In meinem Kopf ist nach wie vor nicht eingespeichert, dass ich in einem Land lebe, in dem vereinbarte Treffen manchmal wegen des Wetters abgesagt werden müssen. Aber genau so war es am Wochenende. Schon sehr lange war ein Spieleabend ausgemacht mit zwei Freundinnen, die ich im Sprachkurs kennengelernt hatte. Eine von ihnen wohnt etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Auto von uns anderen beiden entfernt, wir sehen uns nur alle paar Wochen. Wir haben uns aber alle vorgenommen, uns zukünftig öfter die Zeit für Treffen zu nehmen.
Jedenfalls war für den Freitag, an dem der Spieleabend bei ihr geplant war, schon im Voraus viel Schneefall online angekündigt. Das hat für mich aber in keinster Weise zu dem Gedanken geführt, dass das irgendwelche Konsequenzen haben könnte. Ich habe einfach überhaupt nicht dran gedacht. Am Freitag selbst war es, wie vorherzusehen, dann tatsächlich so, dass durchgehendes Schneegestöber vom Himmel kam, die Wege verweht wurden und die Straßen schwer sichtbar und kaum befahrbar waren. Hier wird nicht sofort geräumt und gestreut, alles braucht seine Zeit, und selbst auf der Haupt-Verbindungsstraße konnte man nur höchstens 40 km/h fahren, ist trotzdem beim Bremsen fast geschlittert und wäre ohne die hohen Warnstäbe links und rechts am Straßenrand, die genau diesen Zweck erfüllen sollen, relativ sicher im Graben gelandet.

Leider mussten wir das Treffen also wetterbedingt absagen, beziehungsweise verschieben. Das hat sich für mich sehr schwer und belastend angefühlt, obwohl es im Sinne des Risikos die richtige Entscheidung war. Das „naturnahe Leben“, das hier im Blog schon öfters erwähnt wurde und mitunter der Grund für das Auswandern war, hat sehr viele schöne Seiten, aber eben auch unangenehmere oder zumindest ungewohnte. Die Natur differenziert nicht in gut oder schlecht, sie ist einfach da. Aber wenn solche Treffen sowieso schon so rar und dadurch gefühlt wertvoll sind, fällt es mir umso schwerer, abzusagen (sei es aus wettertechnischen oder gesundheitlichen oder sonstigen Gründen).
À propos Gesundheit: Es geht auf jeden Fall aufwärts, aber es geht langsam und wird noch eine Weile dauern, bis ich (wieder) fit und leistungsfähig sein werde. Ich setze jetzt meine Gesundheit, insbesondere mein Immunsystem, an die erste Stelle. Dazu gehört beispielsweise eine tägliche To-Do-Liste, auf der unter anderem Spaziergänge, Supplements, Yoga vor der Tageslichtlampe, Fermente essen, Meditation und ausreichender Schlaf stehen. Ich versuche, konsequent zu sein. Dass mir das alles grundsätzlich gut tut, wusste ich auch in München. Aber eine Erkenntnis der letzten Wochen ist, dass solche Faktoren hier im Norden wohl nochmal eine empfindlichere Rolle spielen. Wer in Süddeutschland lebt und z.B. nicht so oft an der frischen Luft ist, bekommt dennoch ein bisschen mehr Vitamin D ab. Er wird die Folgen auch irgendwann spüren, aber nicht ganz so direkt wie hier. Man reagiert hier schneller auf äußere Einflüsse, weil man einfach näher an ihnen dran ist. Und wenn man, wie ich in den letzten Monaten, versehentlich die eigene Gesundheit als „so nebenher laufend“ betrachtet, bekommt man die Quittung sofort. Für Jost ist es absolut selbstverständlich, bei allen Entscheidungen grundsätzlich den eigenen körperlichen und mentalen Zustand immer zu berücksichtigen. Ich lerne das gerade erst. Früher habe ich, grob gesagt, zum Beispiel Sport gemacht, weil es halt Spaß macht, und nicht, um damit besondere gesundheitliche Ziele zu unterstützen. Oder mich einigermaßen ok ernährt, weil ich das so gewohnt war und nicht, weil ich meinem Körper bestimmte Nährstoffe geben wollte. Und vieles mehr. Aber spätestens wenn dieser Zustand, aus Gewohnheit irgendwie mehr richtig als falsch zu machen, wegfällt, muss er eben durch intentionales Handeln ersetzt werden.

