt um mich herum zu haben. Überall Hasen-Spuren, Rehe, Füchse…

Eine Elch-Spur im Feld.

Natürlich hat sich auch an den unkomfortableren Seiten nichts geändert. Wir heizen mehr als zuvor und verbrauchen daher ziemlich viel Holz und Strom. Wir müssen die Fenster jeden Morgen von innen abtauen und enteisen, weil das Kondenswasser vom Atem in der Nacht gefriert, und manchmal müssen wir das Eis von der Badezimmer-Tür abkratzen oder wegföhnen, damit sie wieder richtig auf oder zu geht. Es ist also noch immer ein ganz schönes Abenteuer hier zu sein, und daran wird sich wohl auch (hoffentlich…?) so schnell nichts ändern.

Heute früh hatte es aber nur 0 Grad und die Nacht war viel wärmer, als die letzten. So soll es anscheinend auch die nächsten paar Tage bleiben, und auch mehr Schnee ist vorhergesagt.

Oben links eine Katze vor unserer Sauna. Oben rechts ein Fuchs auf einem zugefrorenen Bach. Unten links ein Hase. Und unten rechts ein Elch, der über einen Stacheldrahtzaun gestiegen ist…

Eine Neuigkeit ist der erfolgreiche Abschluss des ersten SFI-Kurses, so dass es bis Mitte Januar erstmal keinen Schul-Alltag mehr gibt. Jetzt kann ich das Tageslicht, das momentan zwischen 9 und 15 Uhr ungefähr da ist, noch besser draußen an der frischen Luft nutzen, auch wenn es teilweise etwas Überwindung braucht, rauszugehen. Schon bald ist der kürzeste Tag, und dann geht es wieder aufwärts mit der Helligkeit!

Schon über 100 Tage Schwedisch lernen mit der App…

32) Schnee

Vielen Dank erstmal für das Feedback und den Austausch zu meinem vorherigen Beitrag. Ich freu mich sehr darüber!

Heute ist hier der erste Schnee gefallen, etwas später als in München. Es war bisher zwar auch schon alles ganz weiß und glitzernd, aber nur durch Frost. Die letzten Tage hatte es draußen nachts etwa -15 Grad und tagsüber wurde es nicht wärmer als minus zehn. Das Wohnhaus kühlt daher aktuell über Nacht auf etwa zwölf Grad ab und in den Schlafhäusern, die keine so gute Isolation haben, werden es etwa fünf oder sechs.

Im Bad lassen wir fast durchgehend die Heizung an mit dem Thermostat auf fünf Grad, damit die Wasserleitungen nicht kaputtgehen. Mit den Elektro-Heizungen in allen drei Hütten und dem Holzofen in der Küche kriegen wir die Häuser aber so warm wie notwendig, um es gemütlich zu haben! Wir haben auch dicke Bettdecken, jeder hat inzwischen eine Wärmflasche, für die wir das Wasser über dem Feuer erhitzen, und für den „Notfall“ auch eine elektronische Heizdecke. Alles in Ordnung!

Die Nachbarn sind sehr aufmerksam und fragen, ob wir es warm genug haben. An einem Nachmittag stand, als wir vom Spaziergang zurückgekommen sind, plötzlich ein brandneuer Ofen-Ventilator in Originalverpackung vor unserer Tür. Man kann ihn direkt auf die Platte stellen und er geht durch die aufsteigende Hitze automatisch an, so dass die warme Luft im Raum verteilt wird, anstatt direkt nach oben zu ziehen. Wir wissen nach wie vor nicht, wem wir das zu verdanken haben, aber werden es versuchen herauszufinden…

Auch heute war klarer Himmel. Die Sonnenauf- und -untergänge sind dann jedes mal wieder wunderschön. Und viele Tierspuren sieht man überall deutlich… Vorhin sind beim Joggen zwei Rehe vor mir weggehoppelt, die wenige Meter vom Wegrand entfernt im Gebüsch standen.

Wir haben die Räume weihnachtlich dekoriert und, wie viele hier, einen weißen, leuchtenden Stern im Fenster. Es fühlt sich festlich und natürlich an, hier die Vorweihnachtszeit mit Fika und leckerem Essen zu verbringen. Einen schönen Advent euch allen, wer ihn feiert!

Meine Gedanken dazu, wie aktuell über die gegen Corona Ungeimpften gesprochen wird

In Schweden fühle ich mich sehr sicher. Auch hier werden Abstände eingehalten, es stehen überall Desinfektionsmittel bereit, man schüttelt sich nicht mehr die Hände. Man bleibt daheim, wenn man krank ist, anstatt das wie vor Corona manchmal für die Arbeit oder soziale Kontakte auf die leichte Schulter zu nehmen. In meinen Augen werden hier bisher die sinnvollen Maßnahmen umgesetzt, aber nicht die, deren psychische / soziale / körperliche / wirtschaftliche Nachteile verheerend sein können, wenn man herauszoomt und das Gesamtbild betrachtet, anstatt ausschließlich auf das Thema Virus zu schauen. Ich habe auch das Gefühl, die Menschen halten sich hier eher freiwillig daran, anstatt dass ihnen etwas vorgeschrieben oder verboten wurde. Es ist eine ganz andere Herangehensweise, die mir persönlich mehr zusagt. In Schweden hat für die Menschen eine Empfehlung der Regierung aber auch, so verstehe ich es zumindest, einen höheren Verbindlichkeitscharakter, da das Vertrauen in die Politik hier grundsätzlich nicht so sehr durch z.B. Widersprüche und Richtungswechsel verringert wurde.

