39) SFI

Inzwischen hat der SFI C begonnen, also das nächste Level des für alle Einwanderer kostenlosen Sprachkurses. Es ist eine andere Lehrerin und eine größtenteils neue Lerngruppe. Das Klassenzimmer ist aber im gleichen Gebäude des Gymnasiums in Årjäng und auch der Ablauf ist unverändert viermal pro Woche bis mittags oder nachmittags.

Aktuell findet der Unterricht per Teams online statt, nur am ersten Tag haben wir uns vor Ort gesehen. Die Accounts hatten wir bereits im Kurs B erhalten, da waren sie dann aber letztes Jahr nicht notwendig. Nach wie vor wirkt es auf mich vernünftig und kompetent, wie mit dem Thema Corona hier umgegangen wird. Alle zwei Wochen wird die Lage von der schwedischen Gesundheitsbehörde neu bewertet. Es kann also sein, dass unser Unterricht dann auch wieder in Präsenz durchgeführt wird, wobei man keine Maske trägt, die Einzeltische ausreichend Abstand zueinander haben und der Raum gut gelüftet wird. Der Unterricht im jetzigen Kurs B findet derzeit auf diese Weise vor Ort statt, was ich nachvollziehbar finde. Bei geringeren Sprachkenntnissen macht es nochmal einen größeren Unterschied aus, sich wirklich persönlich zu sehen, wie auch für die Integration.

Auch mich würde das natürlich freuen, um in den Pausen den Kontakt zu anderen zu haben und die Fahrten mit dem Fitnessstudio verbinden zu können. Es geht auch so, aber ich kann jetzt die Zeit im Homeschooling nicht nur als Lehrerin, sondern ansatzweise auch aus der anderen Perspektive nachfühlen… Respekt an alle Schülerinnen und Schüler, die es geschafft haben, da stundenlang auf die Videokonferenz konzentriert zu bleiben!

Insgesamt werden planmäßig wieder drei Zwischentests in den nächsten Wochen geschrieben, von denen man mindestens zwei bestehen muss, um für die Abschlussprüfung des Kurses zugelassen zu werden. Zusätzlich lerne ich weiterhin mit der App Duolingo, lese vielleicht auch mal ein schwedisches Kinderbuch und übe bei jeder Gelegenheit das Reden mit Nachbarn. Det går bra!

Manche Wörter sind auf Deutsch ähnlich, manche auf Englisch, und manche sind komplett neu.

38) Erweiterung

Wir haben ein zusätzliches Grundstück gekauft! Es ist nur 500 Meter von den drei Hütten und unserem Feld entfernt, liegt genau auf dem Weg zu unserem Waldstück und ist einen halben Hektar groß. Es hat eine günstigere Sonnenlage und ein paar Obstbäume, das Haus darauf ist besser isoliert als unsere Hütten und es bietet insgesamt mehr Platz und mehr Komfort.

Das Haus, ein paar Schuppen, ein Pavillon und ein Gewächshaus.

Wir haben viele Ideen für die zukünftige Nutzung der Orte mit Landwirtschaft, Ferienunterkunft und sonstigen Projekten… Die Nähe zueinander eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Jetzt gerade bin ich einfach erstmal froh, dass der Kauf so überraschend schnell geklappt hat. Das erleichtert die gesamten nächsten Wochen, in denen wir sonst wahrscheinlich weitere Besichtigungen gehabt hätten und auch mehr Stress durch die Unsicherheit, ob und wo wir etwas passendes „wintertaugliches“ finden würden. Jetzt können wir stattdessen unsere Energie schon so früh im Jahr auf die Arbeitssuche hier im Ort und auf die Pläne zur zunehmenden Selbstversorgung konzentrieren.

In meinem bisherigen Zimmer hier, mit weniger Fläche und auch weniger Gegenständen, fühle ich mich wirklich wohl. Ich werde mich daher bemühen, den Minimalismus-Gedanken auch dort noch mehr umzusetzen und nicht alles vollzustellen, nur weil dann der Platz da ist. Aber auf eine freie Fläche am Boden für die Yogamatte mit genug Raum für Bewegungen links und rechts davon freue ich mich zum Beispiel sehr.