Dadurch, dass ich meine letzte geplante Reise nach München zu Weihnachten wegen meines hohen Fiebers absagen musste (was ebenfalls wirklich schwer für mich war, obwohl definitiv korrekt entschieden) und wir die Feiertage hier zu zweit verbracht haben, sind mir noch weitere Gedanken gekommen, die für eventuelle zukünftige Auswanderer relevant sein könnten. Man wird durch diesen Schritt ja in vielerlei Hinsicht auf sich selbst zurückgeworfen oder reduziert. Man nimmt ein paar Gegenstände, seine eigene Geschichte und seine Gewohnheiten mit, ebenso die Partnerschaft, aber viele Routinen oder das, was man im Lebensumfeld als „normal“ empfindet, bleibt daheim (zusätzlich verstärkt durch den Wechsel von der Stadt aufs Land). Dadurch muss man sich wesentlich stärker mit sich selbst beschäftigen und wird damit konfrontiert, neue Prioritäten bewusst zu setzen. Ich habe beispielsweise gemerkt, dass mir der Heilige Abend an sich, ohne das traditionelle Familienfest, quasi überhaupt nichts bedeutet (kein festliches Essen oder „besinnliche“ Stimmung). Wir haben ihn als einen Abend wie jeder andere verbracht, und das war vollkommen ok. Man muss sich damit auseinandersetzen, was einem auch ohne die zugehörige Tradition wirklich wichtig ist und was nicht und dann, im zweiten Schritt, sich selbst sozusagen neu erfinden, dem Leben die eigene Struktur geben und die paar Dinge, die man für sich als wirklich wertvoll erachtet und die man neu einführen oder beibehalten möchte, dann auch ernst nehmen und tatsächlich umsetzen (z.B. Ruhe in der Natur).
Ich hoffe, ein paar der in diesem Artikel beschriebenen Aspekte sind für den ein oder anderen Leser verständlich. Es ist wahrscheinlich nicht ganz leicht, sich das so vorzustellen und sich hineinzuversetzen und es nachzuvollziehen, wenn man keinen Winter über in Skandinavien oder einer vergleichbaren Gegend gelebt hat. Hier passiert momentan – seit meinem letzten Artikel über die montierten Fernlichter – äußerlich eben nicht allzu viel, über das sich berichten ließe. Das ist ja genau der Punkt, hier in der kalten und dunklen Jahreszeit… Man geht in eine Art Winterschlaf oder Verpuppung, kehrt sich eher nach innen und hat sehr viel Zeit zum Nachdenken und Weiterentwickeln, um dann im Frühling wieder aufzutauen. Wie konstruktiv das am Ende für jeden Einzelnen ist, liegt zum Großteil in der eigenen Hand. Aber man kommt diesem Zustand fast nicht aus, auch wenn man es wollte, weil unnatürlich viel Überwindung dazugehören würde, dauerhaft aktiv zu sein und sich von solchen Gefühlen durch forcierte Betätigung abzulenken, wenn es draußen so lange so kalt und so dunkel ist. Deswegen: lieber den Winter als solchen annehmen und für innere Arbeit nutzen, und dann wieder auf die Phase der Wärme und Helligkeit freuen, die das alles mehr als ausgleicht (wie ich inzwischen zum Glück aus meiner eigenen Erfahrung des Frühlings und Sommers weiß).
Wer hier die Blogbeiträge des letzten Winters liest, kann diese Tendenz dort vielleicht ebenfalls schon erkennen. Mit dem großen Unterschied allerdings, dass sich die letzten Monate des Jahres 2021 in den Hütten mehr wie Abenteuerurlaub als Alltag angefühlt haben. Und am 2. Januar 2022 bin ich bei einem Spaziergang spontan im Haus einer Nachbarin gelandet, mit der wir zuvor noch nie gesprochen hatten, und habe mit ihr darüber geredet, dass sie dieses Haus eventuell verkaufen will, und so kam es, und wir hatten einen Umzug zu organisieren. Dadurch waren die ersten Monate des neuen Jahres ungewöhnlich ereignisreich…
Du schreibst, dass der „Heilige Abend an sich, ohne das traditionelle Familienfest, quasi überhaupt nichts bedeutet“. Bist du darüber traurig/erstaunt/erfreut gewesen oder einfach neutral? Was „bedeutet“ denn Weihnachten für dich? Und wie ist das mit allen anderen Familienfesten wie Geburtstage, Ostern etc.? Wie ist es für dich, das ohne traditionelle Familienessen und ganz anders als „früher“ zu feiern?
Gute Frage! 😊 Da ich nicht mehr religiös bin und den 24. Dezember immer primär als Familientreffen statt als christliches Fest gesehen habe, hat mich das an sich nicht gewundert. An Silvester dagegen ist es bei uns beiden schon eher Tradition, abends etwas Schönes zu kochen (diesmal Lammschulter von der Nachbarin), obwohl wir auch da den Jahreswechsel als Anlass nicht überbewerten. An Ostern habe ich gemerkt, dass mir auch unabhängig von den Familientreffen ein ausgiebiges Frühstück wichtig ist, und das machen wir dann auch… Diese Situation, den Weihnachtstag anders zu verbringen als seit Jahrzehnten gewohnt, hat sich für mich zunächst im Vorfeld ziemlich schlimm angefühlt. Ich hab es dann aber schon geschafft, das nicht so dramatisch zu sehen… Sich da mehr reinzusteigern als „nötig“ schadet ja nur. Und der Abend selbst war dann wie gesagt auch bei uns einfach schön gemütlich und entspannt.