Ich bin auch geimpft. Nicht aus Angst vor einer Infektion (da ist die Minderung des Risikos eines schweren Verlaufs aber natürlich ein guter Effekt), sondern aus Angst davor, bei meinen Besuchen in Deutschland durch dortige Regelungen euch, also die Menschen, die mir wichtig sind, nicht treffen zu dürfen oder etwas mit ihnen unternehmen zu können. Das wäre für mich nach der großen, auch emotionalen Entscheidung auszuwandern ziemlich schlimm, daher hoffe ich, zukünftig keine Einreisebeschränkungen und Quarantäne zu haben. Ich bin auch genau wie die allermeisten anderen Menschen optimistisch und glaube nicht, dass die Impfung irgendwelche bisher unerkannten Langzeitfolgen haben wird. Ich bin also keineswegs gegen die Impfung, sondern nur umso vehementer gegen deren Verpflichtung und zwar unabhängig davon, ob sie ungefährlich ist und auch davon, ob ich eine Entscheidung gegen die Impfung verstehen kann oder nicht. Ich bin sowohl gegen die gesetzliche, explizite Pflicht, als auch gegen die implizite Pflicht durch 2G und auch gegen jegliche Schuldzuweisungen an Ungeimpfte.

Wovor ich wirklich große Angst habe, ist, dass mein Bild von Deutschland als freiem Land nicht mehr der Realität entspricht (natürlich auch das von vielen anderen Ländern). Jeden Tag öffne ich die Tagesschau-Seite und habe Angst davor, neue Überschriften zu sehen, die härtere Maßnahmen fordern, die eine Impfpflicht als einzige und relativ einfache Lösung für ein viel komplexeres Problem darstellen und die das Potential haben, nicht nur abstrakt „die Gesellschaft“, sondern ganz konkret Familien und langjährige Freundschaften zu spalten. Es sind da inzwischen üble Dinge sagbar bzw. schreibbar und salonfähig, die bis vor Kurzem aus guten Gründen unvorstellbar gewesen wären. Ich fände es gefährlich, wenn durch eine Impfpflicht das Solidaritätsprinzip gegenüber Ungeimpften aufgekündigt wird und eine Entscheidung über den eigenen Körper (ggf. ein halbjährliches Impf-Abo für die gesamte Lebenszeit) dem Interesse der Allgemeinheit untergeordnet wird. Eine solche Impfpflicht zieht weitere riskante, dann aber notwendige Maßnahmen zu ihrer Kontrolle nach sich. Mir persönlich fallen leider aktuell auch nicht genügend Gründe ein, die dann noch dagegensprechen würden, für die nächsten Viren bzw. Krankheiten weitere Impfpflichten oder Präventionsmaßnahmen zu beschließen. Das ist ein Schritt von Individualismus hin zu Kollektivismus, der beispielsweise für eine endgültige, einmalige Impfung gegen Polio oder Masern absolut angemessen, gerechtfertigt und sinnvoll ist. Und Covid ist selbstverständlich ebenfalls eine Krankheit, die man nicht bekommen und nicht weitergeben möchte. Aber es ist für mich nicht DIE eine Krankheit, die seit fast zwei Jahren über allen anderen Problemen zu stehen hat und der vieles andere untergeordnet werden sollte.

Kein Mensch hat meiner Ansicht nach an der Überlastung der Krankenhäuser moralische oder rechtliche Schuld, solange er nicht dann, wenn er weiß, dass er Corona hat, absichtlich andere Menschen versucht anzustecken. Bei einer solchen Tat hört Freiheit und Toleranz selbstverständlich da auf, wo sie jemand anderem schadet. Die Überlastung ist seit Jahren existent und das Problem wurde nicht angegangen. Ich hoffe daher, dass zukünftig im Gesundheitssystem nicht mehr Triage-erzeugend gespart wird und die Krankenpflege so schnell es geht eine Verbesserung bei den Arbeitsbedingungen und der Entlohnung erhält, so dass es bald genug Personal und genug Geld für genug Krankenhausbetten gibt. Und dass außerdem allgemein ein größeres Bewusstsein für ein starkes Immunsystem entsteht, anstatt es durch Stress, Masken und Kontaktvermeidung dauerhaft zu schwächen. Der beste Zeitpunkt wäre vor 20 Jahren gewesen, der zweitbeste Zeitpunkt sofort zu Beginn der Corona-Thematik, aber zumindest der drittbeste Zeitpunkt dafür ist jetzt.