Das gleiche gilt für den Komfort: es ist eine sehr gute Erfahrung für mich, mehrere Monate beispielsweise ohne jederzeit verfügbares Warmwasser hier zu wohnen oder eben für die Wege zwischen Küche, Bad und Schlafzimmer jedesmal an die frische Luft zu gehen. Jetzt durch den Realitätsabgleich zu wissen, dass ich eigentlich problemlos so leben kann, anstatt es nur zu vermuten, hat mir innerlich Stärke gegeben und auch zu einer anderen Wertschätzung und Dankbarkeit geführt für Dinge, die für mich davor selbstverständlich waren. Auch diese drei Gefühle will ich im neuen Haus beibehalten, obwohl wir dort mehr Bequemlichkeit haben werden, was auch schön ist.

Es bleibt also spannend hier! 🏡🏘

37) Eislaufbahn

Es ist kalt und schön winterlich hier. Die Bäche sind gefroren und auf dem See kann man spazieren gehen. Sogar eine Bahn zum Schlittschuhlaufen wurde darauf vom Skiverein angelegt:

Eislauf-Bahn auf dem See Rinnen

Jetzt, wo es auch noch geschneit hat, ist auf dem See anscheinend auch eine Langlaufspur angelegt. Das Foto ist allerdings von vor ein paar Tagen, als noch nicht wieder Schnee lag. Aktuell habe ich hier weder Schlittschuhe noch Langlaufski, aber vielleicht kommt das noch.

Die Tage drehen sich zentral immer um einen mindestens einstündigen Spaziergang, um das Sonnenlicht zu nutzen. Gestern zum Beispiel zum ebenso zugefrorenen und verschneiten See in Herredalen, wo am Ufer eine Windschutzhütte steht und man alles frei nutzen kann: Grill, Feuerholz, Sitzunterlagen…

Den Hasen habe ich nicht selbst gesehen, sondern ein Mitglied des Jagsvereins… Oben unsere Häuser, und rechts unten die Windschutzhütte.

Es passiert aktuell äußerlich nicht viel auf dem Grundstück, aber wir denken über die weiteren Pläne für den Frühling und Sommer nach… ich halte euch auf dem Laufenden! ☃️

36) Neujahr

Bei meinen rückblickenden Gedanken über das letzte Jahr sind natürlich der Entscheidungsprozess zum Auswandern und der Umzug hierher die zentralen Themen. In ein paar Tagen wohnen wir seit dann vier Monaten hier auf dem Grundstück, und einen Monat länger sind wir insgesamt in Schweden. Die 36 bisherigen Blogeinträge (bzw. 37 mit dem, der absichtlich unnummeriert ist) sind auch für mich selbst eine tolle Übersicht darüber, was in dieser Zeit so alles passiert ist. Und es freut mich sehr, dass ihr hier mitlest und mir teilweise auch schreibt!

Es gab bei uns in den Geschäften Feuerwerk zu kaufen, aber es ist hier wohl eher unüblich, das exzessiv zu machen an Silvester. Ein Nachbar ca. 500 m entfernt hatte gestern ein paar schöne, große Raketen, dadurch haben wir um Mitternacht durchs Küchenfenster ungefähr eine Minute lang ein Feuerwerk gesehen. Ganz kurz hat man es noch von woanders ein bisschen gehört, ansonsten war alles ruhig. Genau richtig für mich.

Ich habe viele Vorsätze, Ideen und Pläne für 2022. „Alle Wünsche werden klein, gegen den, gesund zu sein“ – dieser Spruch hing früher bei uns im Eingangsbereich daheim auf einer Holztafel, mir ist er aber erst Jahre später wieder eingefallen. Insofern wünsche ich mir und euch in erster Linie körperliche und geistige Gesundheit. Gutes neues Jahr!

35) Unterschiede

Der Urlaub in München war wunderschön, vorgestern bin ich wieder hier in Årjäng angekommen. Ich kann nur wiederholen, was ich im Oktober geschrieben hatte: wie toll es ist, sogar zwei Orte zu haben, an denen ich mich so wohlfühle und auf die ich mich jedes mal wieder freue. Zu einigen ganz verschiedenen Themen sind mir in letzter Zeit Unterschiede aufgefallen, die ich in diesem Artikel mal zusammenfasse.