Sicherheit ist definitiv wichtig, aber wenn es hart auf hart kommt und ich mich für Freiheit oder für Sicherheit als höchsten Wert entscheiden müsste, unter anderem auch als Grundlage einer Demokratie, würde ich Freiheit nehmen. Ich meine nicht die, die ich zurückerhalte, wenn ich mich ab jetzt regelmäßig impfen lasse und dafür Restaurants besuchen darf. Und auch nicht die, bei der eine Entscheidung zunächst freiwillig ist, aber wenn sich dann nicht ausreichend viele Menschen auf die gewünschte Weise entscheiden, etwas doch verpflichtend wird. Sondern die, Entscheidungen über meinen Körper grundsätzlich selbst treffen zu können, unabhängig von der Ungefährlichkeit einer Impfung und von der Höhe einer Inzidenz oder neuer Mutationen. Das wird aktuell manchmal „Faseln von Freiheit“ (in einem SZ-Artikel) oder „Philosophie im Elfenbeinturm“ (in einem Gespräch) genannt. Standhafte moralische Werte sind in einer Gesellschaft aber nach allem, was ich weiß, in Zeiten von Krise und Chaos umso WICHTIGER, und nicht etwa genau dann vernachlässigbar. Sie müssen in der Realität die Grundlage von solchen wichtigen Entscheidungen bleiben, auch dann und GERADE dann, wenn sie dem Alltag gefühlt „im Weg stehen“ und es vielleicht einfacher erscheint, sie ausnahmsweise zu übergehen.

Hier jetzt in diesem Beitrag auf „Veröffentlichen“ zu klicken, ist für mich eine sehr (!) große Überwindung. Aber ich hab mich getraut hier her zu ziehen, ich trau mich das jetzt auch. In beiden Fällen würde ich es sonst vielleicht irgendwann bereuen, es nicht zumindest versucht zu haben.

31) Wege

Das Zitat vom allerersten Blog-Beitrag bekommt jetzt eine weitere Bedeutung:

Genau wie die Wiese mit der Zeit vom Parken immer matschiger geworden ist, bis wir die Einfahrt gekiest haben, sind auch die Wege zwischen den drei Hütten inzwischen immer rutschiger geworden, weil wir sie täglich gehen, um zum Beispiel von der Küche ins Bad zu kommen. Die Vorbesitzer waren zu selten und nicht bei so viel Regenwetter hier, als dass dadurch bleibende Spuren im Gras entstanden wären. Wir haben verschiedene Optionen abgewogen (z.B. Kies, Steinfliesen, Holzlatten…) und uns dann für Rindenmulch als Material für den Bau entschieden.

Derjenige, der bei der nahegelegenen Kiesgrube arbeitet und uns die Einfahrt gemacht hat (Beitrag 22), war der gleiche Nachbar, der privat Pferde besitzt und uns den Mist für das Hügelbeet gebracht hat (Beitrag 28). Und er hat nun auch den Mulch auf seinem Anhänger geliefert, den er morgen leer wieder abholt. Das Wort „Nachbar“ ist vielleicht etwas missverständlich, da er ca. 12 km entfernt wohnt, aber für hiesige Verhältnisse ist das trotzdem noch indirekt die Nachbarschaft, weil auf der Strecke dazwischen einfach nicht sehr viele Häuser stehen…

Wie schon bei dem Beet habe ich mich, ohne selbst etwas beizutragen, auch bei diesem Projekt sehr über die Arbeit meines Mannes gefreut. Er hat mit dem Rindenmulch gestern und heute die Wege angelegt, so dass der Niederschlag und unsere Gummistiefel den Boden ab jetzt nicht mehr so zerstören können.

Wie geht es ansonsten so? Vieles von dem, was ich zum Beispiel in den Beiträgen über Komfortzonen (Nummer 15) und Wärme (26) geschrieben habe, verstärkt sich aktuell durch die zunehmende Kälte und Dunkelheit. Vorgestern, als wir am Rinnen waren, war es plötzlich unerwartet warm draußen. Zehn Grad, und wir beide haben sofort den positiven Effekt davon auf die Psyche und den Körper gespürt. Ich werde aber auch langsam immer robuster, das gefällt mir. Mit der Dunkelheit geht es momentan eigentlich noch ganz gut. Das Abendrot ab drei Uhr nachmittags ist zwar ungewohnt, aber eigentlich ok. Mal sehen, wie das in den nächsten vier Wochen bis zur Wintersonnwende noch wird.

Nochmal besonders hervorheben möchte ich die Hilfsbereitschaft der Menschen. Wir waren uns beispielsweise unsicher, ob das Gras auf unserem Feld vor dem Winter nochmal gemäht werden muss, um Schneeschimmel zu verhindern. Keiner von uns hat ja einen landwirtschaftlichen Hintergrund, daher ist alles neu und wir lernen viel. Ein Nachbar, den wir von der Jagd kennen, ist sofort kurz runtergekommen (er wohnt hinter einem Hügel, ca. 2 km entfernt), hat es sich angeschaut und uns beruhigt, dass wir es so lassen können. Also wieder eine Sorge weniger! 😀