  • Ein großer Unterschied bestand zeitlich zwischen der Hin- und der Rückreise, denn die Verbindung zurück war wesentlich besser. Auf dem Weg nach Deutschland musste ich um 3:30 morgens hier aus dem Haus und bin ziemlich genau zwanzig Stunden später, kurz vor Mitternacht, daheim angekommen. Vorgestern dagegen sind wir um 7 Uhr früh losgefahren und um 16 Uhr stand ich nach Flug, Zug-, Bus- und Autofahrt wieder auf meinem Grundstück, also nach neun Stunden Reisezeit von Haustür zu Haustür. Dafür war der Hinflug besonders schön: von Oslo nach Frankfurt bin ich Richtung Süden mit dem Sonnenuntergang „mitgeflogen“ und hatte die gesamten eineinhalb Stunden lang einen tollen Ausblick auf den bunten Himmel, weil ich auf der rechten Seite des Fliegers saß.
  • Ein weiterer Unterschied besteht zwischen Schweden und Norwegen und war mir in diesem Ausmaß vorher nicht bewusst: ein Teller Nudeln hätte am Flughafen in Oslo, an dem ich acht Stunden Aufenthalt hatte, ganze 25 Euro gekostet. Die Grenze ist etwa zwanzig Kilometer Luftlinie von unseren Hütten entfernt, und dahinter beginnt zumindest finanziell eine andere Welt…
  • In München wurde ich dann auch ab und zu gefragt, welche Unterschiede mir auffallen, beispielsweise bezüglich des Komforts. Und tatsächlich war der erste Luxus sofort am ersten Morgen spürbar und jetzt im Dezember auch wesentlich deutlicher als bei meinem letzten Besuch im Herbst: ich konnte in der Früh spontan warm duschen, ohne zwei Stunden vorher den Boiler anzuschalten. Das war toll… Weiterhin kam natürlich dazu, nicht täglich per Hand abspülen oder den Ofen reinigen zu „müssen“, aber das ist nichts, was mich inzwischen noch stört. Ich bin nur gespannt, ob mir in den nächsten Tagen hier etwas kälter sein wird als vor der Reise, weil vielleicht die Abhärtung ein bisschen rückgängig gemacht wurde. Mal sehen…
  • Bezüglich Corona ist mir ein weiterer Unterschied zwischen den Ländern bewusst geworden: in Deutschland besteht auf allen Seiten mehr Angst, beispielsweise vor der Überlastung des Gesundheitssystems, vor Folgen der Krankheit, vor Folgen der Maßnahmen oder vor der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung Spaltung und Überwachung. Selbst bei aller inhaltlicher Begründung ist ein so hohes Maß an Angst für niemanden eine gute Handlungsgrundlage, denke ich. Dieses „Pendel“ schlägt in Schweden in beide Richtungen weniger aus, soweit ich es mitbekomme: in den Medien wird nüchterner berichtet, die Politik agiert nachvollziehbarer, es entsteht insgesamt weniger Verunsicherung und es gibt keinen großen Anlass dazu, seine Grundrechte in Gefahr zu sehen. Wenn jemand für sich persönlich auf den zusätzlichen Schutz vor einem schweren Verlauf verzichten möchte und nicht geimpft ist, dann eben nicht, egal warum. Das hat nichts mit Solidarität zu tun, denn für die Bereitstellung einer ausreichenden Anzahl an Intensivbetten ist in einem freien Sozialstaat nicht der einzelne Bürger verantwortlich – erst Recht nicht nach fast zwei Jahren. Sonst entstehen zwei gegeneinander aufgebrachte Lager, und das ist für mich eine besorgniserregende und unbedingt aktiv zu verhindernde Entwicklung.* Eine solche Tendenz besteht hier nicht derart – ich kann da aber nur für meinen subjektiven Eindruck der Region sprechen, vielleicht ist es in großen Städten auch schon anders.
  • Der nächste Punkt bezieht sich ziemlich sicher eher auf den Unterschied zwischen Stadt und Land, als auf Deutschland und Schweden: die Hilfsbereitschaft. Vorgestern hat es ca. 20 cm geschneit und als wir ankamen hatten wir schon gesagt, dass wir mal die Einfahrt schaufeln sollten. Keine halbe Stunde später hören wir ein Motorgeräusch draußen: ein Nachbar, mit dem wir bisher keinen Kontakt hatten, sitzt auf einem Quad mit Schneepflug-Aufsatz und fragt, ob er räumen soll. Wir fragen, was es kostet? Nichts. Auch Weihnachtsbier will er nicht als Dank, er macht das, weil es ihm Spaß macht. Und auch dieser Facebook-Post eines achzigjährigen Nachbarn spricht für sich:
  • Zuletzt noch das Thema Dunkelheit als Unterschied: etwa eine Stunde früher geht die Sonne um die Wintersonnwende herum in München auf und eine Stunde später unter, als im verschneiten Årjäng:

* siehe auch: Meine Gedanken dazu, wie aktuell über die gegen Corona Ungeimpften gesprochen wird